Ihre Story, Ihre Informationen, Ihr Hinweis?
feedback@20minuten.ch 
Ab auf die Couch!
19. Februar 2012 19:08; Akt: 20.02.2012 08:10 Print
Krankenkassen sollen Psycho-Therapien zahlen
von Jessica Pfister - Der Bund will, dass mehr Schweizer den Psychologen aufsuchen. Um die Behandlung attraktiver zu machen, sollen Krankenkassen die Kosten übernehmen. Niemals, sagen bürgerliche Politiker.

Gemäss Nationalem Gesundheitsbericht hat knapp die Hälfte der Schweizer Bevölkerung mindestens einmal im Leben eine psychische Störung, die therapiert werden sollte.
Pro Jahr legen sich in der Schweiz rund 5 Prozent der Bevölkerung auf die Psychologen-Couch. Viel zu wenig, meint das Bundesamt für Gesundheit (BAG). «Es finden zu wenig Therapien statt angesichts dessen, was therapiert werden müsste», sagt Vizedirektor Stefan Spycher gegenüber der «NZZ am Sonntag». Deshalb will der Bund den Zugang zur Psychotherapie erleichtern. Der Plan: Ab 2013 sollen die Kosten für die Theapie durch die obligatorische Grundversicherungen übernommen werden. Bisher mussten Patienten diese selbst bezahlen oder dafür eine Zusatzversicherung abschliessen. Voraussetzung für die Kostenübernahme ist allerdings, dass ein Arzt den Patienten an den Psychologen überwiesen hat. Das BAG will aber auch prüfen, ob Patienten ohne Umweg über einen Mediziner eine Therapie bezahlt bekommen.
Jeder zehnte Schweizer hätte Behandlung nötigGemäss dem Nationalen Gesundheitsbericht von 2008 leidet knapp die Hälfte der Schweizer Bevölkerung mindestens einmal im Leben an einer psychischen Störung, die therapiert werden sollte. Jährlich sind gemäss dem Bericht bei 10 Prozent der Bevölkerung behandlungsbedürftige Störungen zu verzeichnen. In Behandlung waren jedoch nur etwas über 5 Prozent der Bevölkerung. Die negativen Folgen verzögerter Behandlungen sind gross.
Schon frühere Versuche, psychologische Therapien durch die Grundversicherung bezahlen zu lassen, scheiterten. Einerseits, weil die Krankenkassen die Kostenfolgen fürchteten, und anderseits, weil sich Ärzte und Psychologen nicht einigen konnten. Am Widerstand der Krankenversicherer hat sich heute nichts geändert. (sda)
Dafür wäre eine Gesetzesänderung durch das Parlament nötig. Doch schon heute ist klar: Bei der Mehrheit der Politiker kommen die Pläne des Bundes schlecht an. «Es kann nicht sein, dass die Krankenkassen jede gesundheitliche Leistung übernehmen müssen», sagt CVP-Nationalrätin Ruth Humbel
Ruth
Humbel
CVP, AG
NationalratVerbunden mit
Stiftung VITA Parcours, Zürich
weitere Verbindungen anzeigen gegenüber 20 Minuten Online. Ausserdem glaube sie nicht, dass die Schweizer mehr Psychotherapien benötigen. «Bei leichten psychischen Störungen reicht die Versorgung durch die Hausärzte aus.» Noch deutlicher wird SVP-Nationalrat Jürg Stahl
Jürg
Stahl
SVP, ZH
NationalratVerbunden mit
Groupe Mutuel, Martigny
weitere Verbindungen anzeigen: «Seit zwölf Jahren verdoppeln sich die Gesundheitskosten - eine Ausweitung des Leistungskatalogs der Krankenkassen ist deshalb ein völliger Schwachsinn.» Ausserdem sei er dagegen, jeden zweiten Schweizer als krank zu bezeichnen.
«Niemand wird wegen Liebeskummer Psychologen aufsuchen»
FDP-Nationalrat und Arzt Ignazio Cassis
Ignazio
Cassis
FDP-Liberale, TI
NationalratVerbunden mit
Schweizerischer Verband freier Berufe (SVFB)
weitere Verbindungen anzeigen ist ebenfalls skeptisch. Er finde es zwar auch nicht mehr zeitgemäss, dass Patienten für eine Psychotherapie den Umweg via Arzt einschlagen müssen, doch anderseits erlaube das heutige System die Kosten im Rahmen zu halten. «Wenn die Krankenkasse künftig für die Psychotherapien aufkommen, muss die Allgemeinheit dafür bezahlen», warnt Cassis. Er befürchtet ausserdem, dass durch die niedrigere Hemmschwelle auch Personen den Psychologen aufsuchen, die es nicht nötig hätten. «Zum Beispiel wenn jemand nach einem Krach mit dem Freund moralische Unterstützung braucht.»
Diese Gefahr sieht SP-Nationalrätin Silvia Schenker
Silvia
Schenker
SP, BS
NationalratVerbunden mit
WWF Region Basel
weitere Verbindungen anzeigen nicht. «Wegen Liebeskummer wird auch künftig niemand den Psychologen aufsuchen. Dafür ist das Thema zu sehr tabu», sagt die Sozialarbeiterin, die 15 Jahre an der psychiatrischen Universitätsklinik in Basel gearbeitet hat. Ausserdem würden die Psychologen sehr wohl unterscheiden können, ob jemand eine Behandlung brauche oder nicht. Schenker begrüsst deshalb die Pläne des Bundes. «Wenn mehr Menschen mit psychischen Problemen eine Behandlung in Anspruch nehmen, verringert dies nicht nur viel persönliches Leid, sondern auch Kosten für die Wirtschaft.» Dies zeige sich beispielsweise bei der IV, wo die Kosten durch psychische Krankheiten in den letzen Jahren gestiegen seien. «Es liegt also im Interesse jedes Arbeitgebers, dass seine Angestellten auch psychisch gesund sind.»
«Therapie nützt allen»
Unterstützung erhält das BAG auch von Nationalrätin Yvonne Gilli
Yvonne
Gilli
GPS, SG
NationalratVerbunden mit
IG pro Stadtbus, Wil (SG)
weitere Verbindungen anzeigen. «Der Nutzen einer Psychotherapie geht weit über eine Person hinaus», sagt die Ärztin gegenüber 20 Minuten Online. Wenn ein Elternteil zum Beispiel an Depressionen leide und sich behandeln lasse, profitiere dadurch auch das Kind. Den Umweg über einen Allgemeinarzt hält Gilli für völlig unnötig. «Es macht wenig Sinn, wenn Allgemeinärzte über etwas entscheiden, wovon sie selber nicht viel verstehen.»
Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»
Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.
«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»
Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.
«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»
Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)
Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?
Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Deshalb können Storys, die älter sind als 72 Stunden, nicht mehr kommentiert werden. Wir bitten um Verständnis.
-
Alle 453 Kommentare

