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Erster Sozialbericht
04. Dezember 2008 10:44; Akt: 04.12.2008 14:36 Print
90 000 Berner arm oder armutsgefährdet
Im Kanton Bern sind 90 000 Menschen arm oder armutsgefährdet. Zu diesem Schluss kommt der erste Sozialbericht. Das grösste Armutsrisiko tragen Kinder - besonders ausländische.
Jedes zehnte Kleinkind bis fünf Jahre bezieht über seine Eltern Leistungen der Sozialhilfe, wie dem vom Regierungsrat in Auftrag gegebenen Bericht zu entnehmen ist. Bei zunehmendem Alter der Kinder verringert sich deren Sozialhilferisiko. Der Bericht ist am Donnerstag veröffentlicht worden.
Besonders betroffen sind Kinder ausländischer Nationalität. Während Schweizer Kinder zwischen 0 und 15 Jahren ein Sozialhilferisiko von sechs Prozent haben, beträgt dies bei ausländischen Kindern 20 Prozent.
Ebenfalls stark armutsgefährdet sind alleinerziehende Eltern. Von ihnen ist jeder oder jede vierte auf Sozialleistungen angewiesen.
Der Gesundheits- und Fürsorgedirektor Philippe Perrenoud bezeichnete diese Umstände am Donnerstag vor den Medien in Bern als unhaltbar. Perrenoud will aufgrund der Ergebnisse des Berichts die Prävention verbessern. Ziel ist es, die Armut im Kanton Bern innert zehn Jahren zu halbieren.
Der Sozialbericht basiert auf kantonale Steuerdaten aus dem Jahr 2006 sowie auf der schweizerischen Sozialhilfestatistik 2006. Der erste Band beschreibt anhand von Zahlen und Fakten die wirtschaftliche Situation der Bernerinnen und Berner. Der zweite Band lässt Direktbetroffene in Interviews zu Wort kommen.
Unterschiedliche Reaktionen
Die Parteien im Kanton Bern haben unterschiedlich auf den ersten Sozialbericht des Kantons Bern reagiert. Die SP sieht sich in «langjährigen Forderungen» bestätigt. Die SVP fordert zur Behebung der Missstände eine steuerliche Entlastung.
Es reiche nicht aus, lediglich über die Missstände zu berichten, schreibt die SVP Kanton Bern in einer Mitteilung vom Donnerstag. Ziel müsse sein, sie zu beseitigen. Nötig sei eine Steuersenkung, damit die tieferen Einkommen entlastet würden. Dies würde auch den Konsum und damit die Wirtschaft ankurbeln.
Zudem brauche es eine «Systemkorrektur in Richtung Anreizsystem». Es müsse sich lohnen, von der Sozialhilfe in die Unabhängigkeit und den Arbeitsprozess zurückzukehren, schreibt die SVP weiter.
Gerade um Kinder vor der Armut zu schützen, müsste der Kanton laut der SVP auch mehr unternehmen, um den Zusammenhalt der traditionellen Familie zu fördern.
«Gezielter Kampf möglich»
Gute Noten erhält die Gesundheits- und Fürsorgedirektion von der SP des Kantons Bern. Die Sozialdemokraten begrüssen den Bericht als «Grundlagendokument für die Sozialpolitik», wie sie mitteilten. Das Wissen über die Ursachen der Armut ermögliche deren gezielte Bekämpfung.
So sei für den Kampf gegen die Armut eine umfassende Politik nötig. Existenzsicherung sei nicht allein Sache der Sozialpolitik, ist die SP überzeugt. Sie betreffe genauso die Arbeitsmarkts-, Familien-, Bildungs-, Steuer- und Gleichstellungspolitik.
Die SP fühle sich in ihrer Politik bestärkt, die «soziale Sicherheit auch durch gute Bildungspolitik, Chancengerechtigkeit und Gleichstellung erreichen will».
(sda)

























