Szenarien

15. September 2009 13:20; Akt: 15.09.2009 14:31 Print

Bei der Bundesratswahl zählt jede StimmeBei der Bundesratswahl zählt jede Stimme

von Lukas Mäder - Jede Stimme zählt, wenn am Mittwochmorgen die Bundesversammlung zur Wahl des Nachfolgers von Pascal Couchepin im Bundesrat schreitet. Ob ein FDP- oder ein CVP-Kandidat gewinnt, hängt davon ab, wie wichtig den Bauern ein Nein zum Agrarfreihandel ist. Und ob die Grünen auf ihr Gewissen hören, oder eine Strategie verfolgen.

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Wer folgt auf seinen Bundesratssitz, wenn Innenminister Pascal Couchepin Ende Oktober zurücktritt? Am 16. September entscheidet die Bundesversammlung. Das Kandidatenkarussell dreht sich. Die CVP macht der FDP den Sitz streitig und setzt auf das politische Schwergewicht Urs Schwaller. Das Problem des Ständerats: Als Deutsch-Freiburger ist er kein echter Romand. Er war Favorit der ersten Stunde und hat lange gezögert: der Neuenburger FDP-Ständerat Didier Burkhalter. Der 49-Jährige wurde am 28. August von der Fraktion offiziell nominiert und hat gute Chancen. Das FDP-Zweierticket vervollständigt der 46-jährige Christian Lüscher, Anwalt und Genfer Nationalrat. Seine Nomination kommt überraschen: Er gehört zum rechten FDP-Flügel und hat wenig politische Erfahrung. Um den Sitz doch noch für das Tessin zu sichern, hat die kantonale CVP ihren Regierungsrat Luigi Pedrazzini (r.) zu Handen der Parteispitze vorgeschlagen. Die Fraktion nominierte ihn nicht. Ohne Rücksprache mit seiner Partei hat sich auch der Freiburger CVP-Nationalrat und Vize-Präsident der Partei Dominique de Buman ins Rennen gebracht. Auch er war neben Schwaller in der Fraktion chancenlos. Die SVP weiss nicht so recht, was sie will. Nach einigem Zögern überlegte sie sich eine eigene Kandidatur — möglich wäre Nationalrat Jean-François Rime (FR) —, jetzt akzeptiert sie möglicherweise die FDP-Kandidaten. Von aussen wird FDP-Ständerat Dick Marty (TI) ins Spiel gebracht: SP-Nationalrat Andreas Gross und die Tessiner Grünen sähen ihn als Kandidaten. Parteiintern hat er wenig Chancen. Er gilt als zu linksliberal. Von der Fraktion aus dem Rennen genommen: Der Waadtländer FDP-Regierungschef Pascal Broulis. Der 44-Jährige könnte bei der nächsten FDP-Vakanz nochmals antreten. Er gilt auch als möglicher Sprengkandidat. Zu den Top-Favoriten gehörte lange FDP-Präsident Fulvio Pelli. Doch eine Mehrheit in der Fraktion will ihn als Präsidenten behalten und schlug ihn nicht als Kandidaten vor. Das Tessin reagierte mit Empörung auf den Entscheid. Nicht nominiert von der Fraktion: Die liberale Genfer Nationalrätin Martine Brunschwig Graf ist 59 Jahre alt. Als junger FDP-Vertreter wurde lange auch der Tessiner Nationalrat Ignazio Cassis, 48, genannt. Aber Cassis hat inzwischen auf eine Kandidatur verzichtet. Ebenso nicht in die engere Wahl kam Laura Sadis, freisinnige Finanzdirektorin des Kantons Tessin. Die FDP-Frauen wollen eine Bundesrätin als Couchepin-Nachfolgerin. Doch ihre Präsidentin Jacqueline de Quattro, Waadtländer Regierungsrätin, ist nicht mehr im Rennen. Ebenfalls anerkannt als Politikerin ist für die FDP-Frauen die Waadtländer Nationalrätin Isabelle Moret. Die 38-Jährige Vizepräsidentin der FDP Schweiz verzichtete aber schon früh zugunsten von Broulis. Und erstaunlicherweise fungiert auch Gabi Huber als Deutschschweizerin auf der Liste der FDP-Frauen. Die Urner Nationalrätin ist aber keine Romande. Für eine Kandidatur interessierte sich auch Olivier Français (links), Waadtländer FDP-Nationalrat und Lausanner Ständerat. Er trat wie Moret zugunsten von Parteikollege Broulis nicht an. Kaum bekannt in der Deutschschweiz ist der Genfer FDP-Regierungsrat François Longchamp, 46 Jahre alt. Er hat verlauten lassen, dass er nochmals für den Genfer Staatsrat kandidieren will, der im November gewählt wird. Ebenfalls nicht kandidieren wollte Hugues Hiltpold, FDP-Nationalrat aus Genf und Präsident der dortigen Kantonalpartei. Er ist schweizweit kaum bekannt. Die SVP hat der FDP vorgeschlagen, Nationalbank-Direktor Jean-Pierre Roth aufzustellen. In der momentanen Wirtschaftskrise seien führungsstarke und erfahrene Personen gefragt. Roth hat aber abgelehnt. CVP-Präsident Christophe Darbellay aus dem Wallis wollte nicht mehr antreten, nachdem sich sein Parteikollege Urs Schwaller als Kandidat zur Verfügung stellte. Die Freiburger CVP-Regierungsrätin Isabelle Chassot ist als Präsidentin der Bildungsdirektoren-Konferenz weit bekannt. Sie ist eine echte Romande. Nur: Sie will nicht kandidieren. Wie Couchepin aus dem Wallis ist Jean-René Fournier, CVP-Regierungsrat. Er wurde wie viele Regierungsräte als möglicher CVP-Kandidat genannt.

