Wegen Attacke

01. September 2010 08:45; Akt: 01.09.2010 12:45 Print

«Rassisten-Flyer» für Basler Musliminnen«Rassisten-Flyer» für Basler Musliminnen

von Amir Mustedanagic - Nach der Attacke auf eine Kopftuchträgerin reagiert die Basler Muslimkommission – und will eine Anleitung für betroffene Musliminnen erstellen.

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Hier hat sich der Übergriff auf die 29-Jährige ereignet: Barfüsserplatz in Basel (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

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Die Basler Muslimkommission arbeitet an einem «Rassisten»-Flyer für Musliminnen. Der mehrsprachige Faltprospekt soll in den kommenden Wochen in den Moscheen der Region verteilt werden. Gemäss Präsident Cem Karatekin soll es muslimischen Frauen im Umgang mit rassistischen Beschimpfungen oder gar Tätlichkeiten helfen. «Die Frauen sollen erkennen, dass sie solche Übergriffe nicht einfach hinnehmen dürfen, sondern sich bei der Polizei melden sollen», so Karatekin gegenüber 20 Minuten Online. Zudem richtet die Basler Muslimkommission eigens eine Hotline ein, für Frauen, die nicht allein zur Polizei gehen möchten.

Auslöser der Aktion war der Übergriff auf die Schwiegertochter von Cem Karatekin am 26. Mai auf dem Basler Barfüsserplatz. Mitten im Feierabend-Getümmel war die 29-jährige Kopftuchträgerin von einer etwa 45-jährigen Frau ins Genick geschlagen worden. Anschliessend soll die unbekannte Frau die zweijährige Tochter und die Schwägerin des Opfers rassistisch beschimpft haben. Die Staatsanwaltschaft eröffnete in der Folge ein Verfahren gegen Unbekannt «wegen Tätlichkeit und Rassendiskriminierung».

Geheimniskrämerei untergrub Glaubwürdigkeit

Für die Familie Karatekin ging mit der Anzeige der Stress aber erst richtig los: Obwohl sich die Tat kurz nach 17 Uhr auf dem vielfrequentierten Barfüsserplatz ereignete, meldeten sich zunächst keine Zeugen. Der Fall blieb mysteriös. Stimmen wurden laut, die hinter der Anzeige eine PR-Aktion der Basler Muslimkommission vermuteten, der Cem Karatekin als Präsident vorsteht. So berichtete der «Tages-Anzeiger», dass es sich beim Opfer um die Schwiegertochter handle und bezeichnete die Familie von Präsident Cem Karatekin als «PR-Clan».

Tatsächlich hat Cem Karatekin zunächst den Medien nicht verraten, um wen es sich beim Opfer handelte. Im Gegenteil. Noch am Tag des Übergriffs verschickte er eine Mitteilung, in der er von einer zunehmenden «Islamophobie in der Gesellschaft» sprach. Der Kommission seien «mehrere weitere Fälle» bekannt, bei welchen Musliminnen mit Kopftuch rassistisch beschimpft worden seien. Doch wo oder wann sich die Übergriffe abspielten und wer die Opfer waren, gab Karatekin nicht preis. Mit der Geheimniskrämerei untergrub die Basler Muslimkommission die eigene Glaubwürdigkeit: Einerseits weckte sie Zweifel an der Tat, andererseits aber auch an der Motivation der Anzeige.

«Jemand musste den ersten Schritt machen»

«Wir hätten die Identität des Opfers gleich preisgeben sollen», gesteht Karatekin inzwischen ein. Er habe versucht, seine Schwiegertochter zu schützen, welche damals gerade erst mit ihrer Familie nach Riehen gezogen sei: «Ich wollte einfach nicht, dass sie mit einem Handicap starten müssen und angestarrt werden.» Karatekin bestreitet nicht, dass die Anzeige den Fokus auf das Thema lenken sollte. «Die rassistischen Beschimpfungen sind aber keine Erfindung, sondern teilweise die Realität für verschleierte Musliminnen». Jemand habe den ersten Schritt in diese Richtung machen müssen. Viele Opfer hätten es bisher nicht gewagt, rassistische Übergriffe zu melden (siehe Infobox). «Als meine Schwiegertochter dann aber auch noch angegriffen wurde, mussten wir handeln», sagt Karatekin.

