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04. März 2017 10:55; Akt: 04.03.2017 11:16 Print

Irren ist menschlich

Technisch wäre das autonome Fahren kein Problem. Wenn da bloss der Mensch nicht wäre.

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Wenn im kommenden Herbst die ersten schwedischen Familien im Rahmen des «DriveMe»-Projekts in autonom fahrenden Volvo XC90 auf die Strassen rund um Göteborg rollen, werden sieben Kameras auf die Insassen gerichtet sein. Sie werden jede Bewegung, jedes Augenzucken sowie jede ungewöhnliche Handlung des Fahrers und auch der Passagiere direkt in das Forschungszentrum von Volvo übertragen. Dort wird unter anderem Trent Victor, Senior Technical Leader Crash Avoidance, das Verhalten der Menschen im Auto genau studieren. Der Kanadier, studierter Psychologe, wird sich aber nicht dafür interessieren, was die Familienmitglieder so plaudern, sondern einzig und allein dafür, wie sie auf ihren selbstfahrenden Volvo reagieren. Was sie freut, was sie ärgert – und vor allem: was sie in Stresssituationen bringt.

Volvo bietet bereits jetzt sich semi-autonom bewegende Fahrzeuge an, die Produkte der SPA-Reihe (S90, V90, XC90) können auf Autobahnen einigermassen selbstständig fahren, sogar überholen. Die Fahrerin, der Pilot muss dabei zwar die Hände am Lenkrad haben, doch die schwedischen Fahrzeuge können tatsächlich einiges auch ganz allein. Der nächste Schritt ist nun das «DriveMe»-Programm, in dem ausgesuchte Familien vorerst nur in XC90 und nur im engeren Umkreis von Göteborg tatsächlich chauffiert werden. Mit insgesamt 100 Fahrzeugen will Volvo das eigene Projekt begleiten; sie sollen alles können, was ein Auto im Pendlerverkehr können muss – und am eingegebenen Ziel parkieren sie dann auch noch selbstständig.

Die Schweden gehen bei ihrem Projekt einen anderen Weg als alle anderen Anbieter. Die deutschen Hersteller entwickeln ihre Software zusammen mit den bekannten Zulieferern wie Bosch oder Schaeffler im stillen Kämmerlein, testen heimlich – und sind, wie es heisst, kurz vor dem Ziel. Die Frage müsste sein, was denn ihr Ziel ist: teilautomatisiert, hochautomatisiert oder gar vollautomatisiert. Zu Letzterem, also zum vollkommen autonomen Fahren ohne Eingriff eines Fahrers, wollen Mercedes, Audi & Co. allerdings noch keinen Zeitplan aufstellen.

Tesla geht einen komplett anderen Weg, die Entwicklung ist fortlaufend – und die Kunden werden quasi als «Versuchskaninchen» gebraucht. Bei den fast wöchentlichen Updates der Software werden nicht nur die neusten Entwicklungen in die Fahrzeuge hochgeladen, sondern auch die «Erfahrungen» zurück übermittelt. So kann Tesla direkt auf der Strasse testen, wie die Bedürfnisse der Besitzer sind, wo allfällige Fehler liegen und wie die Systeme überhaupt verwendet werden. Der Vorteil: Tesla kommt sehr einfach an die wirklich relevanten Daten aus dem Alltag der Besitzer, und das erst noch in grossen Mengen. Der Nachteil: Man will sich gar nicht erst vorstellen, was passieren könnte, wenn die Systeme nicht sauber programmiert sind – oder gar versagen. In den USA könnte das den Ruin eines Unternehmens bedeuten.

