Bundesratswahlen

10. September 2010 13:48; Akt: 10.09.2010 14:05 Print

«Er ist in gewissem Masse ein Opportunist»«Er ist in gewissem Masse ein Opportunist»

von Lukas Mäder - Die Gewerkschaften sind in Bezug auf den freisinnigen Kandidaten gespalten: Schneider-Ammann sei ein fairer Verhandler, aber kein idealer Sozialpartner.

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Gleich zwei Sitze im Bundesrat werden frei. Die Bundesversammlung wählt am 22. September die Nachfolger von SP-Bundesrat Moritz Leuenberger und von FDP-Bundesrat Hans-Rudolf Merz. In der Pole-Position für den SP-Sitz: Die Berner Ständerätin Simonetta Sommaruga (50) gilt wegen ihrer breiten Akzeptanz bei den Bürgerlichen als Favoritin für die Nachfolge von Leuenberger. Am 3. September hat die SP-Fraktion sie nominiert. Sommarugas ärgste Konkurrentin ist die Winterthurer SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr (47). Nach langem Zögern hat sie am 26. August ihre Kandidatur bekanntgegeben. Die Fraktion hat sie zusammen mit Sommaruga auf das Zweierticket gesetzt. Bei der FDP tritt der Berner Nationalrat und Maschinenindustrielle Johann Schneider-Ammann als einer der zwei offiziellen Kandidaten an. Er gilt als Wunschkandidat der Wirtschaft. Die St. Galler Justizdirektorin Karin Keller-Sutter gilt seit längerem als Kronfavoritin. Am 3. September hat die FDP-Fraktion sie zusammen mit Schneider-Ammann nominiert. Mit Keller-Sutter würde der Sitz des Appenzellers Hans-Rudolf Merz in der Ostschweiz bleiben. Die SVP will einen zweiten Sitz im Bundesrat und greift deshalb beide freiwerdenden Sitze an. Kandidat ist der Freiburger Nationalrat Jean-François Rime (rechts), der bereits vor einem Jahr bei der Wahl des Nachfolgers von Pascal Couchepin im Gespräch war. Ebenfalls mit einer offiziellen Kandidatur treten die Grünen an. Die wenig bekannte Nationalrätin Brigit Wyss (SO) soll einen Sitz für die Grünen holen, was praktisch aussichtslos ist. Die politische Position der Kandidaten aufgrund der Smartvote-Vorwahlbefragung von 2007. Die CVP tritt nicht mit einer Kampfkandidatur an. Das hat sie am 31. August beschlossen. Zuvor prüfte sie eine eigene Kandidatur, um den zweiten Sitz der FDP anzugreifen. Im Rennen als möglicher Kandidat war unter anderem der Schwyzer Ständerat Bruno Frick. Bis zuletzt im Rennen um eine offizielle Nomination durch die Fraktion ware die langjährige SP-Nationalrätin Hildegard Fässler (SG). Am 3. September wählte die Fraktion sie nicht. Ebenso wenig hatte die Basler Finanzdirektorin Eva Herzog eine Chance, von der Fraktion berücksichtigt zu werden. Basel will wieder einmal im Bundesrat vertreten sein, was seit Jahren nicht mehr der Fall war. Bei der FDP war der Zürcher Nationalrat Ruedi Noser lange im Rennen, die Fraktion wollte ihn aber nicht. Noser lebte bis vor kurzem ein Jahr in Genf, um sein Französisch aufzupolieren. Bis 2009 war der Unternehmer auch Vizepräsident der FDP Schweiz. FDP-Nationalrat Peter Malama stieg ebenfalls ins Rennen um die Merz-Nachfolge und um einen Basler Sitz.Der wirtschaftlich starke Kanton Basel-Stadt ist seit bald 40 Jahren nicht mehr im Bundesrat vertreten. Die FDP-Fraktion wollte Malama trotzdem nicht. Seit 1999 nicht mehr in der Landesregierung vertreten ist der Kanton Tessin. Die kantonale FDP hat deshalb den Arzt und Nationalrat Ignazio Cassis nominiert. Der 49-Jährige war bereits vor einem Jahr als Nachfolger von Pascal Couchepin im Gespräch, gilt aber auch diesmal als chancenlos. Bei den Grünen standen anfangs neben Wyss noch zwei weitere mögliche Kandidaten bereit: Der Aargauer Nationalrat Geri Müller war der bekannteste von ihnen. Die Grüne Nationalrätin Marlies Bänziger (ZH) liess sich ebenfalls aufstellen, obwohl die Partei derzeit keine wirklichen Chancen auf eine Vertretung in der Regierung hat. Die Fraktion zog schliesslich Wyss vor. Die Liste der Absagen ist lang: FDP-Präsident Fulvio Pelli will nicht antreten, um Tessiner Bundesrat zu werden. Die Urner Nationalrätin Gabi Huber sitzt als Fraktionschefin der FDP zusammen mit Pelli in der Evaluationsgruppe und steht deshalb als Kandidatin nicht zur Verfügung. Auch FDP-Regierungsrat Josef Dittli sagte am 19. August ab. Uri hatte noch nie einen Vertreter in der Landesregierung - das wird sich auch 2010 nicht ändern. Die FDP Frauen suchen noch eine Kandidatin: Carla Speziali, die FDP-Stadtpräsidentin von Locarno, hat jedoch abgelehnt. Die ehemalige Nationalrätin und heutige Tessiner Finanzdirektorin Laura Sadis will ebenfalls nicht antreten. Bereits abgesagt haben eine Reihe bekannter Politiker: Nationalratspräsidenti Pascal Bruderer (SP/AG) wäre mit 32 Jahren eine Vertreterin der Jugend. Doch es sei noch nicht der richtige Zeitpunkt. Der Aargau hätte auch erfahrene Männer zur Auswahl: Nach knapp zehn Jahren im Nationalrat wurde Urs Hofmann in den Regierungsrat gewählt und ist seit April 2009 Vorsteher des Aargauer Departements für Volkswirtschaft und Inneres. Er hat seinen Verzicht auf eine Bundesrats-Kandidatur am 12. August bekannt gegeben. Glarus hätte mit ihrem 57-jährigen FDP-Ständerat Pankraz Freitag einen möglichen Kandidaten gehabt. Er will jedoch nicht ins Rennen um einen Bundesratssitz steigen. In Bern wird es nur eine SP-Kandidatin geben: Nicht gegen Sommaruga antreten will die Berner SP-Regierungsrätin Barbara Egger (55). SP-Fraktionschefin Ursula Wyss (BE) steht als Kandidatin ebenfalls nicht zur Verfügung. Schaffhausen war wie Uri noch nie in der Landesregierung vertreten. Nationalrat und ehemaliger Parteipräsident Hans-Jürg Fehr wäre ein möglicher Kandidat der SP gewesen, hat am 14. August jedoch abgelehnt. Neben Herzog dürfte es keine weitere SP-Kandidatur aus den beiden Basler Halbkantonen geben: Ständerat Claude Janiak (BL) steht nicht zur Verfügung. Und auch seine Kollegin in der Kleinen Kammer, Ständerätin Anita Fetz (BS) will nicht als mögliche Kandidatin antreten.

