Arzt erschossen

02. Juni 2009 14:01; Akt: 02.06.2009 14:10 Print

Abtreibungs-Gegner: «Das war kein Mord»Abtreibungs-Gegner: «Das war kein Mord»

von Peter Blunschi - Der am Sonntag erschossene George Tiller ist der vierte Abtreibungsarzt, der in den letzten 20 Jahren in den USA einem Mordanschlag zum Opfer fiel. Abtreibungs-Befürworter fürchten eine Rückkehr zur Gewalt der 90er Jahre.

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Mahnwache für den ermordeten George Tiller in Wichita. (Bild: AFP)

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Wenige Themen sorgen in den USA dermassen für Aufruhr wie das seit 1973 geltende Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Religiöse Kreise betrachten Abtreibung als Mord, militante Gegner schrecken auch vor Gewalt nicht zurück. Vor allem in den 90er Jahren kam es zu einer eigentlichen Welle von Anschlägen gegen Ärzte und Kliniken (siehe Infobox). Auch auf den am Sonntag vor einer Kirche in Wichita im Bundesstaat Kansas getöteten George Tiller war bereits 1993 ein Attentat verübt worden.

In den letzten zehn Jahren blieb es vergleichsweise ruhig. Nach dem Mord an George Tiller befürchten Abtreibungs-Befürworter weitere Gewalttaten. Für Nancy Keenan, Präsidentin der nationalen Vereinigung für das Recht auf Abtreibung, ist der Mord «kein isoliertes Ereignis», sondern Teil «eines Musters von hasserfüllten Reden, die leider zu Gewalt führen können», wie sie in der «Washington Post» festhielt. Auch US-Präsident Barack Obama zeigte sich schockiert über den Mord. Er befürwortet den Schwangerschaftsabbruch, hat sich jedoch erst kürzlich für eine Versöhnung der feindlichen Lager ausgesprochen.

Auge um Auge

Der mutmassliche Täter zeigte sich dafür nicht empfänglich. Der 51-jährige Scott Roeder war ein Sympathisant der militant regierungsfeindlichen Montana Freemen, die 1996 während 81 Tagen vom FBI belagert worden waren. Im gleichen Jahr war Roeder verhaftet worden, weil in seinem Auto Bestandteile zum Bombenbau gefunden wurden. Das Verfahren wurde wegen Formfehlern eingestellt.

Daneben sei Scott Roeder sehr religiös geworden, «in einer alttestamentarischen Auge-um-Auge-Art», wie seine Exfrau Lindsey Roeder gemäss «Washington Post» erklärte. Unter seinem Namen wurde 2007 ein Eintrag im Internet veröffentlicht, in dem George Tiller als «KZ-Mengele unserer Tage» bezeichnet wurde, der «gestoppt werden muss». Ein anderer Abtreibungsarzt in Kansas erinnerte sich daran, wie Roeder ihm in seiner Klinik aufgelauert und ihm ins Gesicht gesagt habe: «Jetzt weiss ich, wie Sie aussehen.»

Abtreibungsgegner geschwächt?

Die Folgen des Tiller-Mords auf politischer Ebene sind offen. Die Autorin Cynthia Gorney, die ein Buch über das Thema geschrieben hat, glaubt gemäss «Washington Post», dass die Tat die Abtreibungsgegner schwächen wird, «und zwar massiv». Ähnlich sehen es gemässigte Opponenten. Sie befürchten, dass extreme Gruppen die Tat politisch ausschlachten und damit der breiten Bewegung schaden werden.

Anzeichen dafür gibt es. Für Regina Dinwiddie, eine prominente Abtreibungsgegnerin aus Kansas, wurde George Tiller «nicht ermordet». Er sei auf seinem Weg gestoppt worden, und das «war schon lange fällig». Randall Terry, Gründer der militanten Operation Rescue, bezeichnete den Arzt als «Massenmörder, der erntete, was er gesät hat». Er machte klar, dass sich Abtreibungsgegner keineswegs mässigen dürften, sondern weiterhin auf Konfrontation und «hochtourige Rhetorik» setzen müssten.

Scott Roeder, der mutmassliche Mörder von George Tiller, dürfte für sie zu einem neuen Aushängeschild werden, ähnlich wie Paul Hill, der 1994 in Florida einen Abtreibungsarzt und seinen Leibwächter erschossen hatte. Er wurde 2003 hingerichtet und ist seither für die Fanatiker eine Art Märtyrer.