Im Gegensatz zu allen anderen Herstellern übernimmt Volvo nun aber die volle Verantwortung über seine Fahrzeuge. Und das ist ein wichtiger Punkt. Während sich Tesla, Mercedes & Co. derzeit noch komplett bedeckt halten, wenn es um allfällige Haftpflichtfragen geht, haben die Schweden angekündigt, dass sie so viel Vertrauen in ihre Hard- und Software haben, dass sie auch dafür geradestehen können. Das sind grosse Worte – aber Volvo will ja auch bis spätestens 2020 erreichen, dass niemand mehr in einem (neuen) Volvo bei einem Unfall sterben muss. Selbstverständlich helfen dabei die schon sehr hohen Sicherheitsstandards der schwedischen Automobile, doch um dieses Ziel wirklich erreichen zu können, braucht es weit mehr als Unmengen von Airbags und elektronischen Assistenzsystemen. Das weiss auch Trent Victor: «Wir sind seit vielen Jahren daran, sämtliche Unfälle auf den schwedischen Strassen mit unseren eigenen Teams auszuwerten – und wissen deshalb sehr genau, wo die Schwachstellen liegen.»

Und das ist eigentlich fast immer: der Mensch. Zu schnell, betrunken, überfordert, abgelenkt. Auch die Strassen- und Wetterverhältnisse haben einen Einfluss: Schnee, Eis, Nebel, starker Regen. Wenn das Automobil nun aber selber fährt, dann wird es die Geschwindigkeit jederzeit anpassen – und betrunken sind Computer nie. Je höher die Automatisierung ist, desto mehr Fehlerquellen könnten – theoretisch – ausgeschaltet werden. Und genau hier setzt das Projekt «DriveMe» an: Die Psychologen im Volvo-Team wollen genau beobachten, was die Insassen machen, wenn ihnen die Verantwortung des Selbstfahrens abgenommen wird. Greifen sie zum Beispiel trotzdem noch ein, wenn sie eine Situation als gefährlich erachten, oder vertrauen sie den Rechenmaschinen? Und: Was braucht es, damit sie ihnen vollkommen vertrauen?

Auch Trent Victor ist klar, dass jeder Mensch anders reagiert. Da sind die coolen Mütter, die ihre Söhne zum Fussball fahren, da sind die hysterischen Geschäftsmänner, die es immer eilig haben, da sind ältere Menschen, die volles Vertrauen in die moderne Technik haben, da sind junge Leute, die sich nicht vorstellen können, dass so etwas überhaupt funktionieren könnte. Aber gerade das, sagt Victor, mache die Versuchsanordnung ja so spannend, denn: «Es muss ja immer funktionieren – für alle, zu jeder Tageszeit, bei jedem Wetter. Und je mehr Daten wir haben, desto genauer können wir die Reaktionen der Menschen berechnen.» Sind da 100 Autos nicht zu wenig? Victor: «Es ist ein guter Anfang, und sobald wir es als richtig erachten, werden wir das Projekt ausbauen. Es folgen die USA und China, wo wir völlig andere Begebenheiten als in Schweden vorfinden werden.»

Eingebunden in das Projekt «DriveMe» sind selbstverständlich auch Software-Entwickler, Zulieferer – und der schwedische Staat über Trafikverket, das Transportministerium. Dort ist Anders Lie für die Zusammenarbeit mit Volvo zuständig, und er beobachtet die Entwicklungen mit grossem Interesse. «Für uns sind viele Komponenten dieses Projekts spannend», sagt der Verkehrsexperte, «es muss oberste Priorität sein, so viele Unfälle wie möglich zu verhindern. Aber es geht uns natürlich auch darum, den Verkehrsfluss zu verbessern und die Emissionen zu verringern.»

Und wie läuft die Zusammenarbeit mit dem Automobilhersteller? «Bestens», erzählt Lie, «auch wenn wir uns etwas gewundert haben, dass Volvo auf keinen unserer Vorschläge eingehen wollte. Wir hätten Extraspuren einrichten können oder auch so etwas wie eine Magnetschiene, welche die Autos leiten könnte, doch Volvo will seine Fahrzeuge im ganz normalen Verkehr einsetzen.» Müssten denn die Strassen umgebaut werden, wenn ganz viele autonome Fahrzeuge unterwegs wären? «Nein, das ist nicht nötig», meint Lie, «die autonomen Autos fahren viel präziser, weichen nicht von der Spur ab und machen keine unnötigen Manöver. Was es aber wohl geben wird, sind Geschwindigkeitsanpassungen – nach unten.»

