Atomschmuggel-Affäre

24. Dezember 2010 12:17; Akt: 24.12.2010 12:26 Print

Condoleezza Rice lobbyierte für die TinnersCondoleezza Rice lobbyierte für die Tinners

von Peter Blunschi - Ein Buch enthüllt Brisantes zum Fall Tinner: Die CIA war in der Schweiz sehr aktiv – und der Bundesrat von höchsten Stellen der Bush-Regierung bearbeitet worden.

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Die damalige Aussenministerin Condoleezza Rice soll sich 2006 persönlich für die Einstellung des Verfahrens gegen Friedrich, Marco und Urs Tinner (links) eingesetzt haben. (Bild: Keystone)

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In den USA wird der am Donnerstag angekündigte Prozess gegen Friedrich, Urs und Marco Tinner mit Besorgnis verfolgt. Das Verfahren könne «einige der verborgensten Geheimnisse der CIA enthüllen», schreibt die «New York Times». Nicht zu Unrecht, denn wie die Zeitung mit Berufung auf ehemalige Mitarbeiter der Regierung Bush berichtet, haben die Tinners dem US-Geheimdienst nicht nur Informationen über das Atomschmuggel-Netzwerk des pakistanischen Bombenbauers Abdul Qadeer Khan geliefert, sondern der CIA auch dabei geholfen, die Lieferung von Material an andere Länder zu sabotieren.

Die US-Regierung habe «ausserordentliche Anstrengungen» unternommen, um die drei Männer vor Strafverfolgung zu schützen, heisst es weiter. Ein neues Buch, das im Januar in den USA erscheinen wird, beschreibt die Vorgänge im Detail. «Fallout», geschrieben vom Journalisten-Ehepaar Catherine Collins und Douglas Frantz, schildert «die wahre Geschichte des geheimen CIA-Kriegs gegen den Atomschmuggel». Es beschreibt laut «New York Times», wie die CIA den Tinners verschlüsselte Anweisungen schickte, ihre Familien ausspionierte und wie die Bush-Regierung «die Schweiz zwang, Beweise zu vernichten».

CIA-Agenten in der Schweiz aktiv

Demnach kam es zu mehreren CIA-Einbrüchen in der Schweiz, unter anderem 2003 in «ein Haus» der Familie Tinner. Dabei seien «detaillierte Baupläne für verschiedene Arten von Atombomben» gefunden worden. Diese könnten an ein halbes Dutzend Aussenstellen des Khan-Imperiums rund um die Welt gelangt sein, darunter Thailand, Malaysia und Südafrika. Die Autoren kritisieren die CIA scharf dafür, dass sie die Pläne nicht konfisziert hatte, sondern «in den Händen von mutmasslichen Atomschmugglern beliess».

Nachdem die drei Tinners 2004 und 2005 verhaftet worden waren, sei die Bush-Regierung «so alarmiert über die mögliche Enthüllung ihrer CIA-Verbindungen» gewesen, dass Aussenministerin Condoleezza Rice 2006 höchstpersönlich bei den Schweizer Behörden lobbyiert habe, die Untersuchung gegen die Familie einzustellen. Im Sommer 2007 entschied der Bundesrat «unter starkem amerikanischen Druck», die Spionagevorwürfe gegen die drei Männer fallen zu lassen, ebenso Ermittlungen «gegen eine Reihe von CIA-Agenten, die auf Schweizer Boden operiert und dabei die Gesetze des Landes verletzt hatten».

Aktenvernichtung auf US-Anweisung

Laut dem Buch «Fallout» waren die US-Geheimdienstler in der Schweiz also weit aktiver als bislang bekannt. Die Autoren schreiben auch, dass die vom Bundesrat angeordnete Vernichtung von Tinner-Akten Anfang 2008 «auf Anweisung von US-Regierungsvertretern» erfolgt war. Vermutet hat man dies schon lange, die Schweizer Landesregierung allerdings behauptete bislang, sie habe die Akten shreddern lassen, weil der Besitz von Bauplänen für Atombomben gegen den Atomwaffensperrvertrag verstosse.

Die von der «New York Times» zitierten Auszüge aus dem Buch «Fallout» zeigen: Nicht nur die USA müssen einen Prozess gegen Friedrich, Urs und Marco Tinner fürchten. Auch für die Schweiz könnte es einige pikante Enthüllungen absetzen.