16. März 2008 06:09; Akt: 16.03.2008 23:19 Print

China riegelt Tibet abChina riegelt Tibet ab

China lässt Ausländer nicht mehr nach Tibet: Einreiseanträge bleiben unbearbeitet liegen. Mitarbeiter von Hilfsorganisation müssen Lhasa bis morgen verlassen. Der Dalai Lama wirft China unterdessen «kulturellen Völkermord» vor.

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Chinesische Sicherheitskräfte haben Mitte April 2011 das Kloster Kirti in Südwestchina nach Zusammenstössen abgeriegelt. Augenzeugen berichteten von einem Truppeneinmarsch in der Provinz Sichuan. Mehr als 2000 buddhistische Mönche seien von der Aussenwelt abgeschnitten. Von der «Repressionswelle» seien auch umliegende Dörfer betroffen. Chinesische Sicherheitskräfte hätten am Dienstag versucht, in das Kloster einzudringen, um Mönche zwischen 18 und 40 Jahren zur «patriotischen Umerziehung» abzuholen... ...als sich die Bevölkerung dagegen wehrte, reagierte das chinesische Militär mit Gewalt. Chinesische Sicherheitskräfte haben am 12. April versucht, in das Kloster einzudringen, um Mönche zwischen 18 und 40 Jahren zur «patriotischen Umerziehung» abzuholen. Schon im März 2011 hatte es Zusammenstösse gegeben, als es nach der Selbstverbrennung eines Mönches aus Kirti am 16. März zu Unruhen gekommen war. Besonders heftig sind die Zusammenstösse zwischen Tibetern und Chinesen seit dem Frühling 2008. Ein Militärkonvoi in Lhasa am 16.3.08. Chinesische Truppen im Anmarsch am 16.3.08. Polizei in Nepal nimmt eine junge Tibeterin fest in Katmandu am 17.3.08. Nepalesische Polizei geht in Katmandu gegen Demonstranten vor. Lhasa brennt. (Bild: REUTERS/CCTV via REUTERS TV) Ein während der Proteste verwundeter Mann auf einer Strasse in Lhasa. Ein Bild der Verwüstung in Lhasa. (Bild: REUTERS/Xinhua/Yang Guang (CHINA)) Putzen in Lhasa am 16.3.08. (Bild: REUTERS/Xinhua/Soinam Norbu) Auch ausserhalb Tibets kommt es immer wieder zu Protesten: In Indien, wo die meisten Exil-Tibeter leben, stossen regelmässig Demonstranten mit Sicherheitskräften zusammen.Bild: Keystone

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Wer eine Reise nach Tibet oder in den Himalaya geplant hat, kann die Koffer wieder auspacken. Die dortige Regionalregierung hat die Bearbeitung von erforderlichen Anträgen auf Einreisen ausgesetzt, berichtet die Nachrichtenagentur Xinhua.

Ausländischen Touristen, die sich in Tibet aufhielten, wurde zudem nahegelegt, in den kommenden Tagen das Himalaya-Gebiet zu verlassen. Die Luftfahrt-, Eisenbahn- und Strassenämter würden Reisenden «entgegenkommen», falls diese ihren Aufenthalt vorzeitig beenden wollten.

In die tibetische Hauptstadt Lhasa durften ausländische Touristen nach Angaben von Augenzeugen bereits seit einigen Tagen nicht mehr. Sicherheitskräfte riegelten die Stadt ab. Wie die «Frankfurter Rundschau» berichtet, müssen zudem Angehörige von Nichtregierungsorganisationen Lhasa bis am Montag verlassen. China führt Sicherheitsbedenken als Begründung für den Schritt an.

Proteste weiten sich aus

Die Proteste gegen die chinesische Herrschaft in Tibet griffen am Sonntag auf drei Nachbarprovinzen über. Peking verstärkte in der Hauptstadt Lhasa die Militärpräsenz. Nach Angaben der tibetischen Exilregierung in Dharmsala in Indien wurden mindestens 80 Menschen getötet, in amtlichen chinesischen Angaben war von zehn Toten die Rede.

