Abstimmung

26. September 2010 15:09; Akt: 27.11.2010 17:52 Print

Reitschule wird nicht verkauft

Die Berner Reitschule wird nicht verkauft. Die Stimmberechtigten haben eine Initiative der Jungen SVP mit einem Nein-Stimmenanteil von 68,4 Prozent verworfen und sich somit zum fünften Mal an der Urne hinter das alternative Kulturzentrum gestellt.

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Der - vorläufig - letzte Sieg für die Reithalle: Am Sonntag, 26. September 2010 feiern vornehmlich Jugendliche das Abstimmungsergebnis zugunsten der Erhaltung der Reitschule in Bern. In den 11 Jahren zuvor hat das Berner Stimmvolk das Kulturzentrum bereits in vier Abstimmungen vor dem Aus bewahrt. Damit wird die reichhaltige Geschichte um die Reithalle fortgesetzt. 1919 sorgten vor der Reithalle noch andere Gäste für Spektakel: Der Zirkus Knie spannte sein Zelt auf dem Vorplatz. Im Bild warten am 14. Juni 1919 Gäste auf Einlass. In den 1980er Jahren rückt die Reitschule im Zuge der Jugendunruhen in den Fokus von Politik und Jugendbewegung. Am 16. Oktober 1981 wird sie eröffnet. Doch das basisdemokratisch verwaltete Jugendzentrum ist dem bürgerlich dominierten Bern ein Dorn im Auge. Die Politik fordert namentlich bezeichnete Verantwortliche und einen «geordneten Betrieb». Es kommt zu keiner Einigung. Am 14. April 1982 wird die Reithalle polizeilich geräumt. In der gleichen Nacht kommt es zu heftigen Strassenschlachten. Die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (IKuR) tritt am 24. Februar 1986 mit einem Appell erstmals in Erscheinung. Sie fordert den Stadt- und Gemeinderat auf, die Reithalle zu sanieren und für eine vielfältige, kulturelle Nutzung freizugeben. Im Februar 1987 spricht sich der Stadtrat mit 35:33 Stimmen für den Abbruch aus. Gleichzeitig reicht die Nationale Aktion (später Schweizer Demokraten) eine Volksinitiative zum Abbruch der Reithalle ein. Bereits nach der Räumung des besetzten Wohn- und Kulturraums ZAFF - dem wohl legendärsten Ort der Berner Subkultur in den Achtzigerjahren - finden in Bern diverse «Strafbars» statt. Bands wie die damals aufstrebenden Züri West (hier bei ihrem Dachterrassen-Konzert 2004 in Bern) spielten oft gratis in illegalen Bars. Züri-West-Gitarrist Küse Fehlmann sagte später über das Ziel der Strafbars: «Wir wollten die Reithalle zurück.» Am 24. Oktober 1987 war es soweit: Erstmals seit fünf Jahren wurde die Reithalle wieder kulturell genutzt. Über tausend Leute und 13 Bands füllten das Gebäude im Rahmen einer «Strafbar». Die illegale Veranstaltung wurde um 5 Uhr morgens von der Polizei beendet. Doch die Szene war nicht mehr aufzuhalten. In einem Kellerlokal wurde gleich darauf die Idee eines Kulturstreiks ausgeheckt: Kulturveranstalter, Buchhandlungen, das Konservatorium und szenennahe Restaurants und Bars sollten sich mit der Reitschule solidarisieren. Das IKuR erkämpfte - getragen von einer breiten Solidaritätswelle - schliesslich eine Bewilligung für ein Fest in der Reithalle. Am Samstag, 31. Oktober 1987 kommt es in der Reithalle zum legendären «Kulturstreik». Nahezu alle kulturellen Institutionen verlegen ihr Programm in die Reithalle. Tausende strömten in die Reithalle. Dort traten Züri West und zwölf andere Bands auf. Stephan Eicher, der am Tag zuvor in Bern auftrat, kam extra nochmal zurück nach Bern, um in der Reithalle auf die Bühne zu stehen. Spät in der Nacht tauchte auch Polo Hofer noch auf. Doch Ruhe kehrt damit nicht ein... (Im Bild: 20 Jahre nach dem «Kulturstreik» feierte die Berner Reithalle am 2. November 2007 das Jubiläum unter anderem mit einer Ausstellung im Innenhof.) Am 17. November 1987 - gut zwei Wochen nach dem «Kulturstreik» - stürmen Polizisten die alternative Wohnsiedlung Zaffaraya: Nach mehreren Ultimaten räumen die Einsatzkräfte das Areal, vertreiben die Besetzer mit Gummischrot und Tränengas, sperren das Gelände und lassen Bagger auffahren. Nach der Räumung treten rund 2000 Schülerinnen und Schüler von 30 öffentlichen und privaten Schulen sowie 120 Sozialarbeiter in einen Proteststreik. (Im Bild: Eine Protestaktion im Juli 1985 im Schwimmbad gegen den Abriss des besetzten Hauses ZAFF, dem Vorgänger des Zaffaraya). Im November und Dezember wird weiter demonstriert und werden Häuser besetzt. Die Ladengeschäfte der Berner Innenstadt verzeichnen laut eigenen Angaben Einbussen im Weihnachtsgeschäft von 10 bis 20 Prozent. Die Stadt beschliesst, die Reithalle über Weihnachten unter Auflagen frei zu geben. Am frühen Morgen des 13. Oktober 1990 wird ein Brandanschlag auf die Reithalle verübt. Molotows treffen die renovierte Remise. Diese brennt vollständig aus, Teile des Wohnhausdaches werden zerstört. Im Wohnhaus findet die Feuerwehr Propangasflaschen mit geöffneten Ventilen. 25 Jahre später ist die Reithalle immer noch Dauerthema der städtischen Sozial-, Sicherheits- und Kulturpolitik. Für die einen bleibt sie ein «Schandfleck», für die anderen Symbol des kulturpolitischen Kampfs der Berner Jugendkultur. Das «Sous le Pont» zieht jeden Abend hunderte Besucher an.

