Rücktritt Leuenberger

09. Juli 2010 13:00; Akt: 09.07.2010 13:26 Print

«Die SVP wird es schwer haben»«Die SVP wird es schwer haben»

von Marius Egger - Der Rücktritt von Bundesrat Moritz Leuenberger kommt nicht überraschend, sagt Politologe Georg Lutz. Der SP gibt er gute Chancen, den zweiten Sitz zu sichern. Abwarten müsse man aber das Sommertheater.

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Ein bewegender Abschied: Am 22. September 2010 wurde Moritz Leuenberger vor der vereinigten Bundesversammlung verabschiedet. Nationalratspräsidentin Pascale Bruderer würdigte im Namen aller Parlamentarier die politische Arbeit von Moritz Leuenberger. Nach über 15 Jahren in der Landesregierung hat sich der SP-Bundesrat zu seinem Rücktritt entschieden, wie er am ... ... 9. Juli 2010 an einer Medienkonferenz erklärte. Seine politische Karriere begann der gebürtige Bieler im Kanton Zürich. Hier informierte er als Präsident der Stadtzürcher SP in den 70er-Jahren über die Wahlplattform seiner Partei, der er 1969 beigetreten war. Schlagartig bekannt wurde der damalige Nationalrat 1990 als Präsident der «Parlamentarischen Untersuchungskommission EJPD» (PUK 1), die in Folge der Affäre um Elisabeth Kopp zur Aufdeckung des Fichenskandals führte. 1991 wurde Moritz Leuenberger in den Zürcher Regierungsrat gewählt. Im gleichen Jahr hielt er am Nationalen Velotag eine Rede auf dem Münsterhof. Kritisiert wurde er als Justizdirektor nach dem Mord am Zollikerberg durch einen im Hafturlaub befindlichen Sexualstraftäter. Am 27. September 1995 wurde Moritz Leuenberger in den Bundesrat gewählt, als Nachfolger von Otto Stich. Er setzte sich gegen seinen innerparteilichen Gegenkandidaten, den Freiburger Ständerat Otto Piller, durch. Nach der erfolgten Wahl wurde Leuenberger vom Gesamtbundesrat empfangen. Links von ihm sein Amtsvorgänger Otto Stich. Der neue Bundesrat übernahm das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK). Am 5. Oktober erfolgte der Empfang im Kanton Zürich, begleitet von seiner Lebenspartnerin Gret Loewensberg und von Bundesrat Kaspar Villiger. Nach dem Terroranschlag in Luxor, bei dem 36 Schweizerinnen und Schweizer ums Leben kamen, sprach Bundesrat Leuenberger am 19. Oktober 1997 an einer kurzen Trauerfeier auf dem Flughafen Zürich zu den Angehörigen der Opfer. 2001 war Leuenberger erstmals Bundespräsident. Im «Katastrophenherbst» war er besonders gefordert. Nach dem Amoklauf von Zug gedachte er zusammen mit Nationalratspräsident Peter Hess vor dem Regierungsgebäude der 14 Opfer des Todesschützen Friedrich Leibacher. Das Swissair-Grounding am 2. Oktober führte zu einer emotionalen Pressekonferenz mit Finanzminister Kaspar Villiger. Dabei attackierte Leuenberger den UBS-Präsidenten Marcel Ospel, der tags zuvor mit dem Privatjet nach New York geflogen war: «Der Wirtschaftsführer fährt in der Luft, und der Bundesrat geht in die Luft.» Nach der Frontalkollision im Gotthardtunnel am 24. Oktober, bei der elf Menschen ums Leben kamen, informierte sich der Bundespräsident vor dem Südportal in Airolo. 2006 wurde Leuenberger zum zweiten Mal Bundespräsident - hier bei der Aufzeichnung seiner Neujahrsansprache im Fernsehstudio des Bundeshauses. Im gleichen Jahr feierte die päpstliche Schweizergarde den 500. Jahrestag ihrer Gründung. Während der offiziellen Feierlichkeiten im Mai wurde der Bundespräsident im Vatikan von Papst Benedikt XVI. empfangen. Mit Kollege Christoph Blocher am 12. Dezember 2007, dem Tag von dessen Abwahl aus dem Bundesrat. Leuenberger soll unter der Präsenz des SVP-«Alphatiers» in der Landesregierung gelitten haben. Ein Dauerproblem für den UVEK-Chef war das Anflugregime auf den Flughafen Zürich. Nach der Ablehnung des mit Deutschland ausgehandelten Staatsvertrags musste er Südanflüge zulassen, was von der lärmgeplagten Bevölkerung nicht goutiert wurde. Als Verkehrsminister waren ihm die Bahnen stets ein grosses Anliegen. Die Eröffnung des Lötschberg-Basistunnels am 15. Juni 2007 war einer der Höhepunkte seiner Amtszeit. Umweltminister Leuenberger setzte sich für eine weltweite CO2-Abgabe ein, allerdings erfolglos. Zusammen mit SBB-Chef Andreas Meyer und VR-Präsident Ulrich Gygi reiste er in einem Sonderzug zur Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember 2009. Ein unglücklicher Personalentscheid war die Wahl von Claude Béglé zum Verwaltungsratspräsidenten der Post im Juni 2008. Im Januar 2010 musste der forsche Waadtländer den Hut nehmen. Für Showeinlagen war sich Moritz Leuenberger nie zu schade: Am 24. Februar 2003 schnüffelte er zum Auftakt der Kampagne für die Energieetikette für effiziente Autos an einem Auspuff. Ebenfalls sehr medienwirksam war seine zweitägige Reise im Führerstand eines Güterzugs vom deutschen Ofenburg nach Gallarate in Italien im Juli 2005. Besonders gerne umgab sich der belesene Magistrat mit Grössen aus der Kultur, hier mit Schauspieler Bruno Ganz an den Solothurner Filmtagen 2005. Als begnadeter Redner erhielt Leuenberger 2007 den deutschen Cicero-Preis. Seine Vorliebe für salbungsvolle Ansprachen erzeugte oft Kritik und Spott und den Vorwurf, er vernachlässige darob sein Amt als Bundesrat. Der UVEK-Chef unterwegs auf einem E-Bike auf der Bundesrats-Reise am 2. Juli 2010 in Rottenschwil (AG). Eine Woche später erklärte er seinen Rücktritt.

