Bootsdrama auf Bielersee

30. Juli 2010 13:41; Akt: 30.07.2010 16:13 Print

Bootsführer, 74, meldet sich zu WortBootsführer, 74, meldet sich zu Wort

Der 74-jährige Tatverdächtige hält es «für undenkbar», mit dem Unglück auf dem Bielersee etwas zu tun zu haben. Laut Polizei steht er aber im Mittelpunkt der Ermittlungen.

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Am Abend des 11.7.2010 sind Stephan F. und Angela A. mit einem Gummiboot in der Nähe der St. Peterinsel im Bielersee unterwegs. Plötzlich rast ein Motorboot auf das Pärchen zu. Trotz Rufen und Handzeichen der beiden ändert das Motorboot seine Richtung nicht. Um sich zu retten, springen die beiden ins Wasser. Stefan F. kann sich in Sicherheit bringen, seine Freundin wird von der Schiffsschraube erfasst und getötet. Der Fahrer flüchtet. 13.7.2010: Eineinhalb Tage nach dem Unfall sind bei der Polizei Dutzende Hinweise eingegangen. Gesucht wird ein wein- oder alt-bordeauxrotes Schiff, das dem Typ «Boesch» oder «Pedrazzini» ähnlich ist. Der Bootsführer wird als 55- bis 65-jähriger Mann mit einer leichten Stirnglatze beschrieben. An Bord des Schiffes dürften sich weitere Personen aufgehalten haben. 14.7.2010: Die Polizei weiss nicht, in welchem Kanton das Boot immatrikuliert sein könnte. Es wäre auch denkbar, dass der Bootslenker sein Schiff noch am gleichen Abend aus dem Wasser gezogen und abtransportiert hat. Das hätte er bei einer Auswasserungsstelle tun müssen (siehe Karte). Zudem ist der Bielersee mit dem Neuenburger- und dem Murtensee verbunden. Über die mögliche Ursache des Unfalls wird spekuliert. Bootsbesitzer vom Bielersee berichten von Sauforgien auf dem See. Stephan F., der Freund der Verstorbenen, wendet sich derweil an den Todesfahrer: «Stell dich, damit Angela und ihre Familie Ruhe finden können.» 15.7.2010: Ein wichtiger Hinweis? Eine Bieler Motorbootlehrerin, die glaubt, das Boot am Tag der Tat im Bieler Hafen gesehen zu haben, meldet sich bei der Polizei. Ihre Beschreibung passt auf die Täterbeschreibung. 19.7.2010: Stephan F. ist an einem ruhigen Ort untergetaucht. Der Fokus richtete sich derweil auf einen gewissen Michel B. Er ist der Mann, den die Bieler Bootslehrerin gesehen hat. Vier Tage lang galt er als Hauptverdächtiger. Doch er sagt: «Ich bin unschuldig und habe ein reines Gewissen.» 28.7.2010: Beim Campingplatz Sutz transportiert die Seepolizei mit einem Schleppkahn ein verdächtiges Boot ab. Es handelt sich um ein 25-jähriges Motorboot vom Typ «Boesch». 30.7.2010: Der Verdacht erhärtet sich: Die Polizei bestätigt, dass gegen den 74-jährigen Mann Tatverdacht besteht und sein Boot abtransportiert wurde. Er und seine beiden Begleiterinnen, die am fraglichen Sonntag auf dem See unterwegs waren, bestreiten, mit dem Unglück etwas zu tun zu haben. Der Mann steht laut Polizeiangaben aber «im Zentrum der Ermittlungen».

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Kurz nachdem die Polizei heute Freitag den Fokus auf den 74-Jährigen Bootsführer gerichtet hat, meldet sich dieser über seinen Anwalt zu Wort. Der verdächtige Bootsführer hält eine Beteiligung an dem tragischen Bootsunglück vom 11. Juli auf dem Bielersee «für undenkbar», wie er am Freitag in einer Mitteilung schreibt.