Die Printausgabe von 20 Minuten gibts jetzt auch als ePaper.
Die 20 Minuten App Familie
Thank god it's Friday!
DIE Nightlife-Website für Partyverrückte aus aller Welt




Ein Umdenken ist notwendig
In Lichtenstein wird Psychotherapie von der Grundversicherung bezahlt (Von einer dort arbeitenden Schweizer Berufskollegin habe ich erfahren, dass die Einstellung der Lichtensteiner sich grundsätzlich von der Schweizer Einstellung bezüglich "Psychischer Krankheit" unterscheide. Wer ein psychisches Leiden habe, hole sich professionelle Hilfe und zwar zum richtigen Zeitpunkt. Es geht um ein notwendiges Umdenken: Menschen, z.B. mit Depressionen sollen direkt zu SpezialistInnen gehen können, um kompetent und zielgerichtet behandelt werden zu können mit nachhaltigem Erfolg.
Mit der EU mithalten
Das für Psychotherapie die Grundversicherung aufkommt ist in Deutschland und Österreich schon seit mehr als 10 Jahren der Fall und das ist auch richtig so. Man kann nicht immer nur daran denken, dass es im Moment eventuell weniger kostet, man sollte auch die langfristigen Kosten im Blick haben und die werden sinken. Das ist mehrfach belegt. Auch ist es zur Kostenreduktion nicht sinnvoll noch einen Arzt dazwischen zu schalten, denn die Ärzteschaft wurde schon immer von der Pharmaindustrie beeinflusst und hat weniger Kompetenz in der Einschätzung der psychischen Situation als ein Psychotherapeut
Mehrkosten versus höhere Produktivität
Als Psychologe-Psychotherapeut kann ich Menschen helfen, die ihr Leiden mit allgemeine Medizin nicht unbedingt heilen können. Ich kann ihnen auch in ihren psychosozialer Umgebung helfen, was sich auch unter anderem in einer besseren Einstellung gegenüber der Arbeit aussern kann.