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Damit heisse es nun fünf zu null für die Reitschule, teilte die Interessengemeinschaft Kulturraum Reithalle IKUR am Sonntagnachmitag sichtlich zufrieden mit.

Auch Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) war erfreut über die klare Absage der Bernerinnen und Berner an «die populistische Initiative». Das Volk habe ein klares Bekenntnis zu Toleranz und kultureller Vielfalt abgelegt. «Ich bin mehr als stolz auf meine Bernerinnen und Berner», sagte Tschäppät.

Er nahm aber auch die Reitschul-Betreiber und die Besucher in die Pflicht. Das Ja des Volkes sei kein Freipass zum Chaos oder zur Nichtbeachtung rechtsstaatlicher Vorschriften.

Er hoffe, dass etwa die Teilnehmer des antifaschistischen Abendspaziergangs vom kommenden Wochenende das Abstimmungsergebnis mit einer friedlichen Veranstaltung honorierten.

Zum fünften Mal chancenlos

Die rechtsbürgerlichen Initianten hatten gefordert, die Reitschule beim Hauptbahnhof Bern bis Ende 2011 zu schliessen und an den Meistbietenden zu verkaufen. Der neue Besitzer sollte das Areal beispielsweise als Sporthalle, Kino, Schwimmbad oder Einkaufszentrum nutzen.

Das Begehren blieb chancenlos. Mit 25 122 gegen 11 610 Stimmen wurde die Vorlage verworfen. Das Volk folgte damit der Abstimmungsempfehlung von Stadtregierung und Parlament. Die Stimmbeteiligung betrug 47,1 Prozent.

Hess will sich nicht geschlagen geben

Erich Hess von der Jungen SVP, treibende Kraft hinter der Initiative, wollte sich am Sonntag nach verlorener Abstimmung noch nicht geschlagen geben.