Alle wichtigen Infos zur Geneva International Motor Show findest du hier.

(pruüü)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Homer J. Simpson am 04.03.2017 19:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ITler

    Die Software ist immer nur so gut wie die Programmierer dahinter. Also in diesem Fall, ein Mensch. Und da ich in diesem Umfeld (IT) arbeite weiss ich. dass auch dem besten Programmierer ein Fehler unterlaufen kann. Ich bin nicht gegen das autonome Fahren. Ich finde in manchen Situationen kann sowas ganz nützlich sein. Aber selber fahren und das Fahrzeug beherrschen macht für mich immer noch am meisten Spass :-)

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  • CaptainLonestarr am 05.03.2017 07:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schade

    Ich gehöre wohl zu einer aussterbenden Art die tatsächlich noch grossen Spass am selber fahren hat. (ausser vielleicht im Stau). War gerad ei halbes Jahr durch Südamerika unterwegs, machte viel Spass dort zu fahren. Ich glaube dort wird es wojl noch Jahrzehnte dauern bis das kommt. Der Verkehr ist in den Städten sehr komplex und auf dem Land sind die Strassen meist Pisten oder Spuren im Sand.

  • Daniel Frei am 04.03.2017 12:15 Report Diesen Beitrag melden

    Die Zukunft ist schon da.

    Das Spannende ist: Fast alles, worüber in diesem Artikel geschrieben wird, ist bei Tesla heute schon Realität und funktioniert täglich in Millionen Fahrten weltweit.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Who am i am 13.03.2017 00:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Autonome fahrten nein danke

    Sobald das Autonome fahren in der Schweiz zugelassen wird gehe ich nicht mal spazieren ich trau dem nicht mal ansatzweise

  • automatisch dorthin wohin die uns wollen am 05.03.2017 13:55 Report Diesen Beitrag melden

    Freiheit

    Heute noch sind wir frei so zu fahren und dort hin zu fahren wo wir hinwollen und wie wir hinwollen. Wann kommt der Tag wo wir völlig abhängig werden und uns nicht mehr selber lenken dürfen und können? Wann kommt der Tag wo der Staat zur Haft ausgeschriebene direkt im Auto in die Haftanstalt fahren lässt? Wann kommt der Tag an dem diese Technologien gegen Menschen eingesetzt werden? Man bedenke: Wer diese Technologie beherrscht, beherrscht die Menschen im Fahrzeuginnenraum. Wer wird diese Technologien beHerrschen? Damit kann man Menschen entführen, verschleppen und sonst was. Kontrolle.

  • CaptainLonestarr am 05.03.2017 07:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schade

    Ich gehöre wohl zu einer aussterbenden Art die tatsächlich noch grossen Spass am selber fahren hat. (ausser vielleicht im Stau). War gerad ei halbes Jahr durch Südamerika unterwegs, machte viel Spass dort zu fahren. Ich glaube dort wird es wojl noch Jahrzehnte dauern bis das kommt. Der Verkehr ist in den Städten sehr komplex und auf dem Land sind die Strassen meist Pisten oder Spuren im Sand.

  • Diegito am 04.03.2017 23:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Volvo!!

    Falls das ein Auto schafft, dann Volvo!

    • Marc am 05.03.2017 10:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Diegito

      Noch letzte Jahr hat Volvo behauptet das wird keiner schaffen, da ihr Volvo einige Presseläute auf der Motorhaube liegen hatte die er überfahren hat. Bei Tesla sieht man die Parameter des Autopiloten und kennt die Grenzen. Das System funktioniert super. Ich teste es heden Tag.

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  • Steven Reynard am 04.03.2017 21:40 Report Diesen Beitrag melden

    Zeitverschwendung

    Autos die ich nicht mehr lenken muss gibt es schon so lange ich denken kann. Sie heissen Taxis.

    • Peter Hofmeister am 05.03.2017 07:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Steven Reynard

      Genau Taxi. Dann Pendel doch mal jeden Tag mit einem Taxi.

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