Atomkraftwerke

13. März 2011 08:19; Akt: 24.05.2011 15:31 Print

Der vergessene Schweizer Atom-GAU

von Daniel Huber - Vor 42 Jahren entging die Schweiz knapp einer Katastrophe, als es im Schweizer Versuchsreaktor Lucens zu einer Kernschmelze kam. Einer der schwersten Atomunfälle weltweit ist heute nahezu in Vergessenheit geraten.

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Späte Entsorgung: Abtransport der radioaktiven Abfälle im September 2003 (Bild: Sandro Campardo)

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Am 21. Januar 1969 fuhren die Techniker im Schweizer Versuchsatomkraftwerk Lucens (VAKL) den Reaktor nach einer mehrmonatigen Pause wieder hoch. Die Anlage war erst einen Monat zuvor für den dauerhaften Betrieb abgenommen worden. Nur wenige Stunden nach dem Neustart kam es zu einem folgenschweren Zwischenfall, der nur deshalb nicht zu einer Katastrophe führte, weil es sich um einen relativ kleinen Reaktor handelte, der zudem in einer Felskaverne eingebaut war.

Grosse Schwierigkeiten

Der Bau des Versuchsreaktors, der acht Megawatt Strom produzieren sollte, war schon 1961 in Angriff genommen worden. Der Reaktor wurde in eine Kaverne im Fels gebaut, die über einen 100 Meter langen Tunnel erreichbar war; über der Erde befanden sich nur das Dienstgebäude und die Notstromaggregate.
Das Firmenkonsortium, dem unter anderem Sulzer, Escher Wyss, die Maschinenfabrik Oerlikon und verschiedene Baufirmen angehörten, hatte von Beginn weg mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen. Mangel an Bauarbeitern und Wassereinbruch in die Kaverne führten zu massiven Verzögerungen; statt der geplanten vier dauerte der Bau sieben Jahre, wie ein Ausstellungsprojekt der ETH Zürich feststellt.

Inzwischen hatten verschiedene Akteure kalte Füsse bekommen. Schon im Februar 1964 hatten sich die «Nordost­schweizerischen Kraftwerke AG» (NOK) verabschiedet; sie entschieden sich für den Bau des Atomkraftwerks Beznau, für das sie einen Leistungsreaktor aus amerikanischer Fertigung bestellten. 1967 stieg dann die Firma Sulzer aus, die in dem Projekt langfristig keine Rentabilität sah.
Die «Nationale Gesellschaft zur Förderung der Industriellen Atomtechnologie» (NGA) führte das Projekt dennoch weiter. Als der Versuchsreaktor 1968 den Betrieb aufnehmen konnte, war die Technologie der Brennelemente bereits veraltet.

Der GAU

Nach einer ersten Inbetriebnahme im Frühjahr 1968 wurde der Reaktor wieder stillgelegt und erst im Januar 1969 wieder hochgefahren. In der Zwischenzeit war jedoch Wasser von aussen über eine defekte Gebläse-Dichtung in den Kühlkreis des Reaktors geflossen. Die fatale Folge: Die aus einer Magnesium-Legierung bestehenden Umhüllungsrohre der Brennstäbe korrodierten unbemerkt.
Beim Neustart am 21. Januar behinderten die Korrosionsprodukte die Kühlung bei zwei der Brennelemente, sodass es zu einem Kontrollverlust mit einer partiellen Kernschmelze kam: Einer der Brennstäbe schmolz und explodierte; das Kernmaterial wurde in das Schwerwasser versprüht, was eine Dampfexplosion verursachte, die den Moderator-Tank bersten liess. Nun traten Kohlendioxid (Kühlmittel) und Schweres Wasser (Moderator) in die Reaktorkaverne aus.

Langwierige Aufräumarbeiten

Die Techniker hatten die erhöhte Radioaktivität gerade noch rechtzeitig festgestellt, sodass das Personal evakuiert und die Kaverne verschlossen werden konnte. Gleichwohl wurde die Kaverne massiv verstrahlt; die radioaktiv verseuchten Trümmer konnten erst nach Jahren weggeräumt werden. Durch undichte Stellen in der Kaverne entwichen radioaktive Gase nach draussen. Der Traum von einer eigenständigen Schweizer Reaktorlinie war ausgeträumt.
Erst im Mai 1973 waren die Aufräumarbeiten abgeschlossen. Die 250 versiegelten Fässer mit radioaktiven
Abfällen blieben vorerst auf dem Gelände; 2003 wurden sie dann ins zentrale Zwischenlager in Würenlingen (ZWILAG) gebracht.

