Provokateur unter Beschuss

03. September 2010 13:39; Akt: 03.09.2010 13:50 Print

Sarrazin und der Vulgär-DarwinismusSarrazin und der Vulgär-Darwinismus

von Peter Blunschi - Thilo Sarrazin dürfte nicht nur seinen Bundesbank-Job verlieren. Seine Thesen zur Vererbung von Intelligenz werden von der Wissenschaft als Unfug entlarvt.

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Thilo Sarrazin bei der Vorstellung seines Buches. (Bild: Keystone/Gero Breloer)

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Ein Provokateur hat sich verrannt: Der Vorstand der Deutschen Bundesbank hat die Entlassung von Thilo Sarrazin beantragt. Der Ball liegt nun bei Bundespräsident Christian Wulff. Der dürfte zustimmen, aus Sorge um das internationale Ansehen Deutschlands. Denn die Debatte um Sarrazins umstrittenes Buch «Deutschland schafft sich ab» ist längst aus dem Ruder gelaufen. Inhaltlich werden Sarrazins Thesen zunehmend zerpflückt.

Dabei geht es weniger um die Integration der Einwanderer. Selbst Spitzenpolitiker von CDU und SPD geben zu, dass in dieser Hinsicht Handlungsbedarf besteht. Integration sei «das Megathema der nächsten Jahre», sagte Dieter Wiefelspütz, der innenpolitische Sprecher der SPD, der «Neuen Osnabrücker Zeitung». Auch Sarrazins Islamkritik steht nicht im Zentrum. Unter Beschuss stehen vielmehr seine Thesen zur Vererbung von Intelligenz.

Intelligenz sei zu 50 bis 80 Prozent erblich, viele Ausländer in Deutschland aber kämen aus bildungsfernen Schichten, und weil die Geburtenraten von Ausländern so hoch seien, verdumme Deutschland – so Sarrazins Aussagen in verkürzter Form. «Wir werden auf natürlichem Weg durchschnittlich dümmer», sagte er an einer Veranstaltung im Juni. Doch es scheint, als habe sich der Ökonom damit im Labyrinth der Naturwissenschaften verlaufen. Wissenschaftler jedenfalls nehmen seine Aussagen auseinander.

Forscherin geht auf Distanz

Das gilt nicht zuletzt für die Psychologin und Lernforscherin Elsbeth Stern von der ETH Zürich, auf die sich Sarrazin explizit beruft. In Interviews mit der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ) und dem «Tages Anzeiger» ging sie auf Distanz zum ehemaligen Finanzsenator von Berlin. Sarrazin habe etwas «fundamental falsch» verstanden: «Es muss heissen: 50 bis 80 Prozent der Intelligenzunterschiede sind auf Gene zurückzuführen.»

Menschen mit guten genetischen Voraussetzungen könnten entsprechende Lernerfolge erzielen, wenn sie die Gelegenheit dazu erhielten, so Elsbeth Stern. «Es gilt aber auch, dass weniger intelligente Menschen mit Fleiss und Anstrengung in ausgewählten Gebieten die gleichen Erfolge erzielen wie intelligente Menschen. Spezifisches Wissen schlägt Intelligenz.»

Auch mit der angeblichen Vererbung von Dummheit kann die Forscherin nichts anfangen: «So manches Akademikerkind bleibt in den Schulleistungen hinter den Erwartungen zurück und nicht selten zeigen Intelligenztests, dass das Kind nicht das Potenzial der Eltern hat.» Umgekehrt könnten auch weniger intelligente Menschen Erbsubstanz in sich tragen, «die ihrem Nachwuchs in einer gerechten Gesellschaft zu ungeahnten Höhenflügen verhilft».

Fahrlässiger Umgang mit Quellen

Die vielleicht härteste Kritik an Sarrazin stammt von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, selber durchaus kein Feind knackiger Thesen. Im Innersten von Sarrazins Buch stecke eine «vulgärdarwinistische Gesellschaftstheorie», die mit einer Unbefangenheit dargelegt werde, als hätte es das 20. Jahrhundert nicht gegeben, schreibt Schirrmacher. Es sei «schlichtweg unseriös», wie fahrlässig Sarrazin mit seinen Quellen umgehe.

Der Angeschossene krebste inzwischen zurück – zumindest teilweise. In der ARD-Sendung «Hart aber fair» bezeichnete Thilo Sarrazin seine Behauptung «alle Juden teilen ein bestimmtes Gen» als «Riesenunfug», er sprach von «Blackout» und «Dummheit». Um dann sogleich anzufügen, er habe «nichts Falsches gesagt». Hätte er von Ostfriesen oder Isländern gesprochen, wäre es kein Thema gewesen: «Es war eine inhaltliche Dummheit, keine inhaltliche Falschheit.»