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Zeitzeuge im Reichtstag
27. Januar 2012 17:29; Akt: 27.01.2012 18:13 Print
«Nur ein Ziel, nur ein Zweck: der Tod»
Gedenktag für die Opfer des Holocaust: Im Berliner Reichstag berichtete Marcel Reich-Ranicki in einer bewegenden Rede von seinen Erfahrungen im Warschauer Ghetto.
In einer ergreifenden Rede hat der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki im Bundestag an die grausamen Taten der Nazis im Warschauer Ghetto erinnert. Der 91-Jährige schilderte am 27. Januar anlässlich der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus seine persönlichen Erlebnisse. Reich-Ranicki ist einer der letzten lebenden Zeitzeugen des Warschauer Ghettos. Er spreche vor dem Bundestag nicht als Historiker, sagte Reich-Ranicki, sondern «als ein Zeitzeuge, genauer: als Überlebender des Warschauer Ghettos».
Der frühere Schweizer Vize-Konsul in Ungarn, Carl Lutz: Theo Tschuy hat das Buch «Theo Tschuy: Carl Lutz und die Juden von Budapest» geschrieben.
Infografik
Der Zweite WeltkriegNürnberger ProzessRechtsextremismus in Europa
1938 war Reich-Ranicki aus Berlin nach Polen deportiert worden. Später kam er in das von den Nazis errichtete Warschauer Ghetto. «Dort lebten meine Eltern, mein Bruder und schliesslich ich selber. Dort habe ich meine Frau kennengelernt», berichtete er. Seine Eltern und sein Bruder wurden von den Nazis ermordet. Reich-Ranicki und seiner Ehefrau gelang die Flucht aus dem Ghetto.
In seiner Rede berichtete Reich-Ranicki detailliert über die Ereignisse um den 22. Juli 1942. An diesem Tag begann die Deportation der Juden aus Warschau in das Vernichtungslager Treblinka. «Was die ‹Umsiedlung› der Juden genannt wurde, war bloss eine Aussiedlung - die Aussiedlung aus Warschau. Sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck: den Tod», sagte der Publizist (Hier finden Sie eine Abschrift der Rede).
Lammert erinnert auch an Zwickauer Terrorzelle
Bundestagspräsident Norbert Lammert rief die Gesellschaft dazu auf, sich gegen rechtsextremistische und antisemitische Tendenzen zur Wehr zu setzen. «Das Haus der Wannseekonferenz ist heute einer der vielen Orte der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, die uns erinnern und mahnen, uns dafür einzusetzen, dass in Deutschland alle Menschen frei und gleich und ohne Angst leben können», sagte der CDU-Politiker.
Mit Blick auf die Ereignisse um die Zwickauer Terrorzelle fügte er hinzu: «Die vergangenen Wochen und Monate mit der Aufdeckung einer beispiellosen Mordserie haben uns allerdings wieder vor Augen geführt, dass wir dieses Ziel noch nicht erreicht haben.» Der rechtsterroristischen Gruppe, die im November 2011 aufflog, werden zahlreiche Morde an Ausländern bundesweit zur Last gelegt. Mehr als ein Jahrzehnt lang konnte sie ihre Straftaten unerkannt verüben. Lammert zitierte zudem aus einer kürzlich veröffentlichten Studie zum Antisemitismus, wonach 20 Prozent der Bürger antisemitisches Gedankengut aufweisen. «Das ist für Deutschland genau 20 Prozent zu viel», sagte Lammert.
Widmer-Schlumpf lobt Carl Lutz
Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf hat anlässlich der KZ-Befreiung zu Zivilcourage aufgerufen. Das Gedenken an den Holocaust erinnere an die Hürden auf dem Weg zu einer gerechten und friedlichen Zukunft für alle. Die Voraussetzungen zur Erreichung dieses Ziels zu schaffen, sei nicht nur Aufgabe einer Regierung, sondern Aufgabe von allen. Dies sagte Widmer-Schlumpf in ihrer Botschaft zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. «Zukunftsgerichtetes Denken setzt verantwortungsbewusstes Handeln voraus.»
Als Vorbild der Zivilcourage nannte die Bundespräsidentin Carl Lutz. Er war in den 1940er Jahren Schweizer Vizekonsul in Ungarn, wo er - entgegen dem Willen der Nazi-Besatzung und den Weisungen aus Bern - heimlich Reisepapiere für jüdische Flüchtlinge ausstellte und diese so vor dem Tod in Konzentrationslagern bewahrte. Lutz habe angesichts der unmenschlichen Behandlung der jüdischen Bevölkerung nicht wegsehen können und wollen, sagte Widmer-Schlumpf. Sie erinnerte daran, dass der Weg zu einer friedlichen und gerechten Zukunft auch heute mit Stolpersteinen belegt sei, etwa die Missachtung von Menschenrechten, die Ausgrenzung von Frauen, aber auch das Wiedererstarken nationalistischer Bestrebungen.
(sda/dapd)


























