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07. Mai 2018 14:00; Akt: 08.05.2018 09:16 Print

«Die Mieten sind seit 15 Jahren unverändert»

Eine Wohnung oder ein Haus zu mieten oder zu kaufen sind nicht die einzigen Alternativen, die der Schweizer Wohnungsmarkt bietet. Es gibt eine dritte, sehr erfolgreiche Variante.

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Wohnen zu einem vertretbaren Preis, in einer Liegenschaft, in der die Bewohner das Sagen haben und wo Gemeinschaftssinn und Zusammenleben zentrale Werte sind? Das gibt es wirklich. Diese Wohnform nennt sich «Wohnbaugenossenschaft». Sicher ist auch bei dieser Art zu wohnen nicht alles perfekt. Aber immerhin haben die Menschen in der Schweiz dank den Genossenschaften eine Alternative zum üblichen Entscheid zwischen Kauf oder Miete.

Das Prinzip ist einfach. Eine nicht gewinnorientierte Gesellschaft oder Vereinigung kauft eine Liegenschaft oder ein Stück Land, das dann bebaut wird. Damit wird sie zur gemeinnützigen Bauträgerin. Ihre Mitglieder sind weder Mieter noch Eigentümer ihrer Wohnungen, sondern erwerben Genossenschaftsanteile. Eigentümerin der Liegenschaft ist die Genossenschaft, die ohne Gewinnorientierung wirtschaftet. Die Mieteinnahmen werden für den Unterhalt, den Renovationsfonds, das Funktionieren der Genossenschaft und die Rückzahlung von Darlehen benutzt – sonst nichts. Die Genossenschafter sind zudem aktiv an allen Entscheidungen beteiligt. Bauarbeiten, Genossenschaftsfragen, Aufnahme neuer Bewohner, Schaffung und Bewirtschaftung der Gemeinschaftsflächen – jeder darf sich dazu äussern. 

Ein Mittel gegen die Wohnungsnot

Das Modell gibt es seit mehr als hundert Jahren – die erste Wohnbaugenossenschaft der Schweiz wurde 1903 in Lausanne gegründet und unterliegt dem Obligationenrecht. «In den Zwanziger- und Fünfzigerjahren wurden besonders viele Genossenschaften gegründet», so Pascal Magnin, Generalsekretär von AMROUP, der Vereinigung gemeinnütziger Bauträger in der Romandie. Seit einigen Jahren nimmt dieser Trend wieder stark zu. «Vor allem in städtischen Gebieten, insbesondere in Zürich und Genf, wo der Wohnungsmarkt stark unter Druck steht, sind Genossenschaften sehr attraktiv», erklärt Barbara Thalmann, Präsidentin des Regionalverbands Zürich von Wohnbaugenossenschaften Schweiz.

Das Wohnen in der Genossenschaft bringt einige Vorteile mit sich. «Zunächst einmal liegen die Mieten im Mittel 20 Prozent unter dem Durchschnitt. In Regionen mit einer starken Nachfrage nach Wohnraum kann der Unterschied bis zu 35 Prozent betragen», erklärt Pascal Magnin. Die Genossenschaften bieten zudem eine gewisse Mietsicherheit, da sie grundsätzlich auf willkürliche Mietzinserhöhungen und kurzfristige Kündigungen verzichten. In Zeiten, in denen die Wohnkosten bis zu einem Drittel des Haushaltseinkommens ausmachen, haben die Genossenschaften eine grössere Daseinsberechtigung als je zuvor. «Das gilt vor allem für Menschen mit sehr niedrigem Einkommen, beispielsweise ältere Menschen, die nur von der AHV leben», so Pascal Magnin, der erklärt, dass einer Studie zufolge 72 Prozent der Haushalte im Kanton Waadt Anspruch auf die Wohnbauförderung des Bundes hätten – wenn es diese denn noch gäbe.

Politische Unterstützung ist nötig

Gemäss den Zahlen des Bundesamts für Statistik wurden 2017 7 Prozent aller Wohnungen in der Schweiz von Wohnbaugenossenschaften bewirtschaftet. Sie sind in städtischen Gebieten und insbesondere in Zürich (12,7 %), in der Region Basel (6,3 %) und in der Genferseeregion (4,1 %) besonders zahlreich. Und wenn die Limmatstadt heute so gut dasteht, dann liegt das daran, dass das Zürcher Stimmvolk 2011 eine Initiative angenommen hat, gemäss der Genossenschaftswohnungen bis 2050 einen Drittel des gesamten Wohnungsbestands der Stadt ausmachen sollen.

Doch im Ganzen gesehen gibt es immer noch wenige Genossenschaftswohnungen, weil es dafür politische Unterstützung braucht. Um eine Liegenschaft oder ein Stück Land zu kaufen, müssen die Genossenschafter ausreichend Eigenmittel aufbringen, um Kredite zu erhalten. Im Allgemeinen bringen sie 5–10 Prozent der Gesamtsumme bei. Der Rest stammt aus kantonalen Töpfen oder, sehr viel seltener, von Gönnern. In bestimmten Städten und Kantonen, wie Zürich, Genf und Neuenburg, hat man sich politisch der Unterstützung von Genossenschaften verschrieben, während andere wie das Tessin oder Freiburg entschieden haben, nichts dergleichen zu tun, oder lange Zeit eher auf individuelle Hilfen gesetzt haben. Aber die Dinge ändern sich. In der italienischsprachigen Schweiz haben die kantonalen Behörden die Genossenschaften in ihren neuen Richtplan aufgenommen, und vor Kurzem wurde ein Tessiner Regionalverband von Wohnbaugenossenschaften Schweiz gegründet.

