Hitec Eco Car vs. McLaren 720S

13. Juli 2018 15:51; Akt: 13.07.2018 15:51 Print

«'s Rucksäckli» und die Gottesanbeterin

Ein Automuffel testet das billigste E-Mobil Eco Car und den Supersportwagen McLaren 720S. Er entdeckt bei diesen Extremen der Automobilität mehr Gemeinsamkeiten als erwartet.

(Video: P. Stirnemann)
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Autos sind für mich Werkzeuge, keine Statussymbole. In ein Auto mehr Geld und Zeit zu investieren als unbedingt nötig, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Und wenn Kollegen über das technische Innenleben ihrer vierrädrigen Identitäts-Verstärker fachsimpeln, schaltet mein Hirn normalerweise selbsttätig auf Energiesparmodus. Deshalb war ich auch überzeugter Dacia-Fahrer – bis vor kurzem, aber das ist eine andere Geschichte.

Ein Doppel-Test zweier Extreme

Die Einladungen zum Testfahren kamen praktisch zeitgleich herein: Einerseits für den Hitec Eco Car, einen ultrakleinen, ultrasauberen, ultragünstigen Elektro-Wagen made in China, veredelt und Europa-kompatibel gemacht im beschaulichen Stetten AG.

Andererseits für den McLaren 720S, einen wahnsinnig schnellen, wahnsinnig teuren (für mein Budget) und wahnsinnig eleganten Super-Sportwagen made in Woking, England. Kurz: Der perfekte Kontrast für einen Doppeltest zweier automobiler Extreme.

Hitec Eco Car

Der Empfang in Stetten AG ist überschwänglich. Die Brüder Peter und Christian Matz, die den Eco Car in die Schweiz gebracht haben, brennen für ihre Vision, den Schweizer Individualverkehr sauberer und leiser zu machen.

Sie wollen nicht aufhören zu erzählen, wie sie die chinesische Technologie durch alle Instanzen EU- und Schweiz-tauglich gemacht haben. Alle sicherheitsrelevanten Teile seien ersetzt worden durch europäische Fabrikate. Die Blei-Gel-Batterie sei viel günstiger als die Lithium-Jonen-Batterien anderer Elektromobile. Die Technologie sei bewährt und es gebe kein Brandrisiko.

Und: Der Wagen sollte nicht teurer sein als der billigste Benziner – mit 9900 Franken ist dieses Ziel erreicht, allerdings muss man dafür drei Jahre lang einen Werbeaufkleber für Eco Car durch die Gegend fahren.

McLaren 720S

Hervorgegangen aus dem Rennstall McLaren Racing, begann McLaren Automotive 2010 im englischen Woking mit der Produktion von strassentauglichen Supersportwagen. Der McLaren 720S wurde im März 2017 als Nachfolger des McLaren 650S am Automobilsalon in Genf zum ersten Mal präsentiert.

Er zeichnet sich aus durch ein leichtes, äusserst stabiles Karbon-Chassis, und die Zahl 720 im Namen steht schlicht für 720 Pferdestärken. Zu haben ist der Wagen für rund 300'000 Franken.

«'s Rucksäckli»

Der erste Blick auf den Fuhrpark bei Eco Car ist von finaler Eindeutigkeit: Schön ist der Mini-Wagen nicht. Daran kann auch die mutige Truck-Optik an der Front nichts mehr ändern. Mögen Grafiker und Architekten in ihren Nerdgeräten vom Liegevelo bis zum Twike noch Resteleganz erkennen, wird der Eco Car selbst als Öko-Statussymbol wohl ausschliesslich mit inneren Werten überzeugen müssen.

Doch das bedeutet nicht, dass man ihn nicht mögen kann: Beim Testen taucht der liebevolle Name «'s Rucksäckli» auf. Und der bleibt im Kopf haften.

Die Gottesanbeterin

Die Türen aufgestellt, so, wie eine prachtvolle Gottesanbeterin in Droh-Haltung die Flügel spreizt. Böse blitzen die Scheinwerfer-Augen den Betrachter an: Ganz wie vom Hersteller gewünscht, verbreitet die McLaren 720S vor dem Eingang des B2 Boutique Hotels in Zürich den Eindruck von «furchterregender Kraft und Leistungsfähigkeit».

