Bundestagswahl

25. September 2009 14:05; Akt: 25.09.2009 14:37 Print

«Die SPD als Internet-Partei? Aus der Traum!»«Die SPD als Internet-Partei? Aus der Traum!»

Ein PR-Experte wollte die SPD mit einem Online-Wahlkampf im Stil von Barack Obama zum Erfolg führen. Jetzt rechnet der Insider schonungslos ab: Die Partei habe nicht verstanden, wie die Online-Welt funktioniert.

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Der wohl lahmste Bundestags-Wahlkampf der deutschen Geschichte geht zu Ende. Dieser Befund gilt auch für das Internet: Nach Ansichten von Experten hat es keine Parte geschafft, die Möglichkeiten des Mediums auszuschöpfen. Kein Vergleich zur letztjährigen Kampagne von Barack Obama, der mit dem virtuosen Einsatz aller Online-Kanäle Millionen vorwiegend junger Wählerinnen und Wähler mobilisieren konnte.

«Kann es so einen Wahlkampf auch in Deutschland geben?», fragte sich ein PR-Mann und heuerte Anfang Jahr aus Überzeugung bei der SPD an, Spezialgebiet Online-Wahlkampf. «Ich bin unbedingt dafür, dass die Kanzlerin abgelöst wird. Was kann ich dazu beitragen?», beschreibt der Mitarbeiter, dessen Identität nicht genannt wird, seine Motivation in einem sechsseitigen Artikel für die linke Wochenzeitung «Freitag».

Desillusionierung und Frustration

Der Artikel, aus dem «Bild Online» ausgiebig zitiert, ist ein Produkt tiefer Desillusionierung und Frustration. Schnell merkte der Internetexperte, dass die Sozialdemokraten nicht verstanden haben, wie die Online-Welt wirklich funktioniert, dass sie andere Gesetze hat als die Partei. Besonders im Visier ist Wahlkampfmanager Kajo Wasserhövel, der im Februar überlegt habe, wie er Communitys besser kontrollieren könne, damit etwa unliebsame Forenbeiträge nicht als Beweis für parteiinternen Streit zitiert werden könnten.

Aber ein bisschen Web 2.0 gehe genauso wenig wie ein bisschen schwanger: «Wenn man sich für das Leben entscheidet, muss man Kontrollverlust in Kauf nehmen», so der Experte. Dabei waren die Voraussetzungen gut, die SPD verfügt schon seit 2007 über eine eigene Community mit 500 000 Mitgliedern. SPD-Leute sind in Netzwerken wie Twitter, Facebook und StudiVZ aktiv, Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier hat einen Blog. Doch kommuniziert würden Banalitäten wie Erkältungen und gebrochene Finger.

Plakate schneller als Internet

Für den Wahlkämpfer wurde immer deutlicher: SPD und Community passt nicht zusammen. So entschied sich die Partei für ein Steinmeier-Logo, dass von der Internet-Gemeinde verrissen wurde. Nach der Niederlage bei der Europawahl sei die Stimmung schlechter geworden, an den Internet-Wahlkampf habe keiner mehr gedacht. Noch am Dienstag nach der Wahl habe man auf SPD-Seiten Aufrufe zum Europa-Endspurt gefunden. Sogar die Plakate vor dem Willy-Brandt-Haus in Berlin seien schneller gewesen, «denn hier klebt schon ein 'Danke' auf blassblauem Grund», so der Insider.

Man habe danach Themen gesucht, mit denen man die Kanzlerin angreifen könne. Aber im Internet sei nichts passiert: «Die User riechen den Braten. Die SPD-Bürokratie ist auf dem besten Weg, aus lauter Angst vor der Demokratie, vor den bösen Medien und den uneinsichtigen Bürgern die gesamte Partei in die Knie zu zwingen.» Die Situation im Willy-Brandt-Haus beschreibt der Online-Wahlkämpfer als beklemmend: «Wir waren so motiviert und euphorisch! Und nun? Es ist, als gingen wir gebeugt.»

Zum Bruch zwischen der Partei und der Internet-Welt sei es mit der Netzsperre gegen Kinderpornographie gekommen, die von der SPD mitbeschlossen wurde, von Kritikern aber als Beginn einer Zensur des Internets bewertet wird. Das bittere Fazit des Online-Experten im «Freitag»-Artikel: «Die SPD ist die Internet-Partei? Aus der Traum!»

(pbl)