Quartierleben und Gemeinschaftsentscheide

Für die Bewohner bietet die genossenschaftliche Organisationsform einen echten Vorteil. «Viele meiner Nachbarn sind etwa in meinem Alter, das verbindet», so Milos Ristin, der in einer von der Stiftung PWG bewirtschafteten und von der Stadt Zürich erbauten Liegenschaft wohnt. «Wir kommunizieren über eine WhatsApp-Gruppe und organisieren etwa zweimal pro Jahr ein Essen, zu dem alle zusammenkommen. Die Liegenschaft verfügt auch über eine einzigartige Terrasse, die am gesamten Gebäude entlangführt. So kann man sich viel spontaner treffen», erklärt der Mittdreissiger.

Philippe Bonte, der kurz nach der Jahrtausendwende die Genossenschaft «Les Tournesols» in Meyrin (GE) gründete, lobt die gemeinschaftliche Entscheidungsfindung bei Fragen der Liegenschaftsbewirtschaftung. «Die Mieten sind seit 15 Jahren unverändert», freut sich der Pensionär. «Und wenn es keinen Grund gibt, sie anzuheben, dann steigen sie auch nicht.» Dank der soliden finanziellen Lage der Genossenschaft konnten beispielsweise Solarpanels auf dem Dach installiert werden. Und die in die Jahre gekommenen Lifte werden demnächst ersetzt.

Für beide Genossenschafter steht fest: Wenn sie umziehen müssten, würden sie erneut eine Genossenschaft bevorzugen. Milos befindet sich derzeit auf der Suche, da er mit seiner Freundin zusammenziehen möchte. «Das ist nicht einfach, es gibt nicht viele Plätze. Man braucht Geduld und muss ein paar Kompromisse eingehen», erklärt der junge Industriedesigner. Denn obwohl das Angebot grösser wird, steigt die Nachfrage noch viel stärker. 

(CP)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Miriam Pfeiffer am 07.05.2018 15:12 Report Diesen Beitrag melden

    Profiteure

    In der Stadt Zürich sind die günstigen Genossenschaftswohnungen hauptsächlich von Lehrern, Sozialarbeitern, Beamten und Journalisten bewohnt. Und die profitieren von uns Steuerzahlern und können so sogar noch ihren Beschäftigungsgrad noch mehr kürzen, damit sie die Obergrenze des Einkommens nicht überschreiten und jahrzehntelang "ihre" Genossenschaftswohnungen besetzen können.

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  • Kain Spam am 07.05.2018 14:30 Report Diesen Beitrag melden

    Im Klartext

    im Klartext: Die "bösen Eigentümer" und "dummen Mieter" unterstützen mit ihren Steuern die Genossenschaften damit ein paar Auserwählte billig wohnen können. Sei es direkt mit Fördergeldern oder durch Überlassung von Gemeindeeigenem Land unter Marktpreis.

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  • riga am 07.05.2018 15:02 Report Diesen Beitrag melden

    nicht überall

    Leider gibt es bei uns im Kanton überhaupt keine Genossenschaftswohnungen und die Preise sind in den letzten Jahren regelrecht explodiert.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Eilan am 08.05.2018 18:56 Report Diesen Beitrag melden

    Wohnung

    Die Wohnungen werden immer teurer. Ich wohne seit acht Jahren in einer Wohnung. Die gleiche unsanierte Wohnung die frei wird, wird für 350 Franken mehr Miete vermietet. Also, wo bleiben die Wohnungen gleich?... das sind alles nur Lügen.

  • Gratisarbeiter am 08.05.2018 15:57 Report Diesen Beitrag melden

    Lohn auch seit Jahrzehnten unverändert

    Mein Lohn ist auch seit 30 Jahren unverändert. Auf dem Lohnausweis steht zwar eine grössere Zahl, aber im Bezug auf die Kaufkraft verdiene ich weniger als vor 20 Jahren. Warum soll es den Vermietern besser gehen?

  • Jr am 08.05.2018 13:59 Report Diesen Beitrag melden

    Katzenhalter

    Gibt es hier auch,nur das leider keine Haustiere erlaubt sind.p.s 1 hauskatze nicht ein ganzer zoo

  • Biene maya am 08.05.2018 13:31 Report Diesen Beitrag melden

    Mieter

    Hatte ich im Kt. ZH auch. Unterseen/BE auch. Nur die Schweizer Thuner mit umgebung kann das nicht. Ganze quartiere werden zur chickane gemacht, verwaltung giesst noch oel ins feuer. Jeder macht was er will, gesetze werden nie eingehalten. Das arme mietamt ist meterhoch mit klagen beschäftigt. Horror sowas

  • Fritz H. glarus nord am 08.05.2018 13:20 Report Diesen Beitrag melden

    Leerwohnungsbestand in der CH 65000

    Im Moment wir noch gebaut auf Teufel komm raus.Aber vielfach Wohnungen auch auf dem Lande 4 Zimmer Fr.2200.00 und mehr .Das kann sich ein Arbeiter auf dem Lande nicht Leisten. Vermutlich bleiben auch viele Immobilien Haie auf ihren Wohnungen sitzen.