Er sei an jenem Tag tatsächlich am späten Nachmittag mit seinem Boot auf dem Bielersee unterwegs gewesen, schreibt der 74-Jährige in einer von seinem Anwalt verbreiteten Stellungnahme. Weder er noch die beiden anderen Personen auf dem Boot hätten etwas Aussergewöhnliches festgestellt.

«Schwere Belastung»

Bereits am 13. Juli habe die Seepolizei sein Boot untersucht. Am 15. Juli sei er von der Polizei befragt worden. Er habe alle verlangten Auskünfte der Wahrheit entsprechend erteilt.

Er begrüsse es, dass sein Boot sichergestellt worden sei. Es liege in seinem Interesse, dass der Fall rasch aufgeklärt werde. «Ich hoffe sehr, dass der Verdacht, welcher für meine Frau und mich eine schwere Belastung darstellt, durch die technischen Untersuchungen am Boot entkräftet wird.»

Unabhängig von den Ermittlungen spricht der Bootsführer der Familie und dem Verlobten des Opfers sein Beileid aus.

Im Fokus der Ermittlungen

Die Polizei allerdings bestätigte heute, dass der 74-Jährige aus der Region Biel im Fokus der Ermittlungen steht – wie zuvor in verschiedenen Medienberichten spekuliert worden war. Er bestritt aber auch gegenüber den Journalisten jegliche Schuld.

Der Polizei sagte er offenbar dasselbe: «Er erklärte in ersten Befragungen, am fraglichen Tag auf dem See gewesen zu sein, aber vom Unglück nichts mitbekommen und damit nichts zu tun zu haben», schreibt die Polizei in einer Medienmitteilung. Am 11. Juli wurde er von zwei Personen auf dem Bootsausflug begleitet, doch auch diese wollen «vom Unglück keine Kenntnis genommen haben». Bei den Mitinsassen handelt es sich um «zwei Frauen aus dem Umfeld des Mannes», sagt Polizeisprecher Michael Fichter zu 20 Minuten Online.

Übereinstimmende Beschreibungen

Die Übereinstimmungen zu den Aussagen von Stephan F., dem einzigen Augenzeugen des Unfalls, sind frappant: Gemäss seinen Aussagen befanden sich auf dem Schiff «zwei bis drei weitere Personen». Auch der Bootstyp und die Beschreibung des Besitzers decken sich mit den Aussagen von Stephan F., dem Freund der beim Unfall getöteten Angela.

Wie die Polizei in der Mitteilung weiter schreibt, sei das Boot des 74-Jährigen «von mehreren Personen vor oder nach dem Unglück gesehen worden». Das Boot hat die Polizei bereits beschlagnahmt, wie sie nun bestätigte. Der Mann wurde nicht in Untersuchungshaft genommen. «Es liegen keine Haftgründe vor», sagt Fichter auf Anfrage. Haftgründe sind unter anderen Kollusionsgefahr und Fluchtgefahr.

Ermittlung wegen fahrlässiger Tötung

«Die Suche nach möglichen Spuren des Unfalles an dem Boot ist sehr aufwändig», bremst die Polizei die Erwartungen auf eine schnelle Aufklärung des Unglückes. Die Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung dauern an. Bis zu einer allfälligen Verurteilung gelte nach wie vor die Unschuldsvermutung.

Ob es sich bei dem 74-Jährigen um dieselbe Person handelt, die sich laut Medienberichten bei seiner Versicherung über die Haftung von Personenschäden mit Motorboot erkundete, ist unklar. Das Alter stimmt aber offenbar exakt überein. Der Mann soll seiner Versicherung mitgeteilt haben, er habe «Mist gebaut».

Die weiteren Ermittlungen werden von der Sonderkommission (Soko) getätigt, die wenige Tage nach dem Bootsdrama eingesetzt wurde. Wie die Polizei heute mitteilte, wurde die Soko per sofort personell reduziert.

(amc/meg/sda)