Deutschland

15. Juni 2009 14:37; Akt: 15.06.2009 14:37 Print

Streiken statt studierenStreiken statt studieren

Mit Demonstrationen und Blockaden haben Schüler und Studenten am Montag in mehr als 60 Städten in Deutschland ihren fünftägigen Bildungsstreik gestartet.

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Der Protest richtet sich vor allem gegen Studiengebühren, die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master, den damit verbundenen erhöhten Arbeitsumfang sowie die verkürzte Oberstufe beim achtjährigen Gymnasium. Höhepunkt sollen am Mittwoch Demonstrationen in 80 Städten sein, zu denen die Organisatoren 150 000 Menschen erwarten. Darüber hinaus sind während bis zum Freitag Besetzungen und symbolische Banküberfälle geplant.

In Hamburg besetzten Studenten am Montag nach eigenen Angaben mehrere Universitäts-Gebäude und blockierten kurzfristig zwei Hauptstrassen. In Dresden legten Demontranten mittags eine stark befahrene Kreuzung im Univiertel lahm; die Aktion endete aber schon nach wenigen Minuten. In Potsdam verbarrikadierten Studierende mit Stühlen und Tischen Eingänge von Lehrgebäuden, wie eine Asta-Sprecherin sagte. Allerdings seien die Sperren auch von vielen umgangen worden, so dass der Unibetrieb weiterlief.

Bankbesetzungen geplant

Einer der Organisatoren des Bildungsstreiks, Martin Schmalzbauer, sagte, die Schüler und Studenten kritisierten vor allem, dass Rettungspakete für das Bankensystem und die Wirtschaft geschnürt würden, die Bildungseinrichtungen aber mit vergleichsweise wenig zusätzlichen Investitionen abgespeist würden. Um dies anzuprangern, sollten Donnerstag in einer «symbolischen Aktion des zivilen Ungehorsams» bundesweit mehrere Bankbesetzungen stattfinden.

Der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Ulrich Thöne, unterstützte die Streiks. «Die GEW fordert eine drastische Verbesserung der Finanzierung aller Bildungseinrichtungen - nicht trotz, sondern wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise: Investitionen in die Bildung und die Zukunftschancen junger Menschen sind das beste Konjunkturprogramm», erklärte er.

Protestcamps und öffentliche Seminare

Der Deutsche Philologenverband (DPhV) äusserte sich derweilen kritisch. Die Forderungen seien zu einseitig und die Aktionsformen wie die fingierten Banküberfälle problematisch, sagte der DPhV-Bundesvorsitzende Heinz-Peter Meidinger. Ausserdem würden zu viele linksradikale Gruppen die Aktionen unterstützen.

Studierende der Universitäten in Mainz und Darmstadt eröffneten Protestcamps und verlegten Vorlesungen und Seminare zum Teil in die Öffentlichkeit. Die Beteiligung war nach ersten Meldungen allerdings noch gering. Die Wissenschaftsministerien in Mainz und Wiesbaden berichteten, von flächendeckenden Streiks an den Hochschulen sei nichts bekannt.

In Nordrhein-Westfalen sind nach Angaben eines Sprechers vor allem am Mittwoch zahlreiche Demonstrationen geplant. «Wenn die Beteiligung so hoch ausfällt wie wir hoffen, könnten ganze Schulen auf die Strassen gehen», sagte ein Sprecher der Bildungsstreik-Initiative. Von komplett bestreikten Universitäten müsse man aber nicht ausgehen.

Camping im Psychologischen Institut

Studenten der Universität Heidelberg besetzten das Philosophische Seminar, ausserdem campten Psychologiestudenten in einem Raum in ihrem Institut. In Freiburg organisierten Studenten eine Vollversammlung an der Pädagogischen Hochschule sowie im Bereich der Fachschaft Physik.

Das Mitgleid des Linken-Parteivorstands, Rosemarie Hein, erklärte, ihre Partei unterstütze den Bildungsstreik in allen Punkten. «Es ist ein Armutszeichen für die Grosse Koalition, dass Betroffene zu solchen Mitteln greifen müssen, um sich Gehör zu verschaffen.»

Tobias Rossmann, Student an der Humboldt-Universität zu Berlin, sagte am Montag, der Leistungsdruck und Arbeitsaufwand sei vor allem in den Geisteswissenschaften zu hoch. «Das Studium ist heute an Quantität und nicht mehr an Qualität gebunden.»


(dapd)