28. März 2008 12:49; Akt: 24.05.2008 18:55 Print

Holland atmet aufHolland atmet auf

von Daniel Huber - In den Niederlanden beherrscht nach der Veröffentlichung des lange erwarteten Anti-Koranfilms «Fitna» von Geert Wilders verhaltene Erleichterung die Schlagzeilen. Gegen den Film wurde bereits Anzeige erhoben.

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«Rustige nacht na verschijnen film Wilders» («Ruhige Nacht nach dem Erscheinen des Wilders-Films») titelt die grösste Boulevard-Zeitung des Landes, der «Telegraaf», in ihrer Online-Ausgabe. Die nationale Terrorbekämpfungsbehörde habe keine Veränderung des Bedrohungslage registriert, berichtet die Zeitung weiter. Immerhin werde nach wie vor die zweithöchste Alarmstufe beibehalten.
In Den Haag, dem Regierungssitz der Niederlande, sei es vor dem Parlamentsgebäude in der Nacht ruhig geblieben, so der «Telegraaf».

«Kein Interesse daran zeigen»

Mustafa Biltunku, der türkischstämmige Imam der Eyüp-Sultan-Moschee in Amsterdam, hat den Film nicht gesehen, wie er gegenüber dem «Telegraaf» sagte. Sein Rat zur Haltung gegenüber dem Anti-Islam-Film lautet: «Kein Interesse daran zeigen. Solange wir das doch tun, wird er nur noch wichtiger, obwohl er das nicht wert ist.» Dies sage er auch den Gläubigen.

Keine Probleme

Auch die Online-Ausgabe der «Volkskrant» berichtet, der Film von Wilders habe «nirgends zu Problemen geführt». Heftige Reaktionen seien ausgeblieben und sowohl im In- wie im Ausland seien in der ersten Nacht nach der Veröffentlichung keine ernsten Vorfälle vorgekommen. In Den Haag trafen sich der Zeitung zufolge Moslem-Organisationen mit der Regierung zu einem «konstruktiven Gespräch».

«Gefühle verletzen»

Der niederländische Ministerpräsident Balkenende sagte am Donnerstagabend, er bedaure das Erscheinen des Films. Der Film habe seiner Meinung nach «kein anderes Ziel als die Verletzung von Gefühlen». Balkenende hielt seine Ansprache einige Stunden, nachdem Wilders «Fitna» online gestellt hatte.

Slowenien, das zur Zeit die EU-Präsidentschaft innehat, erklärte die «vollständige Übereinstimmung» der EU mit der Position der niederländischen Regierung.

Video: Balkenendes Ansprache (niederländisch und englisch)

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«Nicht in Wilders' Falle getreten»

Die niederländische Ministerin für Integration, Ella Vogelaar, lobte die moslemische Minderheit in den Niederlanden für ihre zurückhaltende Reaktion auf den Film. Die Moslems in Holland, sagte Vogelaar «Radio Netherlands Worldwide» zufolge, seien selbstbewusst genug, um nicht in die Falle zu treten, die Wilders ihnen gestellt habe.

Bereits Anzeige erstattet

Die Anwältin Els Lucas hat, nachdem sie den Film gesehen hat, bereits Anzeige erstattet. Es handle sich um einen Film, der Hass säe, sagte Lucas der «Volkskrant». Die «autochthonen» («eingeborenen») Niederländer würden durch den Film gegen die «allochthonen» («fremdstämmigen») Moslems aufgehetzt.
Die Anwältin erklärte, es sei ihr leicht gemacht worden, Anzeige zu erstatten: Auf dem Polizeibüro von Lelystad habe sie ein speziell dafür vorgedrucktes Formular erhalten. Eine Polizeisprecherin dementierte jedoch gegenüber der «Volkskrant», dass es vorgedruckte Formulare dafür gebe.

«Gotteslästerlich»

Harschere Reaktionen kamen, wie wohl zu erwarten war, aus islamischen Ländern. Offizielle Stellen im Iran nannten den Film am Freitag «grässlich» und «gotteslästerlich». Das iranische Aussenministerium sprach von einer «widerlichen Aktion» und einem «Kreuzzug» westlicher Länder gegen den Islam, wie die Nachrichtenagentur AP berichtete.

In Indonesien, dem bevölkerungsreichsten muslimischen Land, verurteilten Politiker und Islamgelehrte den umstrittenen Film. Das Stück sei «irreführend und voller Rassismus», sagte Kristiarto, Sprecher des Aussenministeriums, am Freitag.

Die Veröffentlichung sei «ein unverantwortlicher Akt unter dem Mantel der Pressefreiheit.» Parlamentspräsident Agung Laksono warnte vor Unruhen und forderte die Regierung auf, die Weiterverbreitung des Stücks etwa über das Internetportal «YouTube» zu unterbinden.

«Collage des Hasses»

Nils Minkmar bezeichnet den Film in der Online-Ausgabe der «FAZ» als «eine sehr geschickte, suggestive Collage des Hasses der Islamisten gegen den Rest der Menschheit.» Wilders habe es vermieden, ein Symbol des Islams zu entwürdigen oder herabzusetzen.

Es sei «kein ausgewogener Bericht, keine faire Dokumentation, aber auch kein Aufruf zum Hass, sondern der Entsetzensschrei eines Mannes, der von Al Qaida mit einem Todesurteil belegt wurde und seit Jahren in ständiger Furcht um sein Leben sein muss», schreibt Minkmar weiter.

«Schäbig»

Solange «Fitna» nur als Androhung existiert habe, sei er ein grossartiges Beispiel für den Wahnsinn gewesen, in den die islamistische Bedrohung freie Gesellschaften stürzen könne, meint Tobias Kaufmann im «Kölner Stadtanzeiger». Dass Wilders geschickt Bilder montiere, die den Hass von Islamisten zeigten, sei legitim. Dass er aber auch eine Minderheit attackiere, die zu den schwächsten Gliedern in den europäischen Gesellschaften gehöre, das sei schäbig: «Denn dem Film fehlt es an Empathie mit jenen Menschen, die die ersten und häufigsten Opfer jener faschistisch-religiösen Bewegung sind, vor der Wilders warnt: Muslimen.»