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Als er seine Bundesratskandidatur bekannt gab, erntete der Berner FDP-Nationalrat Johann Schneider-Ammann viel Lob. Der Unternehmer sei ein gewissenhafter und verantwortungsvoller Patron — und damit das positive Gegenstück zu den als gierig verschrieenen Bankern. Sogar von der Gewerkschaft Unia bekam er Unterstützung. Er würde die Wahl Schneider-Ammanns begrüssen, sagte Geschäftsleitungsmitglied Corrado Pardini gegenüber der Nachrichtenagentur SDA. Eine erstaunliche Aussage, denn der FDP-Kandidat vertritt einen klar wirtschaftsfreundlichen Kurs.

Pardinis Aussage entspricht aber nicht der offiziellen Meinung der Unia. «Politisch ist Herr Schneider-Ammann ein knallharter Sozialabbauer», sagt Andreas Rieger, Co-Präsident der Unia. Als Beispiel führt er die Arbeitslosenversicherung an, bei der Schneider-Ammann einen noch stärkeren Leistungsabbau wollte, als den, den das Parlament schliesslich beschloss. Gleichzeitig sei Schneider-Ammann ein Sozialpartner, der zum Gesamtarbeitsvertrag stehe. Auf diese Position habe sich die Unia-Geschäftsleitung nach Pardinis Äusserungen und weiteren Medienanfragen geeinigt. Eine Parole für die Bundesratswahlen gab die Unia nicht ab.