Die Reitschule möge in der mehrheitlich rot-grünen Stadt zwar Unterstützung geniessen, je weiter man aufs Land hinaus gehe, je stärker nehme diese Unterstützung aber ab. Hess möchte darum auf kantonaler Ebene gegen die Reitschule vorgehen, wie er am Sonntag auf Anfrage sagte.

Er will im Grossen Rat einen entsprechenden Vorstoss einreichen. Es könne nicht sein, dass mitten in Bern ein rechtsfreier Raum wie die Reitschule existiere, betonte Hess.

Kulturoase oder Schandfleck?

Die Reitschule in Bern wird seit 1987 als Kultur- und Begegnungszentrum betrieben und erregt seit langem die Gemüter. Für die einen ist sie ein Schandfleck im Herzen der Bundesstadt, für die anderen eine Kulturoase ausserhalb gängiger Konventionen.

Im Abstimmungskampf bezeichnete die Junge SVP die Reitschule als «Hort für linke Aktivisten, Gewälttäter und Drogendealer». Seit Jahren biete sie bei Demonstrationen Chaoten Unterschlupf und setze sich über Vorschriften des Rechtsstaats hinweg.

Das Nein-Komitee «Reitschule bietet mehr» entgegnete, die Reitschule gehöre zu Bern wie der Bärenpark und der Zytglogge. Kulturschaffende wie Züri West, Patent Ochsner, Stiller Has oder Semih Yavsaner alias «Müslüm» stellten sich im Abstimmungskampf hinter das Kulturzentrum.

Grünes Licht für Wankdorf City

Angenommen haben die Stadtberner Stimmberechtigten ausserdem die Aufstockung eines Investitionskredits um 25,64 Mio. Franken für Erschliessungs- und Infrastrukturanlagen im Gebiet Wankdorf City.

Die Stimmberechtigten nahmen die Aufstockung mit 24 068 zu 10 196 Stimmen an, also mit einem Ja-Stimmenanteil von 70,2 Prozent. Die Stimmbeteiligung lag bei 47,1 Prozent.

Auf dieser grossen Industriebrache im Norden der Stadt soll ein Verwaltungs- und Dienstleistungsquartier entstehen. Das Areal wird in mehreren Phasen überbaut. Mit der Losinger Construction AG und den SBB Immobilien konnten für 80 Prozent der Baufläche Investoren gefunden werden.

(sda)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Berner am 28.09.2010 12:53 Report Diesen Beitrag melden

    Leider wurde ..

    wieder eine Chance verpasst um die Anarchie in Bern wirkungsvoll zu bekämpfen. Trauriges Bern, due tust mir Leid. Die Bevölkerung ist leider noch nicht soweit um die Folgen abzuschätzen.

  • aleah am 27.09.2010 17:02 Report Diesen Beitrag melden

    einfach nur SUPER!!

    schön, bleibt die reitschule weiter bestehen. gut für uns - gut für bern und gut für die kultur!!! schade nur, dass so viele menschen keine anderen probleme mit sich tragen. es gibt nun wirklich wichtigere dinge über die man sich ernsthaft gedanken machen sollte...

  • Heiri am 27.09.2010 15:34 Report Diesen Beitrag melden

    Reitschule Bern

    Mit der Abstimmung hat die Demaskierung in Bern stattgefunden. Die Stadt Bern wird immer mehr unglaubwürdig.

  • Händler am 27.09.2010 15:05 Report Diesen Beitrag melden

    Reithalle ist wichtig.

    Die Reithalle ist sozusagen die Wall-Street der Dealer. Eine perfektere Zentrale um seine Drogen umzuschlagen während die Polizei Autofahrer büsst, gibt es einfach nicht, wäre echt schade gewesen, wenn man sie verkauft hätte!

  • Tinu M. am 27.09.2010 14:27 Report Diesen Beitrag melden

    Junkies und Dealer

    In der Reitschule ist jeder willkommen. Nur deshalb hat's oft 'Drögeler und Randständige', sie werden ja sonst überall vertrieben. An jedem Anlass in der Via, Formar etc. wird eine vieles mehr konsumiert und gedealt. Danke allen, die sich täglich für die Halle einsetzen!