Der Dalai Lama rief seine Landsleute in der zu China gehörenden Autonomen Region Tibet am Sonntag zu Gewaltfreiheit auf. Auf einer Pressekonferenz in seinen indischen Exil sagte er, Aktivisten hätten ihn ersucht, sich nicht gegen die Proteste auszusprechen, die am vergangenen Montag mit Demonstrationen zum Jahrestag der chinesischen Invasion 1950 begonnen hatten. Am Freitag entstanden daraus die schwersten Unruhen seit 20 Jahren.

«In unserem Fall ist Gewalt wie Selbstmord»

Er glaube nach wie vor fest an gewaltfreie Aktionen, sagte der Dalai Lama. Jedes Mal, wenn sich die Tibeter gegen China erhoben hätten, seien sie grausam niedergeschlagen worden. «Besonders in unserem Fall ist Gewalt wie Selbstmord», erklärte der Friedensnobelpreisträger von 1989.

Ein uraltes Kulturerbe sei in ernster Gefahr: «Ob mit oder ohne Absicht - es findet eine Art kultureller Völkermord statt.» Eine «angesehene internationale Organisation sollte die Lage in Tibet untersuchen und die Ursache klären», sagte er. Es gebe ein Problem in China, «ob es die chinesische Regierung nun zugibt oder nicht.»

Nach den Unruhen vom Freitag herrschte in Lhasa gespannte Ruhe. Schützenpanzer und andere Militärfahrzeuge patrouillierten in den Strassen, Einwohner berichteten telefonisch, dass sie angewiesen worden seien, zu Hause zu bleiben. In Lautsprecherdurchsagen werde die Bevölkerung ständig aufgefordert, «zwischen Freund und Feind zu unterscheiden, die Ordnung aufrechtzuerhalten». Der Fernsehsender Hong Kong Cable TV berichtete, am Sonntag seien mit 200 Militärfahrzeugen Truppenverstärkungen in Lhasa eingetroffen.

Proteste weiten sich aus

Die Proteste griffen am Wochenende auf die tibetischen Nachbarprovinzen Sichuan, Qinghai und Gansu über. «Es breitet sich definitiv aus», sagte ein enger Mitarbeiter des Dalai Lamas, Tenzin Taklha. Ein Einwohner aus Sichuan berichtete von Zusammenstössen zwischen tibetischen Mönchen und Sicherheitskräften. Ein Polizist sei getötet worden. Das Tibetische Zentrum für Menschenrechte und Demokratie berichtete von mindestens sieben Todesopfern.

In Qinghai bezogen Polizisten in der Nähe eines Klosters Stellung, nachdem sich etwa 100 Mönche über eine Anordnung hinweggesetzt hatten, das Gebäude nicht zu verlassen. In der Provinz Gansu demonstrierten nach Angaben der Gruppe Free Tibet mehr als 100 Studenten an der Universität von Lanzhou. Am Samstag war die Polizei in der Stadt Xiahe nach Angaben von Augenzeugen mit Tränengas gegen rund 1000 Demonstranten vorgegangen.

Olympisches Komitee gegen Boykott

Die internationalen Reaktionen blieben zwei Wochen vor Beginn des olympischen Fackellaufs durch China verhalten. US-Aussenministerin Condoleezza Rice rief Peking zur Zurückhaltung auf, Bundeskanzlerin Angela Merkel mahnte alle Parteien zu Gewaltfreiheit und Dialog. Das Schweizer Aussenministerium forderte die Einhaltung der Menschenrechte und rief die chinesischen Behörden auf, auf den Einsatz unverhältnismässiger Gewalt zu verzichten.

Forderungen nach einem Boykott der Olympischen Spiele im Sommer in Peking wiesen das Internationale Olympische Komitee (IOC) in Lausanne und Sportfunktionäre zurück - so Jörg Schild, Chef des Schweizer Sportdachverbandes Swiss Olympic. Allerdings forderte er das IOC zu einer Intervention in Peking auf.

Weltweit Proteste

In Washington, Berlin, Zürich und anderen Städten wurde gegen die gewaltsame Niederschlagung der Proteste in Lhasa demonstriert. Vor der chinesischen Botschaft in Washington demonstrierten etwa 150 Menschen gegen die Niederschlagung der Proteste in Tibet. In Zürich warfen laut Polizeiangaben einige der insgesamt rund 700 Demonstranten Steine auf das chinesische Konsulat (siehe Kontext-Box).

(ap/sda)

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