Abgewählt

13. Dezember 2011 15:46; Akt: 14.12.2011 15:37 Print

Die gefallenen MagistratenDie gefallenen Magistraten

von Daniel Huber - Die grösste Demütigung für einen Bundesrat ist seine Abwahl. Der erste von lediglich vier Abgewählten endete als französischer General, der letzte sitzt wieder im Nationalrat.

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Die Ratslinke bejubelt am 12. Dezember 2007 die Abwahl von SVP-Bundesrat Blocher (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)

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Das Debakel mit ihrem Bundesratskandidaten Zuppiger hat die Aussichten der SVP auf einen zweiten Bundesratssitz stark getrübt. Gleichwohl dürfen sich zumindest die Amtsinhaber Johann Schneider-Ammann (FDP) und Eveline Widmer-Schlumpf (BDP) bei den Gesamterneuerungswahlen am 14. Dezember nicht zu sehr in Sicherheit wiegen – die Zeiten sind vorbei, da Bundesräte gewissermassen automatisch wiedergewählt wurden.

Das war lange nicht so. Seit 1848 gibt es Bundesräte in der Schweiz. Über hundert Männer und Frauen haben das Amt seither bekleidet – abgewählt wurden bislang nur gerade vier von ihnen. Diese berufliche Sicherheit unserer obersten Exekutive, die es so wohl in keinem anderen einigermassen demokratischen Staat gibt, hat nur wenig mit dem Leistungsausweis der jeweiligen Amtsinhaber zu tun. In der Schweiz wurden unfähige oder missliebige Magistraten in aller Regel zum Rücktritt gedrängt, aber nicht abgewählt (siehe Infobox).

Schmach und bittere Enttäuschung

Umso demütigender ist die Abwahl für jene, denen dieses seltene Schicksal widerfährt. Das 2007 abgewählte SVP-Alphatier Christoph Blocher beispielsweise scheint diese Schmach bis heute nicht verwunden zu haben. Und die ehemalige CVP-Bundesrätin Ruth Metzler, die 2003 als erste Magistratin seit 131 Jahren abgewählt wurde, breitete ihre bittere Enttäuschung in einem Buch aus («Grissini & Alpenbitter. Meine Jahre als Bundesrätin»).

Schon der erste Bundesrat, der nicht im Amt bestätigt wurde, bekundete einige Mühe mit der Rückkehr ins Privatleben: Ulrich Ochsenbein, Mitglied des 1848 gewählten ersten Bundesrats, unterlag am 6. Dezember 1854 im sechsten Wahlgang seinem Rivalen Jakob Stämpfli. Ausgerechnet der ehemalige Chef des Eidgenössischen Militärdepartements, der in dieser Funktion die «Söldnerei» stets kritisert hatte, wurde nur wenige Wochen nach seinem erzwungenen Abgang aus dem Bundesrat selber ein Söldner: Ochsenbein trat in französische Militärdienste und wurde unter Kaiser Napoleon III. Brigadegeneral, später in der Dritten Republik Divisonsgeneral.

Ein Ex-Bundesrat erschiesst seine Frau

Ochsenbeins mangelnde Prinzipienfestigkeit lässt sich allerdings zumindest teilweise durch materielle Zwänge entschuldigen. Als Bundesrat bezog er ein Jahresgehalt von 5000 Franken (heute wären dies rund 480 000 Franken), doch gab es damals keine Rente und keine Pension. Nach seiner Rückkehr in die Heimat versuchte Ochsenbein ab 1878 erneut politisch Fuss zu fassen. Vergeblich – er wurde nie mehr in ein Amt gewählt.

Ochsenbein wurde nicht im Amt bestätigt, weil er aufgrund seiner Aversion gegen den Berner Radikalen Jakob Stämpfli einer Koalition der Konservativen und Radikalen im Kanton Bern im Wege stand. Die drohende Niederlage war ihm bewusst; er war bei der Bundesratswahl gar nicht erst im Parlament erschienen, sondern lieber auf die Jagd gegangen. Auf der Jagd traf ihn später auch der schlimmste Schicksalsschlag seines Lebens: Er erschoss versehentlich seine Frau.