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Didier Burkhalter und Urs Schwaller heissen noch immer die beiden grossen Favoriten für die Bundesratswahl am Mittwoch. Neben dem Neuenburger FDP-Ständerat und dem Freiburger CVP-Ständerat hat der zweite FDP-Kandidat Christian Lüscher geringere Chancen. Und auch der mögliche Sprengkandidat Dick Marty (FDP/TI) schafft die Hürde des absoluten Mehrs von 113 Stimmen kaum.

2. Szenario: Die Wahl Didier Burkhalters

Burkhalters Wahl wäre der unspektakulärste Ausgang der Bundesratswahl. Der Neuenburger Ständerat würde der FDP ihren zweiten Sitz sichern. Neuer Bundesrat wäre ein solider Staatsmann des für den modernen Schweizer Bundesstaat so wichtigen Freisinns.

Burkhalters Chancen stehen gut, da er auf einige Vorteile zählen kann: Er ist ein echter Welscher, ein FDP-Vertreter und politisch genügend austariert, um allerorten Stimmen zu holen. Ein grosser Teil der FDP wird ihn wählen, aber auch Teile der Grünen und der SP werden ihm die Stimme geben. Damit kommt er bereits zu Beginn auf vielleicht 70 bis 80 Stimmen. Wichtig für Burkhalter ist, dass er auch von SVP-Parlamentariern gewählt wird. Nur so kann er den Kampf gegen den parteiinternen Konkurrenten Christian Lüscher gewinnen, der die offizielle Unterstützung der SVP hat und – bei geschlossener Stimmabgabe der Volkspartei – anfangs um die 90 Stimmen erhalten wird.

Unterstützung für Burkhalter aus der SVP ist gut möglich, möchte die Volkspartei doch in erster Priorität eine Wahl Schwallers verhindern. Deshalb haben bereits wichtige Parteiexponenten wie alt Bundesrat Christoph Blocher oder Nationalrat Christoph Mörgeli empfohlen, den Namen Burkhalter auf den Wahlzettel zu schreiben.

2. Szenario: Die Wahl Urs Schwallers

Der Freiburger Christdemokrat Schwaller hat ein grosses Handicap: Er ist deutscher Muttersprache. Das hat Diskussionen ausgelöst, denn der zu besetzende Sitz im Bundesrat steht einem Romand zu. Und das ist Schwaller nicht, auch wenn er einen mehrheitlich französischsprachigen Kanton vertritt. Trotzdem kann Schwaller neben den Stimmen aus seiner eigenen Partei einen grossen Teil der Stimmen der Linken auf sich vereinen. Die grosse Frage ist, wie viele.

Schwaller steht den SP-Parlamentariern politisch in den meisten Fragen näher als Burkhalter. Die zweite Vertretung der Romandie im Bundesrat könne auch bei einer der nächsten Vakanzen wieder hergestellt werden, argumentieren sie in der Sprachfrage (20 Minuten Online berichtete).

Auch bei den Grünen gibt es zwei Lager. Die einen wählen Schwaller, weil er ihnen politisch näher steht. Die anderen wollen den zweiten FDP-Sitz in der Landesregierung retten, weil sie darin strategische Vorteile sehen. Die Grünen könnten, so ihre Argumentation, bei zwei FDP-Bundesräten den Sitz von Bundespräsident Hans-Rudolf Merz angreifen, wenn dieser zurücktritt.