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Herr Lutz, kommt der Rücktritt von Bundesrat Leuenberger für Sie überraschend?
Ja und Nein. Rücktritte von Bundesräten sind immer ein gut gehütetes Geheimnis. Wenn aber jemand 15 Jahre im Amt ist wie Herr Leuenberger, ist es nicht überraschend, wenn ein Rücktritt erfolgt.

Umfrage
Nur eine Stunde nach dem Rücktritt von Bundesrat Moritz Leuenberger erhebt die SVP Anspruch auf seinen Sitz. Ist der Sitzanspruch der Partei gerechtfertigt?
45 %
11 %
44 %

Leuenberger begründet den Rücktritt mit dem Präsidialjahr und seiner Mission, die er erledigt habe. Hat der Knatsch im Bundesrat wirklich nichts zu Leuenbergers Entscheid beigetragen, wie er das behauptet?
Der Hauptgrund dürfte tatsächlich sein, dass nach 15 Jahren der Enthusiasmus und die Dynamik fehlen. Vielleicht spielt in seinem Entscheid der Faktor mit, dass es derzeit im Bundesrat nicht optimal läuft. Aber letztendlich war es wohl ein persönlicher Entscheid.

Was heisst das für die SP?
Dass sie ausreichend Zeit hat, den Sitz zu sichern – vor allem gegen die SVP. Der Partei bleibt so auch eine genügend lange Frist, um eine Kandidatin zu finden, die der Parteibasis genehm ist.

Wer könnte das sein?
Das ist offen. Erste Namen werden bald genannt. Aber die Erfahrung zeigt, dass die Erstgenannten am Schluss nicht unbedingt die Nase vorne haben werden.

Die SVP wird den frei werdenden Sitz angreifen, wie sie verkündet hat. Hat sie Chancen?
Sie dürfte es schwer haben, einen Kandidaten in den Bundesrat zu hieven. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die SVP mehrheitsfähig ist. Aber es wird jetzt ein grosses Sommertheater geben. Und da weiss man nie genau, was passiert.

Die SP kann ihren Sitz also retten?
Ich glaube, eine Mehrheit ist derzeit für einen zweiten SP-Sitz.

Ist Calmy-Rey, die soeben das Rentenalter erreicht hat, eine Hypothek für die SP?
Sie gehört zu den beliebteren Magistratinnen. Wegen der ganzen Libyen-Geschichte steht sie zwar unter Druck, aber die SP geht wohl gerne mit ihr ins Präsidialjahr.

Mit dem Aussendepartement hat die SP ein traditionell schwaches Departement. Das wichtige UVEK wird jetzt frei. Ist das ein Problem für die Partei?
Ich denke, die SP hat Interesse, das UVEK zu behalten. Aber das Problem für die Partei ist, dass die bestehenden Bundesräte die Departemente unter sich aufteilen und der neu gewählte nehmen muss, was übrig bleibt.

Wer hat Interesse, der SP das UVEK zu entreissen?
Herr Maurer könnte sein Interesse am UVEK bekunden. Die Frage ist, wie lange er noch Gefallen am VBS hat.

Wie gross ist die Chance auf eine Frauenmehrheit im Bundesrat?
Es gibt sicher valable SP-Kandidatinnen. Das ist durchaus eine realistische Möglichkeit.

Wer käme somit für den Sitz in Frage?
Ich mache kein Name-Dropping. Es kommt doch meistens anders.

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  • David gegen Goliat am 21.08.2010 13:00 Report Diesen Beitrag melden

    UVEK - Erbe an U.Giezendanner übergegen

    und die Finanzen könnte Frau Fässler übernehmen. Die CVP soll entlich mit ihren Machtansprüchen aufhören, und nicht dauernd Zoff in der Politik veranstalten.

  • notabene am 12.07.2010 13:54 Report Diesen Beitrag melden

    Schwacher Gesamt-Bundesrat

    der nur noch agiert anstatt regiert - die Zusammensetzung ist sehr schlecht - da nützt auch eine Regierungsreform nicht's - auch einen vollamtl. Bundespräsidenten ist nicht erwünscht. Bundesräte sollten wegen Folgen-Kosten (Passionierungs/Abgangsentschädigung) erst ab dem 50 Lebensjahr gewählt werden.

  • Strategie am 12.07.2010 12:45 Report Diesen Beitrag melden

    SVP - Departement-Wechsel ist die Chance

    2011 = auch noch Wahlen, dann gilt es den erschlichenen BDP - Bundesrats-Sitz zu eliminieren.