Ihre Story, Ihre Informationen, Ihr Hinweis?
feedback@20minuten.ch 
Somalia
27. August 2009 15:49; Akt: 27.08.2009 15:49 Print
Vergessener Riegel rettet Entführungsopfer
Der in Somalia entführte Franzose hat auf seiner Flucht niemanden getötet. Es wurde auch kein Lösegeld bezahlt. Marc Aubrière konnte den Islamisten entkommen, weil eine Tür nicht richtig verschlossen war.
Die ersten Berichte waren abenteuerlich. Der französische Sicherheitsberater Marc Aubrière, der im Juli mit einem Kollegen in Mogadischu von islamistischen Rebellen entführt worden war, habe auf seiner Flucht drei Bewachter getötet. Andere Quellen sprachen von zwei Millionen Dollar Lösegeld, die von der Regierung in Paris bezahlt worden seien.
Mit einer Ambulanz wurde Marc Aubrière zur Militärbasis gebracht.(Bild: Keystone)
Nichts davon trifft zu, wie Aubrière am Mittwoch in einem Interview mit der «New York Times» auf einer Militärbasis bei Mogadischu kurz vor seinem Abflug Richtung Nairobi erklärte. Vielmehr hätten die Bewacher offenbar einen Riegel übersehen, mit dem er die Tür seiner Zelle von innen öffnen konnte. Den Ausbruch habe er seit Wochen geplant und in der Nacht zum Mittwoch in die Tat umgesetzt, so der Franzose.
«Junge Kerle, aber gute Kerle»
Auf Zehenspitzen sei er an den schlafenden Wächtern vorbeigeschlichen, barfuss, «um keinen Lärm zu machen». Er fand sich auf den Strassen von Mogadischu wieder – nicht der ideale Ort für einen weissen Mann. «Jeder wird versuchen, dich einzufangen. Man hat keine Freunde», sagte Aubrière. Im Schutz der Nacht und anhand der Sterne sei es ihm gelungen, sich zum Präsidentenpalast durchzuschlagen. Dabei sei er mehrfach beschossen worden.
Der 40-jährige Franzose sollte die Sicherheitskräfte der schwachen Regierung Somalias ausbilden. Am 14. Juli waren er und ein namentlich nicht genannter Kollege aus ihrem Hotel entführt worden, angeblich von Deserteuren, die zu den Islamisten übergelaufen waren. Über seine Bewacher äusserte sich Marc Aubrière im Interview ausgesprochen positiv. Sie hätten ihn nie geschlagen und ihm immer genug zu essen und zu trinken gegeben. «Es waren junge Kerle, aber gute Kerle.»
Keine Waffe benutzt
Während der Haft habe er trainiert, um fit zu bleiben. Um die Zeit totzuschlagen, habe er den Roman «Meteor» von Bestsellerautor Dan Brown gelesen, das einzige Buch, das er behändigen konnte: «Ich las es acht Mal, jetzt hasse ich es.» Aubrière glaubt nicht, dass seine Flucht dem von einer anderen Islamistengruppe festgehaltenen Kollegen schaden wird: «Wenn ich jemanden getötet hätte, dann vielleicht. Aber das war gar nicht möglich. Hätte ich eine Waffe benutzt, dann hätte man mich sofort geschnappt.»
Bereits wurden Zweifel laut an der abenteuerlichen Flucht. Der Korrespondent der «New York Times» hält die Version des Franzosen jedoch für plausibel. Nachts sei die Hauptstadt von Somalia, das seit 18 Jahren keine funktionsfähige Regierung mehr hat, wie leergefegt. Wegen den schweren Kämpfen zwischen Regierungstruppen und aufständischen Islamisten würden sich die Leute in ihren Häusern verbarrikadieren.
(pbl)

