Drei Monate nach der Tat fehlt von der mutmasslichen rassistischen Täterin immer noch jede Spur. Inzwischen hat die Polizei aber Hinweise auf den Zwischenfall erhalten. «Die Tat selbst hat niemand gesehen, aber einige Personen haben ein Geschrei und streitende Personen vernommen», sagt Melzl. Das Verfahren gegen Unbekannt «wegen Tätlichkeit und Rassendiskriminierung» ist zwar noch offen, an weitere Hinweise glaubt der Sprecher der Staatsanwaltschaft allerdings kaum. Er bezweifelt auch, dass die Täterin gefasst wird. Trotzdem ist der Stand der Ermittlungen für die Familie des Opfers eine Erleichterung. «Die Leute sehen immerhin, dass wir hier nichts erfunden haben», sagt Karatekin.

«Frauen verschanzen sich aus Angst zuhause»

Für den Präsidenten der Basler Mulimkommission ist die Anzeige zum Vorteil aller: «Wenn muslimische Frauen Angst haben müssen, rassistisch beschimpft oder gar angegriffen zu werden, dann verschanzen sie sich erst recht zuhause», sagt Karatekin. Seine Schwiegertochter habe sich beispielsweise nach dem Zwischenfall nur noch in Begleitung aus dem Haus getraut. «Mit der Furcht vor Beschimpfungen und ohne die Bewegungsfreiheit klappt die Integration nie», ist Karatekin überzeugt.

Von einer «Islamophobie in der Gesellschaft» spricht Karatekin aber nicht mehr. «Die Stimmung gegenüber den Muslimen hat sich spürbar verbessert – zumindest in Basel», sagt er. Dass der «Rassisten-Flyer» in diesem Moment kontraproduktiv sein könnte, ist Karatekin durchaus bewusst. Er will damit aber nicht Öl ins Feuer giessen, sondern Opfer dazu animieren, Beschimpfungen nicht weiterhin still hinzunehmen. «Nur so wird sichtbar, wie viele Musliminnen mit dem Problem tatsächlich zu kämpfen haben», sagt Karatekin, «dann kann auch eine Diskussion darüber entstehen.»

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  • Verena am 02.09.2010 22:34 Report Diesen Beitrag melden

    Rassismus gegen Schweizer

    Die Kommentare hier zeigen mir einmal mehr auf erschreckende Weise, wie weit der Rassismus gegen Schweizer in unserem Land fortgeschritten und öffentlich ausgelebt wird. Wir brauchen endlich ein Gesetz, welches uns schützt!!! Ich habe noch nie im Leben einen Ausländer angepöbelt oder diskriminiert. Und sie mich?Jeden Tag 50 mal! Zum kotzen!

    • kingskid am 03.09.2010 18:30 Report Diesen Beitrag melden

      @Verena

      Wenn du 50 mal pro Tag von Ausländern angepöbelt wirst machst du irgendwas falsch. Läufst du mit der PNOS-Fahne durch die Gegend oder wie schaffst du das?

    einklappen einklappen
  • Andreas am 02.09.2010 18:14 Report Diesen Beitrag melden

    Tolle Idee!

    Ich finde den Flyer eine Tolle Idee! Vielleicht ergänzen die Urheber, dass muslimische Frauen auch häusliche Gewalt und Diskriminierung durch Ehemänner und Familie nicht hinnehmen dürfen und sich sofort bei der Polizei melden sollen...

  • F. Rau am 02.09.2010 17:38 Report Diesen Beitrag melden

    Falsch verstanden

    Die ganze Problematik beruht letztlich auf einem fatalen Missverständnis. Der Staat sagt Religionsfreiheit, der Islam versteht darunter Handlungsfreiheit.Der Staat darf diese willkürliche Auslegung der Religionsfreiheit nicht länger dulden. Eine als freie Religionsausübung getarnte uneingeschränkte beeinflussende Handlungsfreiheit durch den Islam richtet sich gegen den Staat und diese Gesellschaft. Die religiöse Gemeinschaft der umma, wie sie im Islam gelebt werden will, ist mit der weltlichen Gemeinschaft in Europa nicht vereinbar, führt unweigerlich zu Abschottung und Parallelgesellschaft.