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Teilung von Belgien: Ganzes Land in Aufruhr

Am Mittwochabend um 20.21 Uhr unterbricht der öffentliche belgische Fernsehsender RTBF sein Programm. Mit der Nachricht, dass Belgien nicht mehr existiert, schockiert er das ganze Land.

Der Direktor der französischsprachigen Fernsehanstalt RTBF Jean-Paul Philippot.
Der Direktor der französischsprachigen Fernsehanstalt RTBF Jean-Paul Philippot. (Bild: Keystone)

Mit ernster Miene erscheint der bekannte Nachrichtensprecher François de Brigode auf dem Bildschirm: «Guten Abend zusammen. Dies ist eine schwere Stunde. Entschuldigen Sie diese Unterbrechung.»

De Brigode kündigt ein «ausserordentliches Ereignis» an: «Flandern wird einseitig seine Unabhängigkeit erklären. Das bedeutet: Belgien als solches hört auf zu existieren.» Die Nachricht ist falsch, aber sie schlägt Wellen.

Menschen weinen vor dem Fernseher. «Meine Eltern sind völlig durcheinander», erzählt einer von tausenden Anrufern beim eigens eingerichteten RTBF-Sondertelefon. Dutzende Belgier ziehen mit schwarz-gelb-roten Landesflaggen vor das Brüsseler Königsschloss, um für die Einheit des Landes zu demonstrieren.

Flucht nach Kongo

Sie hören das Gerücht, Albert II. sei in Belgiens ehemalige Kolonie Kongo geflüchtet. «Der König ist weg!», verkündet eine Wirtin ihren Gästen.

Vom Helikopter aus zeigt die RTBF Bilder von der Sprachgrenze, die nun Staatsgrenze zwischen dem niederländischsprachigen Flandern und der frankophonen Wallonie werde: Wer Freunde im anderen Landesteil anrufen wolle, müsse künftig für ein Auslandsgespräch zahlen.

Die Strassenbahn von Brüssel nach Tervuren wird angehalten: Jenseits der Sprachgrenze gehe es mit einem flämischen Bus weiter. Viele Zuschauer glauben es.

Bei den Belgiern schürte der Bericht Urängste vor dem oft prophezeiten Bruch ihres Landes. Sie legten zeitweilig die RTBF- Zentrale mit einer Flut von Anrufen lahm. Belgische Politiker verurteilten die Fernseh-Fiktion scharf.

Echte Reaktionen

Die RTBF-Moderatoren schalteten unter anderem Interviews mit - echten - Politikern, die den angeblichen Zerfall des Landes begrüssten oder kritisierten. Fernsehbilder zeigten Strassenbahnen, die an den neuen «Grenzen» zwischen beiden Landesteilen - Flandern und der frankophonen Wallonie - gestoppt wurden.

Zu sehen waren zudem Tausende feiernde Flamen, die die Unabhängigkeit angeblich in einen Freudentaumel versetzt hatte. Laut RTBF sollte der Bericht die Debatte über Zusammenhalt oder Auseinanderdriften des Landes neu beleben.

Am Donnerstag beherrschte das Thema die belgische Presse: «Belgien ist gestern Nacht gestorben», titelte der französischsprachige «Soir», «La Libre Belgique» schrieb von einer «Fiktion, die Belgien erschütterte».

Zu Beginn der Ausstrahlung hatte der Sender die Worte «dies ist vielleicht keine Fiktion» eingeblendet - es dauerte eine halbe Stunde, bis auf Betreiben der zuständigen wallonischen Medien- Ministerin statt dessen die Zeile «dies ist eine Fiktion» erschien.

Botschafter alarmiert

Gemäss dem belgischen Senat meldeten sogar ausländische Botschafter in Brüssel die angebliche Sensation in ihre Heimatländer.

Nach einer RTBF-Umfrage glaubten zunächst 89 Prozent der Zuschauer die Nachricht vom Zerfall des Landes - und 6 Prozent waren selbst dann noch davon überzeugt, als klargestellt war, dass es sich um einen fiktiven Bericht handelt.

Spannungen verschärft

In Belgien haben sich die Spannungen zwischen dem wirtschaftlich florierenden Flandern und der frankophonen Wallonie in den vergangenen Jahren zunehmend verschärft, wozu auch die extrem rechten flämischen Nationalisten vom Vlaams Belang entscheidend beigetragen haben.

(sda)
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