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30. Todestag von Rudi Dutschke
24. Dezember 2009 11:19; Akt: 11.02.2010 15:08 Print
«Wach auf, wach doch auf, lieber Papa»
von Peter Blunschi - Am Heiligen Abend vor 30 Jahren starb der deutsche Studentenführer Rudi Dutschke an den Spätfolgen des 1968 auf ihn verübten Attentats. Sein Sohn Hosea hat nun erstmals geschildert, wie er den leblosen Körper seines Vaters im Badezimmer fand.
Rudi und Gretchen Dutschke 1970 in London. (Bild: Keystone)
Der Name Rudi Dutschke bewegt und polarisiert Deutschland bis heute. Der charismatische Berliner Studentenführer in den bewegten Jahren 1967/68 starb am 24. Dezember 1979 mit erst 39 Jahren. Damals lebte er im dänischen Århus, zusammen mit seiner amerikanischen Frau Gretchen, dem elfjährigen Sohn Hosea Che und der zehnjährigen Tochter Polly. Nun hat Hosea Dutschke im «Spiegel» erstmals den Tod seines Vaters geschildert.
Hosea Dutschke leitet das Sozialamt von Århus.
Das Geld war knapp im Hause Dutschke und der Vater oft unterwegs – er engagierte sich in Deutschland für eine neu gegründete Partei, die Grünen. Nun aber sollte er für mehrere Wochen zu Hause bleiben. «Ich weiss, dass Weihnachten diesmal viel schöner sein wird als in vielen Jahren zuvor», schreibt Hosea Dutschke. Am Heiligen Abend wird der Weihnachtsbaum geschmückt, danach nimmt Rudi Dutschke ein Bad. Als das Essen fast fertig ist, will Gretchen nachschauen, wo ihr Mann bleibt.
«Gretchen schreit hysterisch: Rudi, Rudi, Rudi!», erinnert sich ihr Sohn. Er rennt ins Badezimmer und sieht, wie sein Vater nackt auf dem Boden liegt. Hosea wirft sich auf ihn, dann holt er in der Küche einen Topf mit kaltem Wasser und schüttet es über Rudis Kopf. Dann spricht er zu ihm: «Wach auf, wach doch auf, lieber Papa, wach endlich auf, Papa! Du sollst aufwachen.» Vergebens. Aus seinem Mund kommt grüner Schleim. Rudi Dutschke ist tot. Der Sohn gibt ihm «den Todeskuss, der ihn für ewig wegschickt».
Epileptischer Anfall
Die Ärzte werden als Todesursache einen epileptischen Anfall feststellen – eine Spätfolge des Attentats, das am Gründonnerstag 1968 in Berlin auf Rudi Dutschke verübt wurde. Der Hilfsarbeiter Josef Bachmann hatte ihn mit drei Schüssen lebensgefährlich verletzt. Die Studentenbewegung beschuldigte die Springer-Presse und vor allem die «Bild»-Zeitung, gegen Dutschke agitiert und damit Bachmann zur Tat bewogen zu haben. Es kam zu den schwersten Ausschreitungen während der Studentenrevolte.
Rudi Dutschke erholte sich nie von dem Attentat, er musste sich Sprache und Gedächtnis neu antrainieren. 1970 zog er mit seiner Familie nach Århus. Sein älterer Sohn Hosea lebt nach wie vor dort und arbeitet als Verwaltungsdirektor. Wenige Monate nach Rudi Dutschkes Tod wurde der jüngere Sohn Marek geboren, der als Politiker für die Berliner Grünen tätig ist.
Täter war aktiver Neonazi
Josef Bachmann beging 1970 im Gefängnis Selbstmord. Lange galt er als verwirrter, rechtsradikaler Einzeltäter. Nun haben Recherchen des «Spiegel» ein neues Licht auf den Fall geworfen: Der zur Tatzeit 23-jährige Hilfsarbeiter soll sich in der aktiven Neonazi-Szene in Peine (Niedersachsen) bewegt, an Schiessübungen teilgenommen und mehrfach die innerdeutsche Grenze zur DDR attackiert haben.
Die Polizei habe die Aktivitäten nicht nur toleriert, sondern sich aktiv beteiligt. «Wir wurden von der Polizei in jeder Hinsicht gedeckt», erinnert sich Wolfgang Sachse, der «Schiesswart» der braunen Szene, im «Spiegel». Das Treiben soll zudem unter Beobachtung des ostdeutschen Stasi wie des westdeutschen Verfassungsschutzes gestanden haben, denn einer der Neonazis war ein West-Ost-Doppelagent.
Schon nach dem Attentat gab es Hinweise, die in den braunen Sumpf führten, doch Polizei und Staatsanwaltschaft gingen ihnen nicht nach. Für den «Spiegel» ist das Motiv klar: «Man wollte die eigenen Leute und die rechte Schiessplatz-Allianz decken.» Josef Bachmann wurde als fehlgeleiteter Krimineller zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt.



























