Alain Berset

05. Oktober 2011 07:38; Akt: 05.10.2011 09:42 Print

«Ich habe keine Leichen im Keller»«Ich habe keine Leichen im Keller»

von Ronny Nicolussi, Freiburg - Alain Berset ist Kronfavorit für die Nachfolge von Calmy-Rey. Hat der Freiburger Ständerat denn keine Schwächen? 20 Minuten Online hat ihn in die Mangel genommen.

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«Das war eine sehr besondere Situation», sagt Bundesratskandidat Alain Berset zur Abwahl Christoph Blochers 2007. (Bild: Keystone/Daniel Bieri)

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Sind Sie nicht zu jung für den Bundesrat?
Alain Berset: Ich werde bald 40 Jahre alt sein. Das entspricht exakt dem Durchschnitt der Schweizer Bevölkerung. Doris Leuthard war bei ihrer Wahl in den Bundesrat drei Jahre älter als ich heute und Ruth Metzler sogar vier oder fünf Jahre jünger als ich.

Das sind die beiden Ausnahmen. Um vergleichbar junge Bundesräte zu finden, muss man zurück ins 19. Jahrhundert gehen.
Es ist positiv, wenn im Bundesrat nicht nur verschiedene Meinungen und Politiker mit unterschiedlichen beruflichen Erfahrungen, sondern auch verschiedene Generationen vertreten sind. Das gehört dazu, um ein gutes Team zu bilden.

Sie gelten als grosser Favorit. Sind Sie schon gewählt?
(Lacht) Sicher nicht. Der Weg in den Bundesrat ist weit und vor den Wahlen müssen sich alle Kandidaten einer harten Debatte unterziehen. Das finde ich gut.

Weshalb haben Sie nicht den Ausgang der eidgenössischen Wahlen abgewartet, um Ihre Kandidatur anzukündigen?
Man sollte etwas sagen, wenn man etwas zu sagen hat. Ich habe vier Wochen reiflich überlegt und mich dann entschieden. Es wäre künstlich gewesen, diesen Entscheid noch nicht zu kommunizieren.

Dann haben die Wahlen keinen Einfluss mehr auf ihren Entscheid?
Die haben sehr wohl einen Einfluss!

Aber Sie haben sich ja bereits entschieden?
Damit ich überhaupt als Bundesrat gewählt werden könnte, muss ich bei den Ständeratswahlen im Kanton Freiburg gewählt werden. Ich habe vor allen Wahlen grossen Respekt.

Das Schweizer Politsystem hat die Eigenheit, dass Bundesräte in erster Linie von den politischen Gegnern gewählt werden. Dadurch werden mitunter fähige Kandidatinnen und Kandidaten – wie Karin Keller-Sutter im vergangenen Jahr – nicht berücksichtigt. Besteht diese Gefahr bei Ihnen auch?
(Lacht) Es ist nicht an mir, darauf eine Antwort zu geben. Ich bringe viele Erfahrungen als Politiker mit. Als Ständeratspräsident habe ich im In- und Ausland wertvolle Erfahrungen sammeln können. Als Präsident der Verwaltungsdelegation, die die Parlamentsdienste führt, habe ich Exekutiverfahrung auf Bundesebene. Kurzum: Ich bringe gewisse Fähigkeiten mit. Aber am Ende ist es an der Fraktion, eine Empfehlung abzugeben, und dann an der Bundesversammlung, eine Wahl zu treffen.

Sie haben zwar Exekutiverfahrung, im Vergleich zu Ihrem grossen Konkurrenten, dem Waadtländer Regierungsrat Pierre-Yves Maillard, allerdings sehr wenig.
Die Frage ist doch: Was befähigt jemanden zum Bundesrat? Man braucht gründliche Kenntnisse des Landes, muss teamfähig sein, braucht gute Kenntnisse des Parlaments und muss fähig sein, klar gesetzte Zielvorgaben zu erreichen. Solche Fähigkeiten kann man sich aber auch ohne vorherige Exekutiverfahrung aneignen. Doris Leuthard beispielsweise hatte keine Exekutiverfahrung. Kann man deswegen behaupten, sie sei eine weniger gute Bundesrätin als ihre Kolleginnen und Kollegen?

Maillard hätte gegenüber Ihnen zudem den Vorteil, dass er aus dem Arc Lémanique stammt. Mit Ihnen würde ein weiterer Vertreter des Mittellandes gewählt.
Und?

Gemäss Bundesverfassung müssen die Regionen angemessen vertreten sein.
Ich bin Schweizer, ich bin Romand und ich bin Freiburger. Der Bundesrat kann meiner Meinung nach aber nicht nur eine Summe regionaler Interessen sein. Sonst werden sieben Bundesratssitze nie genug sein. Mit der Abschaffung der Kantonsklausel vor über zehn Jahren hat die Bevölkerung ein klares Signal gesetzt. Sie will Kompetenzen und eine gute Zusammensetzung im Bundesrat haben. Kantonale Ansprüche sind zweitrangig. Wichtig ist hingegen die Vertretung der Romandie. Die Minderheiten haben das Recht, vertreten zu sein. Und ich kann die Romandie vertreten.

Die italienische Schweiz jedoch nicht. Seit zwölf Jahren vertritt diese Minderheit niemand mehr im Bundesrat, obschon die Bundesverfassung eine angemessene Vertretung vorschreibt.
Als Ständeratspräsident habe ich hautnah gespürt, wie wichtig der Zusammenhalt in unserem Land ist. Das Miteinander, gegenseitiger Respekt und die Rücksichtnahme aufeinander war mir immer wichtig. Ich gehe deshalb davon aus, dass ich die lateinische Schweiz vertreten kann. Vielleicht auch deshalb, weil ich das Tessin gut kenne. Ein wichtiger Teil meiner Familie lebt in Bellinzona.

