Presseschau Ausland

23. September 2010 15:58; Akt: 23.09.2010 16:03 Print

«Ganz grosse Sensation ist ausgeblieben»«Ganz grosse Sensation ist ausgeblieben»

Die internationale Berichterstattung zu den Bundesratswahlen fällt überwiegend positiv aus. Auffallend ist das geringe Echo aus Staaten mit eigenen Frauenmehrheiten.

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Ausländischen Medien haben über die Bundesratswahl mehrheitlich zurückhaltend berichtet. Vergleichsweise gross war das Echo in der angelsächsischen Presse. In den stets wohlwollenden Grundtenor über die erstmalige Frauenmehrheit in der Schweizer Exekutive mischten sich aber auch immer wieder kritische Stimmen.

Der «Independent» fragt sich, wie wohl die britische Politik aussehen würde, wenn es eine Frauenmehrheit im Regierungskabinett gäbe. Vielleicht würde die Rechnung für Dienstwagen bescheidener ausfallen. Und wie epochal ist das Ereignis wirklich, wenn in der Schweizer Wirtschaft weiterhin die Männer domininieren?

Der «Daily Telegraph» weist darauf hin, dass die Schweiz neben den Kapverden, Finnland und Norwegen weltweit erst das vierte Land mit einer Frauenmehrheit in der Regierung ist. Als Beleg für eine einsetzende Gegenbewegung der Männer wird der notorisch frauenkritische, ehemalige SVP-Politiker René Kuhn zitiert: «Wir alle wissen, wenn viele Frauen zusammen arbeiten, kann das mehr Probleme verursachen.»

Der lange Schatten von 1971

Die «New York Times» begann ihren Beitrag mit den Worten: «Die Schweiz, eines der letzten westeuropäischen Länder, das den Frauen das Stimmrecht zugestand, ist eines der wenigen mit einer Frauenmehrheit in der Regierung geworden.»

Der «Guardian» warnt, die neue Zusammensetzung der Schweizer Regierung vermittle ein trügerisches Bild. Im Parlament sässen noch immer dreimal mehr Männer als Frauen und in der Wirtschaft hätten es wenige an die Spitze geschafft, speziell im Vergleich zu den USA und Skandinavien.

Deutschland unbeeindruckt

A propos Skandinavien: Die Reaktionen in der kontinentaleuropäischen Presse fielen allgemein spärlich aus. Speziell das fehlende Interesse in Norwegen, Finnland (beide mit Frauenmehrheiten), Deutschland (Frau als Regierungschefin) und Spanien (Parität) könnten damit zusammenhängen, dass Frauen in hohen politischen Ämtern dort bereits zum Alltag gehören.

In Deutschland vermeldete «Die Welt Online» den Sieg Simonetta Sommarugas, über die Wahl Johann Schneider-Ammanns wurde hingegen nicht mehr berichtet. Die deutsche Unaufgregtheit mag auch damit zusammenhängen, dass mit Angela Merkel seit fünf Jahren eine Frau die Exekutive anführt. «Schauen die Schweizer keine deutschen Nachrichten?», lautete einer der Leserkommentare.

Der österreichischen «Kronenzeitung» ging das Parlament nicht weit genug: «Die ganz grosse Sensation, nämlich fünf Frauen in der Regierung, ist allerdings ausgeblieben.»

«La dame à la rose et le roi-patron»

«Le Figaro» zitiert in seinem Schweizer Blog die ehemalige SP-Präsidentin Christiane Brunner, der die Bundesratsweihen einst verwehrt worden waren, mit den Worten, die neue Frauenmehrheit könnte «der Schweiz neuen Elan geben.» Ein Kommentar schlägt die Brücke zum letzten internationalen Medienereignis aus der Schweiz: «Die Frauen, das ist gut. Minarette nicht. Die Schweizer besinnen sich.»

Unter dem Titel «Suisse: la dame à la rose et le roi-patron» lässt der Scheizer Journalist Marc Schindler für «Le Monde» den langen Marsch der Frauen durch die politischen Institutionen der Schweiz Revue passieren. Am Schluss erinnert er daran, dass die Verbesserung der Kollegialität im Bundesrat auch für vier Frauen und drei Männer eine Herausforderung bleiben wird.

(kri)