«Harter, aber fairer Verhandlungspartner»

Tatsächlich bekommt Schneider-Ammann als Verhandlungspartner gute Noten. «Er war sehr fair und korrekt», sagt etwa Barbara Gisi, Leiterin Angestelltenpolitik beim KV Schweiz, zu den Verhandlungen über den Gesamtarbeitsvertrag in der Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie. Er habe konflikthaltige Punkte nicht unter den Tisch fallen lassen und Raum gelassen für Diskussionen. Lob gibt es auch von Charles Steck, der als damaliger Branchenleiter Maschinenindustrie der Gewerkschaft Syna 2005 mit Schneider-Ammann verhandelt hatte. «Er war ein harter, aber fairer Verhandlungspartner», erinnert sich Steck. Man habe gemerkt, dass die Sozialpartnerschaft ihm etwas bedeute.

Trotzdem bleiben zwischen den Gewerkschaften und Schneider-Ammann grosse inhaltliche Differenzen bestehen. Die Mutteschaftsversicherung hat Schneider-Ammann 2003 im Nationalrat abgelehnt, als einer von nur fünf FDP-Nationalräten. «Die Mutterschaftsversicherung ist eine wichtige Voraussetzung für Frauen, um Familie und Beruf zu vereinbaren», sagt Barbara Gisi. Ein gewerkschaftsnaher Parlamentarier kritisiert Schneider-Ammanns Haltung zu Konjunkturprogrammen: «Er findet diese aus ideologischen Gründen falsch.» Mehrere Gewerkschafter kritisieren Schneider-Ammanns Ja zum Rentenalter 67 sowie seine harte Haltung bei der Revision der Arbeitslosenversicherung, über die das Volk am 26. September abstimmt. Unia-Gewerkschafter und SP-Nationalrat Jean-Claude Rennwald glaubt, dass Schneider-Ammann mit seinen weitgehenden Vorschlägen zur Arbeitslosenversicherung in der Kommission, sich bei der SVP anbiedern wollte. «Er ist in gewissem Masse Opportunist.»

«Keine ideale Sozialpartnerschaft»

Dass ein FDP-Bundesrat nicht auf Gewerkschaftslinie politisiert, ist für SP-Nationalrat André Daguet klar. Der frühere Unia-Funktionär hält zwar Schneider-Ammann zugute, dass er ein Vertreter der Realwirtschaft und nicht wie der abtretende FDP-Bundesrat Hans-Rudolf Merz des Finanzplatzes ist. Als Patron verklären will er den Bundesratsanwärter aber nicht: «Ich gehöre nicht zu jenen, die glauben, Schneider-Ammann stehe den Arbeitnehmern oder den Gewerkschaften besonders nahe», sagt Daguet. Der FDP-Nationalrat habe sich immer vehement gegen einen starken Gesamtarbeitsvertrag gewehrt. Stattdessen wollte er laut Daguet mehr Spielraum auf Betriebsebene. «Als Gewerkschafter habe ich da ein ganz anderes Verständnis von Sozialpartnerschaft.» Seine Kritik an zu hohen Managerlöhnen habe Schneider-Ammann nicht nur aus uneigennützigen Gründen geäussert, sagt Daguet: «Er hatte Angst, dass die Abzockerlöhne den Gewerkschaften Auftrieb im Kampf um bessere Löhne geben.»

Das nette Image des Patrons bröckelt, bei Gewerkschaftern und den linken Parlamentariern. Doch das muss nichts heissen. Denn von Schneider-Ammanns Konkurrentin, der St. Galler Regierungsrätin Karin Keller-Sutter, sind den Berner Parlamentariern die wirtschaftspolitischen Positionen schlicht nicht bekannt. So sagt Gewerkschafter Rennwald, dass er derzeit wohl Schneider-Ammann gegenüber Keller-Sutter vorziehen würde: «Er ist zwar kein Freund, aber ich kenne ihn.»

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  • hans am 19.09.2010 18:37 Report Diesen Beitrag melden

    juhu

    hopp schwyz

  • Franz F am 19.09.2010 16:18 Report Diesen Beitrag melden

    jeder

    jeder ist besser als einer der SVP

  • Benjamin am 19.09.2010 12:31 Report Diesen Beitrag melden

    Das richtige Männer-BR-Wahl-Spiel 2010

    1. Durchgang Rime - 2. Durchgang Schneider Sollte Rime nicht gewählt werden,sollte man auch Schneider nicht wählen - das ist das Männer Wahl-Spiel - auf keinen Falle bis 2011 warten.