Ihre Story, Ihre Informationen, Ihr Hinweis?
feedback@20minuten.ch 
Jungfrau-Prozess
16. November 2009 13:59; Akt: 18.11.2009 13:24 Print
«Die waren geil auf die Jungfrau»
Vor der verhängnisvollen Bergtour auf die Jungfrau wurde die Tour in zwei Gruppen besprochen. Dabei soll sich die Walliser-Gruppe für die Tour stark gemacht haben. Die andere Gruppe hatte Bedenken, vertraute aber auf die angeklagten Bergführer. 20 Minuten Online berichtet laufend über das Geschehen im Gerichtssaal.
-
Jungfrau-Drama: «Der Prozess ist lächerlich»
-
Militär-Unfälle: Lawinen, Blindgänger, tonnenweise Sprengstoff
-
Jungfrau-Drama: Wer hat die Katastrophe zu verantworten?
-
: Jungfrau-Drama: 850 000 Franken für die Hinterbliebenen
-
: Bergdrama an der Jungfrau: Instruktoren im Justiz-Visier
- Was meinen Sie?
-
Drama an der Jungfrau
Die Tour auf die Jungfrau wurde von den beiden angeklagten Bergführern offenbar in zwei Gruppen besprochen. Die Gruppen wurden nach Sprachregionen eingeteilt: P.R., der ältere der Bergführer, übernahm dabei die Gruppe der französischsprachigen Walliser. Wie vor dem Gericht bekannt wurde, soll sich diese Gruppe stark für die Tour ausgesprochen haben: «Die Walliser wollten unbedingt auf die Jungfrau», gab ein Zeuge bei der Einvernahme unmittelbar nach dem Drama zu Protokoll. Ein anderer Zeuge sagte ebenfalls in einer früheren Einvernahme: «Die waren schon geil, einen zweiten Viertausender in zwei Tagen zu machen.»
Skeptischer war offenbar die deutschschweizer Gruppe. Es habe Widerstand gegeben, weil man die Tour nicht gekannt habe. Ein Zeuge sagte: «Ich habe auf die Vorgesetzten vertraut.» Der Richter wollte von den Angeklagten wissen, ob die Rekruten einen Befehl hätten ausführen müssen oder ob die Möglichkeit bestanden habe, die Tour abzubrechen. Der Angeklagte R.W. sagte darauf: «Ich habe überhaupt nicht befohlen, auf die Jungfrau zu steigen.» R.W. sagte zudem dem Richter, dass die Tour abgeblasen worden wäre, hätte sich nur ein Rekrut gegen die Tour entschieden. Wie gut die Tour tatsächlich geplant war, wird sich zeigen müssen. Gemäss einem Zeugen soll der Angeklagte R.W. vor der Bergtour gesagt haben: «Jetzt gehen wir mal auf den Rottalsattel und schauen dann weiter.»
Der grosse Frust des Opfer-Vaters
Aus seinem Frust über die Situation hat Eric Buchs, Vater eines der Opfer und eine weitere Familie eine neue Klage eingereicht. Sie fordern
«Der Prozess ist lächerlich», sagte Buchs heute in einem Interview mit «Le Matin». «Die beiden Angeklagten werden weinen und sagen, dass sie zu Unrecht angefeindet worden seien, dass sie nicht mehr schlafen können... Die Richter werden die Familien nicht befragen.»
«Der Tod vermeidbar gewesen»
Mit einer sorgfältigen Einschätzung der Schneedecke beim Aufstieg auf die 4158 Meter hohe Jungfrau und dem Abbruch der Tour hätte der Tod von fünf Rekruten und einem Wachtmeister mit grösster Wahrscheinlichkeit vermieden werden können, schreibt der militärische Ankläger, Auditor Maurus Eckert in seiner Anklageschrift. Der Prozess hat am Montagnachmittag in Chur begonnen.
Die Verunglückten gerieten auf einer Ausbildungstour oberhalb des 3885 Meter über Meer gelegenen Rottalsattels auf einem bis zu 45 Grad steilen Geländerücken in ein selbst ausgelöstes Schneebrett. Sie stürzten durch das Rottalcouloir auf den 1000 Meter tiefer liegenden Rottalgletscher und waren sofort tot.
Die nachfolgenden Angeklagten und zwei weitere Seilschaften der Rekrutenschule wurden vom Rand des Schneebretts erfasst, kamen aber auf dem Rottalsattel unverletzt zum Stillstand.
Ein Bergführer ist bereits vorbestraft
Die am Unfalltag herrschende «erhebliche» Lawinengefahr sei für die Bergführer angesichts des Neuschnees durchaus erkennbar gewesen, hält die Anklage fest. Auch ein am Vortag im Aufstieg zum Mönch ausgelöstes Schneebrett hätte sie warnen sollen.
Angesichts der Steilheit des Geländes, der Absturzgefahr und der Triebschneeansammlung wäre der Abbruch der Tour auf dem ohnehin als möglichen Umkehrpunkt vorgesehenen Rottalsattel laut Eckert die richtige Entscheidung gewesen.
Die Angeklagten schätzten die Lage aber als «nicht heikel» ein, wie es in der Anklageschrift heisst. Jetzt sind die beiden Bergführer zusätzlich zur mehrfachen fahrlässigen Tötung auch der fahrlässigen Nichtbeachtung von Dienstvorschriften angeklagt. Der 47-jährige P.R. ist bereits vorbestraft. Weswegen wollte die Militärjustiz nicht sagen. Wie die Zeitung «Sonntag» jedoch schrieb, ist P.R. kein unbeschriebenes Blatt. Einer militärischen Verfügungsschrift zufolge musste P.R. und seine Frau bei einer privaten Bergtour aus der Eigennordwand gerettet werden. Gemäss dem Bericht sei die Hilfe aufgrund von «Selbstüberschätzung» von P.R. nötig gewesen.
Der Urteilsspruch im fünftägigen Prozess zum Junfrau-Drama wird am kommenden Freitag erwartet.
(kbr/sda)


