Auf der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES-Skala), die Störfälle von 0 («Ereignis ohne oder mit geringer sicherheitstechnischer Bedeutung») bis 7 («katastrophaler Unfall») bewertet, steht Lucens bei Stufe 4-5. Damit zählt die Kernschmelze im Versuchsreaktor Lucens zu den schwersten Störfällen, die bei der friedlichen Nutzung der Atomenergie vorkamen.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Patrick am 16.03.2011 21:35 Report Diesen Beitrag melden

    Geothermie

    Die Lösung liegt jeden Tag zu unseren Füssen. Unsere Mutter Erde bietet im inneren genug Thermoenergie um die ganze Welt zu versorgen und das unendlich und das Abfallprodukt wäre schlicht Wasserdampf.Ist auch in der Schweiz durchaus machbar nur man will es nicht warum? Es wirft zu wenig Gewinn ab da alles natürlich vorkommt und bis auf Konstruktions- und Wartungskosten nichts anfällt. Da ist der Staat gefordert!!!

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  • Alpöhi am 13.03.2011 11:33 Report Diesen Beitrag melden

    Verschwiegene Fakten?

    Ja, wurde denn darüber überhaupt je berichtet?

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  • Kritiker am 15.03.2011 10:04 Report Diesen Beitrag melden

    Zu hohes Risiko!

    Radioaktiv verschmutztes Grundwasser und die Tage sind gezählt! Die Schweiz als Wasserreservoir für zig Millionen Menschen. Wir haben die Wahl...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Müller Fritz am 31.05.2016 21:40 Report Diesen Beitrag melden

    Der vergessene Schweizer Atom-GAU

    Scho mega krass wenn mann denkt wie knapp die Schweiz an einer Katastrope entgangen ist. Nur kapp am Supergau vorbei, ein GAU ist der gröste anzunehmende Unfall, von einem SUPER GAU spricht man wenn eine Reaktorkatastrope nicht mehr beherschbar ist.

  • sebi am 03.07.2015 01:38 Report Diesen Beitrag melden

    naja

    also Tschernobyl und Fukushima spielen ja wohl mal in einer ganz anderen Liga!da war der fall in der Schweiz ein Gäuchen^^

  • gelöscht am 12.04.2011 21:43 Report Diesen Beitrag melden

    gelöscht

    • Peter Enis am 27.04.2011 08:26 Report Diesen Beitrag melden

      Haha

      Selten so einen Stuss gehört. Sehr unterhaltsam!

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  • Patrick am 16.03.2011 21:35 Report Diesen Beitrag melden

    Geothermie

    Die Lösung liegt jeden Tag zu unseren Füssen. Unsere Mutter Erde bietet im inneren genug Thermoenergie um die ganze Welt zu versorgen und das unendlich und das Abfallprodukt wäre schlicht Wasserdampf.Ist auch in der Schweiz durchaus machbar nur man will es nicht warum? Es wirft zu wenig Gewinn ab da alles natürlich vorkommt und bis auf Konstruktions- und Wartungskosten nichts anfällt. Da ist der Staat gefordert!!!

    • Sebastian W. am 18.03.2011 12:01 Report Diesen Beitrag melden

      Auch nicht das gelbe vom Ei...

      Ich denke das Geothermieprojekt in Basel hat gezeigt dass auch bei dieser Art von Energiegewinnung enorme Risiken vorhanden sein können!!!

    • Ingo Pflaum am 23.03.2011 13:45 Report Diesen Beitrag melden

      Geothermie ist nicht Alles

      Na, Patrick, dass mit der Geothermie ist auch geologisch und ökologisch nicht das gelbe vom Ei. Die Erde zum Lochsieb zu machen und die Wärme stetig in Richtung Atmosphäre zu verschieben, ist nicht richtig, glaub mir. Wenn ,müssen wir schon die Wärmebedarfsmenge des Winters zu Sommerzeiten in die Erde bringen, um diese dann wieder zu nutzen. Einfach nur rausholen, was wir brauchen, ist jahrhundertelang so gemacht worden und da liegt der Fehler. Informiere Dich doch mal über Latenternenergie und SolarEis bei Isocal. Dann wirds auch was mit Geothermie. Lieben Gruß und einen sonnigen Tag

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  • Kritiker am 15.03.2011 10:04 Report Diesen Beitrag melden

    Zu hohes Risiko!

    Radioaktiv verschmutztes Grundwasser und die Tage sind gezählt! Die Schweiz als Wasserreservoir für zig Millionen Menschen. Wir haben die Wahl...

    • Patrick Dreier am 12.10.2011 01:22 Report Diesen Beitrag melden

      Zu viel auf den Spiel.

      Wasserkraft, Windenergieparks, Erdwärme, Photovoltaikparks, Osmoskraftwerke, Biomasse und Biogas ausbauen. Wenn notwendig fossile Anlagen und fossile Kraftwerke ohne Atomkraft sachgerecht bauen und warten. Enorme Risiken sind AKW's wenn sich ein Supergau abspielt, tritt radioaktiver Staub aus dieser vermischt sich mit Wasserdampf, es bilden sich Wolken und es regnet. Waldsterben, Mutationen, Erkrankungen und Strahlentod durch AKW's. Muss den Etwas passieren dass es alle kapieren, das Strahlen höchst gefährlich sind

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