Die Hotelgäste sind aus dem Häuschen und vergessen jeweils sofort, weshalb sie eigentlich vor die Tür gekommen sind. Dem Auto ein weibliches Geschlecht zuzuschreiben ist nüchtern betrachtet natürlich idiotisch! Aber mit Kopfsachen kommen wir hier nicht weiter: Es ist einfach so.

Gemütlich durch die Quartiere

Platz genommen im «Rucksäckli». Was sofort auffällt, ist die 360-Grad-Panorama-Sicht im Cockpit auf die Aargauer Landschaft, da kommt ein wenig Raumschiff-Feeling auf. Startknopf drücken und nach einer atemberaubend engen Wende auf dem Parkplatz zügig losgerauscht durch die umliegenden Quartierstrassen. Das Motörchen surrt futuristisch, dank Eco-Mode ist das Tempo auf 50 km/h begrenzt, das spart noch mal 30 Prozent Strom und schützt vor Blitzern.

Das Fahrgefühl ist angenehm, man identifiziert sich sogleich mit Pöstlern und Milchmännern, die sich effizient und möglichst risikolos bewegen sollen. Unebenheiten spürt man direkt, sonst fährt sich der Eco Car aber sehr komfortabel und gemütlich.

Ausserorts dann die Beschleunigung im Normalmode: von Null bis 80 km/h dauert es sehr, sehr lange – nach Herstellerangaben 14 Sekunden. Danach ist Schluss; die Autobahn ist tabu für «‘s Rucksäckli».


Rasant durch den Schwarzwald

Mit schweissigen Händen ins Cockpit der «Gottesanbeterin» geschlüpft und die Flügel eingeklappt. Trotz ebenfalls vorhandener Rundumsicht ist Manövrieren auf dem engen Parkplatz ein Nervenkrieg. Eine Fehlmanipulation, ein Abrutschen am Pedal, und die Katastrophe ist perfekt. Mit Mikro-Bewegungen am Gaspedal geht es über die ersten 200 Meter Kopfsteinpflaster, dann durch den Stop-and-Go-Verkehr der Innenstadt.

Später, wir haben die Schweiz längst hinter uns gelassen, fassen wir Vertrauen zueinander. Die McLaren 720S gehorcht aufs Wort. Schon im – zahmsten – Comfort Mode gibt sie dem Lenker fast die totale Entscheidungsfreiheit: Ich wähle ein Ziel und bin schon da. In unglaublicher Eleganz surfe ich durch endlose Schwarzwald-Kurven und verfalle dem diskreten, doch mächtig-tiefen Motorengeräusch unter mir vollends.

Dass ich dabei als Einziger im Konvoi noch immer wie ein Mittelklasse-Lenker vor mich hintuckere, fällt mir gar nicht auf. Irgendwann verliert der erfahrene Autojournalist im Beifahrersitz aber die Nerven und fragt so höflich, wie er nur kann, ob nicht er das Steuer übernehmen solle, wir kämen dann vielleicht etwas früher an.

Was folgt, ist atemberaubend, wenn auch nicht jederzeit völlig legal: Wie ein Flipper-Ball springt der Wagen von Lücke zu Lücke und klebt dabei selbst in scharfen Kurven wie angeschraubt am Boden. Der Kollege bringt dabei mit der Handschaltung eine bösartig-schöne Soundkulisse zum Klingen. Nach der Ankunft sind meine Hände schon wieder schweissig. Ich bin verblüfft über eine Seite an mir, die ich bisher nicht kannte, und ziemlich traurig darüber, dass es schon vorbei ist.

Fazit

Beide Wagen sind für Sofa-Hintern einigermassen hart gefedert. Natürlich gibts dafür bei beiden gute Gründe, aber die Parallele überrascht halt doch.

Beide Wagen leiden fundamental an ihrer Begrenzung: Die McLaren 720S kann selbst auf deutschen Autobahnen nur einen Bruchteil ihres wahren Potenzials ausspielen. Und als Auto, mit dem man gar nicht auf die Autobahn kann, ist der Eco Car schlicht zur Nischenexistenz verdammt.

Was bei beiden Wagen aber richtig Spass machte, war die Wirkung auf Passanten. Ganze Familien drängten sich bei jedem Halt schmachtend um die McLaren und wollten unbedingt alles erfahren. Und selbst im Nachbardorf verdrehen die Passanten noch immer die Hälse, wenn man mit dem Eco Car an ihnen vorbeifährt. Kaufen würde ich selbstverständlich beide, wenn ich könnte: Die McLaren 720S für das Herz, den Hitec Eco Car für den Kopf.

(loo)