
«Wenn wir etwas aus der Tragödie der vergangenen Kriege lernen, dann dies: Wir wollen alles dafür tun, dass wir in diesem Haus Europa in Frieden und Freiheit zusammenleben», sagte Kohl am Freitagabend in seiner Rede zum traditionellen Gelöbnis im Gedenken an das gescheiterte Attentat von Offizieren auf Hitler am 20. Juli 1944.
Der grosse Auftrag vor allem an die Jugend sei, die politische Union Europas zu vollenden. Seit 1999 veranstaltet die Bundeswehr am 20. Juli ein Gelöbnis von Rekruten am Sitz des Verteidigungsministeriums, wo im Innenhof des Bendlerblocks Oberst Schenk Graf von Stauffenberg und drei seiner Mitverschwörer gegen Hitler erschossen worden waren.
Von Stauffenberg hatte sein Dienstzimmer im Bendlerblock, in dem damals die Seekriegsleitung und das Allgemeine Heeresamt untergebracht waren. 450 Rekruten gelobten, dem Staat «treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen».
Verletzliche Errungenschaften
Die Gelöbnisformel erinnert nach den Worten des deutschen Verteidigungsministers Franz Josef Jung daran, dass Recht und Freiheit keinesfalls Selbstverständlichkeiten seien.
«Es sind vielmehr verletzliche Errungenschaften, für die wir uns jeden Tag als Staatsbürger aufs Neue einsetzen müssen.» Der militärische Widerstand sei eine der wichtigsten Traditionslinien der Bundeswehr.
Neben dem militärischen Widerstand würdigte Kohl wie kaum ein Gelöbnisredner vor ihm die Studenten um die Geschwister Scholl und den Schreinergesellen Johann Georg Elser, der bereits 1939 versucht hatte, Hitler zu töten. Auch Elser sowie Hans und Sophie Scholl wurden hingerichtet.
Späte Aktualität
Der letzte Überlebende des engeren Verschwörerkreises um von Stauffenberg, der 89-jährige Philipp Freiherr von Boeselager, sagte der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», nach dem Krieg habe der Widerstand in der Bevölkerung zunächst keine Rolle gespielt: «Er war obsolet und tabu.»
Erst jetzt mit der Enkelgeneration sei der Widerstand wieder aktuell. Von Boeselager hatte damals für die Gruppe um Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg den Sprengstoff besorgt.
Repräsentanten von Regierung, Bundesrat, Bundesverfassungsgericht und Bundeswehr legten Kränze in den Gedenkstätten im Bendlerblock und in der ehemaligen Hinrichtungsstätte Plötzensee nieder.
Kanzleramtschef Thomas de Maizière sagte, was Widerstand in der Zeit des Nationalsozialismus bedeutete, überfordere die Vorstellungskraft im heutigen friedlichen und freiheitlichen Alltag. Auch wenn das Attentat erfolglos gewesen sei, habe es einen wichtigen Zweck erfüllt. Der Widerstand habe vor aller Welt «Nein» zu Hitlers Regime gesagt.
(sda)|
Diesen Artikel weiterempfehlen... |