Diese Stimmen von CVP, SP und Grünen – anfangs vielleicht gegen 100 – reichen Schwaller aber kaum zur Wahl. Den Ausschlag geben könnten einige Bauern aus der SVP, die ihm eventuell – entgegen der Parteiorder – ihre Stimme geben könnten. Denn Schwaller ist ein Gegner des Agrar-Freihandelsabkommen mit der EU.

Die SVP könnte Schwaller aber auch mit ihrer Empfehlung helfen, Christian Lüscher zu wählen. Denn wählt die Volkspartei den Genfer Nationalrat geschlossen, wirft dieser möglicherweise seinen Parteikollegen Burkhalter aus dem Rennen. Liefern sich Lüscher und Schwaller ein Duell, dürften fast alle Linken Schwaller wählen. Denn Lüscher vertritt den rechtskonservativen Flügel der FDP.

3. Szenario: Die Wahl Christian Lüschers

Das Duell Lüscher-Schwaller könnte aber auch mit einem knappen Sieg für Lüscher enden. Denn alleine SVP und FDP haben geschlossen 113 Stimmen, mit der BDP sogar 119. Für das absolute Mehr von 123 Stimmen braucht Lüscher nicht mehr viele Stimmen. Und Schwaller kann nicht auf jede Stimme aus seiner Fraktion zählen. Eine Handvoll seiner Parteikollegen dürfte ihm eins auswischen wollen.

So wählt der französischsprachige Freiburger CVP-Nationalrat Dominique de Buman, der sich parteiinter selbst als Kandidat für den Bundesrat bewarb, möglicherweise lieber einen richtigen Romand. Und auch CVP-Präsident Christophe Darbellay hat nicht das beste Verhältnis zu Fraktionschef Urs Schwaller. Die Wahl Schwallers würde Darbellay selbst die Wahl in den Bundesrat möglicherweise auf Jahre hinaus versperren.

4. Szenario: Die Wahl eines Sprengkandidaten

Eine Gruppe von Sozialdemokraten um Andi Gross und Roger Nordmann schliessen auch einen FDP-Sprengkandidaten weiterhin nicht aus. Mögliche Namen sind Pascal Broulis, Waadtländer Regierungsrat, und vor allem Dick Marty, Tessiner Ständerat. Marty ist ein linksliberaler Vertreter seiner Partei. Die SP-Parlamentarier wollen mit seiner Wahl die Konkordanz wahren, aber gleichzeitig einen ihnen politisch möglichst nahestehenden Kandidaten wählen. Marty könnte die Stimmen von vielen Grünen und einigen Sozialdemokraten auf sich vereinen. Zudem wäre ihm die Unterstützung der Tessiner Abgeordneten sicher. Das reicht ihm aber kaum für mehr als 40 bis 50 Stimmen. Deshalb müsste er, um die Wahl zu schaffen, vermutlich Burkhalter und Schwaller aus dem Rennen werfen. Keine leichte Aufgabe.

Die Mehrheiten im Parlament sind wie bei der Abwahl Blochers und der Beinahe-Nichtwahl von Ueli Maurer klein. Zudem sind dieses Mal SP und Grüne gespalten zwischen einer Unterstützung der CVP und der FDP. Deshalb kann die CVP mit Schwaller nicht auf die Mehrheit von 126 Stimmen zählen, die sie zusammen mit den linken Parteien hat. Zumal das absolute Mehr von 123 Stimmen durch leere Wahlzettel möglicherweise sinkt. So ist der Waadtländer Kommunist Josef Zisyadis bekannt dafür, dass er keine bürgerlichen Politiker wählt. Diese leeren Wahlzettel könnten schliesslich den Ausschlag geben.

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  • adrian am 15.09.2009 15:20 Report Diesen Beitrag melden

    Päckli

    Schwaller wird dank Päckli gewählt! Nur ein Abweichen derjenigen Parlamentarier aus der Bauernlobby, könnte Schwallers Wahl verhindern! Daher hat dieser sich ja auch schon für die Subventionen der Bauern aussprach!!!

  • arbeitslos am 15.09.2009 14:50 Report Diesen Beitrag melden

    wen interessiert schon ob schwaller

    burkhalter oder lüscher BR wird. Ist doch völlig egal: Die bürgerliche Mehrheit des Parlaments hat soeben alle Vorschläge der SP zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit abgeschmettert! Das ist ein Skandal. Schwaller ist ein Schwafler wie alle andern auch!

  • zimboo am 15.09.2009 13:39 Report Diesen Beitrag melden

    konkordanz

    ich hoffe, dass die fdp ihren sitz verteidigen mag und hoffe, dass die cv(s)p bei den nächsten wahlen totalen schiffbruch erleidet. aber noch wichtiger ist, dass couchepin weg ist. und hoffentlich auch bald der rote moritzli!