Es geht aber nicht allein um das Tessin, also um einen Kanton. Zur Diskussion steht die Vertretung der italienischen Schweiz.
Ich habe vom Tessin gesprochen, weil ich von Tessiner Kandidaturen weiss, die erwogen werden, keine Bündner. Und man darf nicht vergessen, bis jetzt war das Tessin meistens neben zwei Vertretern der Romandie im Bundesrat vertreten.

Sprechen Sie Italienisch?
Sprechen nicht, aber ich verstehe es. Ich bräuchte lediglich kurze Zeit, um mich einzuarbeiten.

Neben den Ansprüchen sprachlicher Minderheiten könnte Ihnen auch die Wahl Jean-François Rimes in den Bundesrat gefährlich werden. Wird der Freiburger Nationalrat für die SVP gewählt, sänken ihre Chancen auf eine Wahl ins Bodenlose.
Das ist alles Spekulation. Ich konzentriere mich auf meine Kandidatur.

Hat die SVP denn Anspruch auf zwei Sitze im Bundesrat?
Ich habe immer im Sinne der Konkordanz gewählt und so will ich das auch weiterhin tun. Die Konkordanz ist etwas Wichtiges.

Dann werden Sie Eveline Widmer-Schlumpf abwählen?
Das ist tatsächlich ein Dilemma. Einerseits ist die Konkordanz sehr wichtig. Andererseits gibt es in der SP eine sehr hohe Hürde, um Bundesräte abzuwählen. Die Parteien müssen nach den Wahlen entscheiden, wie sie das handhaben wollen.

Bei Christoph Blocher hatte die SP keine grosse Hemmungen, einen Bundesrat abzuwählen.
Das war eine sehr besondere Situation. Und niemand bestritt das Anrecht der SVP auf diesen Sitz.

Auffällig ist, dass bei den jüngsten Wahlen ausnahmslos Sachpolitiker in den Bundesrat gewählt worden sind. Ihnen wird dieses Prädikat ebenfalls attribuiert. Ist die Zeit der Selbstdarsteller namens Blocher, Couchepin oder Calmy-Rey im Bundesrat vorbei?
In den letzten Jahren haben wir gesehen, dass es für ein gut funktionierendes Team Leute braucht, die fähig sind zusammenzuarbeiten. Die Arbeit des Bundesrats der letzten drei, vier Jahre schätze ich sehr. Es scheint ein System zu sein, das für die Schweiz gut passt.

Sie haben gesagt, man stellt keine Bedingungen, wenn man als Bundesratskandidat antritt. Sicher haben Sie sich jedoch schon überlegt, welches Departement ihnen am gelegensten käme.
Natürlich wäre ich als Bundesrat bereit, jedes Departement zu übernehmen. Das gehört dazu und habe ich bei meinem Entscheid für eine Kandidatur mitberücksichtigt. Aber es ist auch klar, dass ich für gewisse Departemente durch meine Arbeit der letzten paar Jahre geeigneter wäre: Ich habe mich vor allem mit Wirtschaftspolitik und Finanzen auseinandergesetzt. Zudem habe ich auch viel mit politischen Institutionen im In- und Ausland gearbeitet. Doch als Ständerat ist man Generalist.

Werden Sie in den Bundesrat gewählt, werden Sie wohl kaum miterleben, wie Ihre Kinder aufwachsen. Stellen Sie ihre politische Karriere über ihre Familie?
Das war in den letzten Wochen eine wichtige Frage. Meine Kinder sind jetzt alle im Schulalter. Wir sind gemeinsam zum Schluss gekommen, dass diese anspruchsvolle Aufgabe mit meiner Familiensituation machbar ist.

Es liegt in der Natur der Medien, dass der bisherige Weg eines Bundesratskandidaten in den Wochen vor den Wahlen sehr genau unter die Lupe genommen wird. Fürchten Sie sich davor?
(Lacht) Wieso auch? Ich habe keine Leichen im Keller.

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  • Patrick savarez am 08.10.2011 18:18 Report Diesen Beitrag melden

    Es lebe Berset!

    Wäre für einmal jemanden bedächtig an der Macht. Ich wähle für ihn. Es lebe die Offenheit und die Klugheit!

  • Alexander am 06.10.2011 14:46 Report Diesen Beitrag melden

    SP BR-SITZE MCR + SS STEHEN ZUR AUSWAHL

    Jetzt hat das CH-Parlament die einmalige grosse Chance Zeichen zu setzen und gleich zwei SP-BR - Sitze neu zu besetzen.

    • Papierlischweizer am 13.10.2011 13:41 Report Diesen Beitrag melden

      Seit wann?

      Meines Erachtens steht der Sitz von Frau Sommaruga nicht zur Debatte. Und der Sitz von Frau Calmy Rey wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht all zu gefährdet sein. Was ich mir allerdings wünschen würde, ist einen SVP-Vertreter im Aussendepartement. Nähme mich nämlich mal wunder, ob sich ein SVP-Aussenminister nicht bald von seiner Parteileitung zum halben Bundesrat degradieren lassen müsste, weil die aussenpolitischen Geschäfte eben doch komplexer sind, als man dies hinter einer Plakatwand in Herrliberg vermutet.

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  • Dani am 06.10.2011 12:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie du mir so ich dir

    Offensichtlich hat Herr Berset vergessen dass man sich immer 2 Mal im Leben begegnet und sein Engagement bei der Abwahl Blochers dürfte nun zu seinem Stolperstein werden. Ja so ist es halt im Leben, wie du mir so ich dir und das sollte sich gerade die SP bei den kommenden BR Wahlen gut überlegen

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