Ochsenbein war der erste Bundesrat, der abgewählt wurde, aber er blieb nicht der einzige: Bis etwa in die 1880er-Jahre mussten amtierende Bundesräte bei den Bestätigungswahlen mit ihrer Abwahl rechnen, wie dem vom Historiker Urs Altermatt herausgegebenen biografischen Lexikon der Schweizer Bundesräte zu entnehmen ist. Oft kam es zu mehreren, hart umkämpften Wahlgängen. Und doch musste neben Ochsenbein nur ein einziger Bundesrat gehen: Der Genfer Jacques Challet-Venel wurde 1872 nicht im Amt bestätigt. Ihm wurde zum Verhängnis, dass er sich gegen die Totalrevision der Bundesverfassung stellte, die ihm zu zentralistisch war. Das kostete ihn die Unterstützung der Deutschschweizer Freisinnigen. An seiner Stelle wurde der Neuenburger Eugene Borel im zweiten Wahlgang mit 90 gegen 73 Stimmen gewählt.

Operation «Hannibal» und Widmer-Schlumpfs «Verrat»

Nach Challet-Venels Abgang dauerte es bis zum 21. Jahrhundert, bevor die Vereinigte Bundesversammlung wieder einem Mitglied des Bundesrats die Wiederwahl verweigerte. Diesmal war das Opfer eine Frau: Die CVP-Bundesrätin Ruth Metzler musste am 10. Dezember 2003 dem Anspruch der mittlerweile zur grössten Partei aufgestiegenen SVP auf einen zweiten Sitz weichen. Die im Schloss Rhäzüns geplante Operation «Hannibal», ein Putsch der SVP, fegte unter Beteiligung des Juniorpartners FDP die Justizministerin aus dem Amt; ihr Nachfolger wurde mit 121 zu 116 Stimmen Christoph Blocher.

Video: Die «Rundschau» vom 17.12.2003 zur Abwahl von Metzler (Quelle: SF)

Ironie der Geschichte: Ausgerechnet Blocher, der Profiteur des Tabubruchs vom 10. Dezember 2003, wurde das nächste Opfer eines Putschs. Eine verschworene Gruppe um die SP-Fraktionschefin Ursula Wyss, ihren beiden Vize Andrea Hämmerle und Alain Berset sowie SP-Präsident Hans-Jürg Fehr fädelte die Abwahl des ungeliebten SVP-Bundesrats ein. Am 12. Dezember 2007 kippte eine Mitte-Links-Koalition Blocher aus dem Amt und wählte die Sprengkandidatin Eveline Widmer-Schlumpf, damals Bündner SVP-Regierungsrätin, mit 125 zu 115 Stimmen.

Video: «Die Abwahl», DOK vom 6.3.2008


(Quelle: SF/YouTube)

Nachdem Eveline Widmer-Schlumpf die Wahl annahm, wurde sie mitsamt der Bündner Kantonalpartei aus der SVP ausgeschlossen. Doch damit dürfte der Rachedurst der SVP noch nicht gestillt sein. Wenn es irgendwie möglich ist, wird die Partei die Bündner Renegatin am 14. Dezember 2011 ihren «Verrat» büssen lassen.

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  • Peter Bichsel am 15.12.2011 10:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    4?

    Kann mir jemand helfen? Im bericht ist die rede von 4 abgewählten bundesräten: blocher, metler und ochsenbein. Wer war der 4.?

    • Patrick E. am 16.12.2011 17:44 Report Diesen Beitrag melden

      Challet-Venel

      Der Genfer Challet-Venel, von dem auch ein Bild zu sehen ist.

    einklappen einklappen
  • Pascal Baumann am 15.12.2011 00:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    reden wir über den Neuen

    warum reden wir nicht über den Neuen? ein Junger im BR kann nicht schaden wenn ich mir die alten Ränkeschmiede anschaue denke ich dass ein frischer Wind guttut, er hat Family und drei Kinder macht ihn auch sympatisch, Arbeit und Familie sind ihm wichtig auch positiv, charisma hat er, sein letzter Job war als selbständiger sicher kein Nachteil.

  • Alois Brun am 14.12.2011 16:57 Report Diesen Beitrag melden

    Abwahl...

    es werden weltweit immer wieder Politiker "abgewählt" - und nur die wenigsten machen daraus ein Riesengeheul oder klammern sich weiterhin an die Macht. Die SVP scheint sich damit einen Eintrag ins Guiness-Buch zu erhoffen für "die längste Laudatio eines Abgewählten...".