Hamid Karsai

07. April 2010 18:05; Akt: 07.04.2010 18:05 Print

Ein Präsident schlägt um sichEin Präsident schlägt um sich

Der afghanische Präsident Hamid Karsai irritiert und verärgert den Westen. Ein UNO-Diplomat führt sein Verhalten auf einen möglichen Drogenkonsum zurück.

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Hamid Karsai auf einem Rundgang in der Hauptstadt Kabul. (Bild: Keystone)

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Der Streit zwischen Washington und Kabul verschärft sich: Nach umstrittenen Äusserungen des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai drohen die USA damit, seinen geplanten Besuch in Washington abzublasen. Wenn Karsai weiterhin derart ärgerliche Bemerkungen machen sollte, müsse man eine Absage prüfen, sagte Regierungssprecher Robert Gibbs in Washington. Vorläufig bleibe der für Mai ins Auge gefasste Besuch aber im Programm.

Karsai hatte kürzlich mit einer ganzen Serie von Äusserungen für Verstimmung in Washington gesorgt. Zunächst erklärte er, hinter den Manipulationen bei der Präsidentenwahl im vergangenen Jahr hätten ausländische Diplomaten gesteckt. Dann machte er den Start einer geplanten US-Grossoffensive gegen die Taliban in der südafghanischen Provinz Kandahar von der Zustimmung örtlicher Stammesführer abhängig.

Keine Marionette Washingtons

Zudem schreckte Karsai das politische Washington mit der Drohung auf, sich selbst den aufständischen Taliban anzuschliessen, wenn ausländische Mächte ihn weiterhin ständig kritisieren. «Wenn Ihr und die internationale Gemeinschaft mich noch mehr unter Druck setzt, dann, das schwöre ich Euch, werde ich mich den Taliban anschliessen», soll Karsai nach Angaben eines afghanischen Parlamentariers gesagt haben.

Auf den ersten Blick könnte man den zornigen Ausbruch als Ausrutscher abtun. Doch Karsai hat beim Besuch von US-Präsident Barack Obama Gesicht verloren und muss den Afghanen jetzt zeigen, dass er keine Marionette Washingtons ist. Schon seit Monaten schäumt Karsai über die - wie er es sieht - Bevormundung durch die US-Regierung. Er setzt darauf, dass es seinem Ansehen daheim nutzt, wenn er den Fremden die Schuld an Problemen gibt.

Drohung nicht ernst gemeint

Das Risiko scheint gering, da es zu ihm keine Alternative gibt. Doch die offenen Differenzen könnten sich zu einem ernsten Problem für beide Seiten auswachsen. Karsais Stern im Westen sinkt schon seit längerem. Bei seinem Kurzbesuch in Kabul nahm Obama ihn sich erneut vor und drängte auf Fortschritte bei der Bekämpfung von Korruption und Vetternwirtschaft.

Am Montag versicherte Karsai, er habe nicht die Absicht, mit Washington zu brechen. «Es soll nur klar sein, dass wir alle wissen, wo jeder von uns steht», sagte er CNN. «Afghanistan ist die Heimat der Afghanen, es gehört uns. Und unsere Partner sind hier, um in einer Sache zu helfen, die ganz die unsere ist. Wir führen dieses Land, die Afghanen.»

Die Taliban-Drohung war den Abgeordneten zufolge offensichtlich nicht ernst gemeint, sondern eher Ausdruck von Karsais Zorn über den internationalen Druck, sich endlich solcher Themen wie Korruptionsbekämpfung und Wahlrechtsreform anzunehmen. Aus seiner Umgebung heisst es, der Präsident halte die Korruptionsvorwürfe für einen Vorwand, seine Regierung zu diskreditieren und davon abzulenken, dass die meisten der Milliarden an internationalen Hilfsgeldern von den Gebern selbst verschwendet worden seien.

Differenzen über Verhandlungen mit Taliban

Frustriert ist Karsai ausserdem darüber, dass die USA Verhandlungen mit Taliban-Führern nicht billigen wollen. Die US-Regierung ist gern bereit, einfache Taliban-Kämpfer mit Belohnungen zum Seitenwechsel zu bewegen, hält Verhandlungen mit deren Anführern aber für zwecklos, solange die Aufständischen zu siegen glaubten.

Der Präsident argwöhnt, dass die Amerikaner oder die Pakistaner mit der Verhaftung des zweitwichtigsten Taliban-Kommandeurs, mit dem er verhandelt hatte, die Gespräche sabotieren wollten. In dieses Bild passt die Meldung der BBC, wonach Karsai heimlich die Freilassung eines berüchtigten Taliban-Anführers angeordnet hat, der an der Entführung von Ausländern beteiligt und 2004 zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt worden war.

Karsai fühlt sich isoliert

Einige afghanische Politiker fürchten, dass Karsai sein Blatt überreizt haben könnte. «Das war eine unverantwortliche Rede», kritisierte der Abgeordnete Sardar Mohammed Rahman Ogholi. «Karsai fühlt sich isoliert und ohne politische Verbündete. Der Kampf gegen Terrorismus, Korruption und Drogen erfordert eine starke Regierung. Unglücklicherweise ist die Regierung Karsai zu schwach, um all diese Elemente zu bekämpfen.»

Eine eigene Version hat der ehemalige UNO-Gesandte in Kabul, Peter Galbraith. Er bezeichnete Karsais Verhalten als impulsiv und unausgeglichen und führte dies gegenüber dem TV-Sender MSNBC auf einen möglichen Drogenkonsum zurück. «Einige Palastinsider in Kabul sagen, er habe eine gewisse Vorliebe für einige der gewinnträchtigsten Exportgüter Afghanistans», sagte Galbraith mit Blick auf den florierenden Opiumschmuggel.

(pbl/sda/dapd)