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Präsidentschaftswahl
15. Januar 2010 11:58; Akt: 15.01.2010 12:25 Print
Ukrainer sehen schwarz statt orange
Fünf Jahre nach der Orangenen Revolution sind die Menschen in der Ukraine frustriert über die Misere im Land. Den damaligen Galionsfiguren Viktor Juschtschenko und Julia Timoschenko droht bei der Präsidentschaftswahl bereits im ersten Wahlgang das Aus.

In passender Aufmachung protestierten Frauenrechtlerinnen gegen die «politische Prostitution». (Bild: AFP/Alexander Nemenov)
Der Protest der Frauenorganisation «FEMEN» sprach Bände: Als Prostituierte verkleidet demonstrierten die Frauenrechtlerinnen am Donnerstag vor dem Büro der zentralen Wahlkommission in Kiew gegen die «politische Prostitution» und den «kruden Populismus» im Wahlkampf. Weit weg sind die Bilder von Ende 2004, als Hunderttausende auf dem Platz der Unabhängigkeit (Maidan) trotz Kälte für freie Wahlen demonstrierten.
Viktor Janukowitsch: Der prorussische Politiker gilt als Favorit.(Bild: Keystone)
Sergej Tigipko: Der Multimillionär hat stark aufgeholt.(Bild: Keystone)
Julia Timoschenko: Die Regierungschefin kämpft um den Einzug in die Stichwahl.(Bild: Keystone)
Viktor Juschtschenko: Der Amtsinhaber ist chancenlos.(Bild: Keystone)
Der Frust über die wirtschaftliche, soziale und politische Misere ist gross. Präsident Viktor Juschtschenko und Ministerpräsidentin Julia Timoschenko, die Aushängeschilder der «Orangenen Revolution», sind demokratische Reformen und wirtschaftliche Stabilität schuldig geblieben; ihre verbissene Rivalität legt die Regierung praktisch lahm. Die Konsequenz: Kurz vor der Wahl am Sonntag liegt der prorussische Oppositionsführer und ehemalige Regierungschef Viktor Janukowitsch klar vorn. Amtsinhaber Juschtschenko ist weit abgeschlagen.
Ex-Minister holt auf
Bislang war erwartet worden, dass die an zweiter Stelle liegende Timoschenko in eine Stichwahl gegen den Favoriten geht. Die ist für den 7. Februar terminiert für den Fall, dass keiner der insgesamt 18 Kandidaten die absolute Mehrheit erringt. Doch nun hat der 49-jährige Finanzmagnat und frühere Wirtschaftsminister Sergej Tigipko einer Umfrage zufolge zu Timoschenko aufgeschlossen und könnte dafür sorgen, dass es keiner der beiden früheren Hoffnungsträger in die zweite Runde schafft.
Das wäre eine späte Genugtuung für Janukowitsch, dessen Wahlsieg 2004 nach wochenlangen Protestdemonstrationen unter Juschtschenkos und Timoschenkos Führung vom Obersten Gericht kassiert worden war. Die Orangene Revolution galt im Westen als Sieg der Demokratie und des Versuchs, sich vom Einfluss Russlands zu lösen. Doch fünf Jahre später sind die Bemühungen um einen Beitritt zur NATO und zur EU kaum vom Fleck gekommen, und die meisten Politiker strecken wieder Fühler nach Moskau aus.
Juschtschenko ist eine Ausnahme - doch seine Umfragewerte liegen im einstelligen Bereich. Nach einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage des staatlichen russischen Meinungsforschungsinstituts VTsIOM führt Janukowitsch mit weitem Abstand mit 30,5 Prozent. Tigipko liegt mit 14,4 Prozent ganz knapp vor Timoschenko mit 13,9 Prozent. Die Erhebung fand vom 3. bis 10. Januar statt.
Mittelweg gesucht
Tigipko hat nach eigenen Angaben an die elf Millionen Dollar seines Vermögens in den Wahlkampf gesteckt. Das soll das Image des unabhängigen Kandidaten stärken, der keinen Interessensgruppen aus Wirtschaft und Politik verpflichtet ist. Einen Popularitätsschub verschaffte ihm das Titelbild der Dezemberausgabe des ukrainischen «Men's Health»-Magazins, das den Amateur-Bodybuilder in engem T-Shirt und Jeans zeigte. Er legte nach mit Auftritten in Fernseh-Talkshows und einer Plakatkampagne.
Auf einer Pressekonferenz am Mittwoch positionierte sich Tigipko zwischen dem prorussischen Kurs Janukowitschs und der nationalistischen und europaorientierten Ausrichtung Timoschenkos. Die Ukraine sei noch nicht bereit für eine Mitgliedschaft in NATO und EU, erklärte er. Die Beziehungen zu Russland wolle er wieder verbessern. Doch anders als Janukowitsch will der Bankier Russisch nicht zu einer Amtssprache machen. Das ist eines der umstrittensten Themen im Wahlkampf.
Ein modernes «Märchen»
Viele Wähler trauen allerdings keinem der Kandidaten über den Weg. Meinungsforscher rechnen mit einer deutlich tieferen Wahlbeteiligung als 2004. Damals gingen gut drei Viertel der Wahlberechtigten an die Urne. Ein Witz, der im Land kursiert, illustriert die Stimmung: «Papa, beginnen alle Märchen mit 'Es war einmal'?» - «Nein, mein Sohn, die besten Märchen beginnen mit 'Wenn Sie mich wählen'.»
(pbl/sda/dapd)



























