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Gaddafi-Affäre
09. September 2009 10:11; Akt: 09.09.2009 14:15 Print
Ritt in den Schlamassel: Merz verliert Rückhalt
Der Brief des libyschen Premierministers sollte die diplomatischen Irrspiele rund um die Freilassung der Schweizer Geiseln aus Tripolis klären. Stattdessen musste Bundespräsident Merz noch mehr Kritik einstecken und sich den Vorwurf gefallen lassen, er «zerrede» die Situation.
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Der Bundespräsident hatte die Mitglieder der aussenpolitischen Kommission (APK) früh aus dem Bett geholt: Merz wollte gestern in aller Frühe sein Vorgehen in der Libyen-Affäre abermals erklären. Nach Beendigung der Sitzung kurz vor acht Uhr machte sich Ernüchterung breit. «Ich wäre besser im Bett geblieben», zitiert die «Aargauer Zeitung» das Kommissionsmitglied Walter Wobmann nach der Sitzung. Was stimmte den SVP-Politiker so missmutig?
Hätte lieber geschlafen: Walter Wobmann(Bild: Keystone)
Deutliche Worte: Mario Fehr(Bild: Keystone)
Empörung in der APK: Brief schon vor der Sitzung veröffentlicht
Erstens: Merz wollte den Mitgliedern der Kommission den Brief des libyschen Premiers al Mahmoudi (20 Minuten Online berichtete) zeigen, auf Grund dessen er die Geiseln an der Bundesratssitzung vom 26. August als gerettet darstellte. Doch der Brief war bereits den meisten Kommissionsmitgliedern bekannt: Die NZZ hatte ihn gestern im Wortlaut abgedruckt. Das Schreiben wurde der Zeitung offenbar aus FDP-Kreisen zugespielt. «Merz verlangt immer Diskretion und dann macht er selbst das Gegenteil», kritisiert CVP-Parlamentarierin Kathy Ricklin den Vorfall gegenüber dem «Blick». Ein APK-Mitglied macht sogar eine Amtsgeheimnisverletzung geltend. Doch Merz winkt ab: Ein grosser Teil des Briefinhalts sei bereits zuvor kommuniziert worden. Von Amtsgeheimnisverletzung könne daher nicht die Rede sein.
Zweitens: Merz habe zu einem längeren Monolog angesetzt, wie die Aargauer Zeitung heute ein ungenanntes Kommissionsmitglied zitierte. APK-Präsident Geri Müller habe den Bundespräsidenten ungestört plaudern lassen. «Die Angelegenheit wird zerredet, weil Merz sich zu weit aus dem Fenster gelehnt hat», sagte SVP-Politiker Hans Fehr gegenüber der AZ. Auch der «Tages-Anzeiger» schreibt, dass die eigentliche Diskussion, nämlich diejenige um die Freilassung der Geiseln, zunehmend auf Nebenschauplätze verlagert werde: Fragen über das Befinden der Geiseln, Gerüchte um den Verstoss gegen Visa-Bestimmungen oder Lösegeldforderungen der Libyer würden stellvertretend diskutiert, schreibt die Zeitung.
Fehr: «Brief ist das Papier nicht wert, auf dem er gedruckt wurde.»
Drittens: Der Brief des libyschen Premierministers ist durchaus mit der gebotenen diplomatischen Freundlichkeit verfasst, sein Inhalt lässt aber nur für sehr optimistische Leser auf eine Zusicherung schliessen:
«Auf der Grundlage, wie solche Dinge normalerweise in ähnlichen Situationen passiert sind, glauben wir, dass ihr Fall sehr schnell beendet sein wird und dass sie noch vor Ende dieses Monats aus Libyen ausreisen dürfen.»
Mit diesem vagen Satz liess sich Merz vom libyschen Ministerpräsidenten Al Baghdadi Ali al Mahmoudi abspeisen. SVP-Politiker Fehr: «Der Brief nützt Merz nichts, das hätte er wissen müssen. Zumal er immer wieder betont, wie gut er sich im arabischen Raum auskennt.» Auch sein Namensvetter Mario Fehr von der SP fällt ein ungnädiges Urteil: «Der Brief ist das Papier nicht wert, auf dem er gedruckt wurde.»
Der Kommissionspräsident teilt den Merz'schen Zweckoptimismus
Doch APK-Präsident Müller, der wegen seiner regierungstreue Rolle zunehmend in die Kritik der Kommissionsmitglieder gerät, stützt den Zweckoptimsmus von Bundespräsident Hans-Rudolf Merz: «Es hat sich herausgestellt, dass der Brief nur eine von vielen Informationen der libyschen Seite war, die auf eine baldige Rückkehr der beiden Geschäftsleute schliessen liessen», betonte Müller gestern vor der Presse. Namentlich seien mündliche und schriftliche Zusagen per E-Mail beim Departement Merz eingetroffen. Er hätte an Stelle von Merz gleich gehandelt, sagte Müller. Die aussenpolitische Kommission werde sich weiterhin in Geduld üben und auf «stille Diplomatie» setzen, sagte er weiter. Die Mitglieder der Kommission kritisieren Müller für seine Nachsicht: Mit seinem Verhalten verhindere er eine kritische Diskussion, wie der «Tages-Anzeiger» ungenannte APK-Mitglieder zitierte.
Calmy-Rey: Im Mai schon gleich weit wie Merz?
Wie Recherchen von Tages-Anzeiger.ch offenbar belegen, war EDA-Chefin Micheline Calmy-Rey in der libyschen Angelegenheit schon einmal so weit wie Amtskollege Merz. Der Abschluss eines Vertrages sei jedoch nie zustandegekommen, weil die Libyer das Schicksal der beiden Schweizer Geiseln nicht in Zusammenhang mit der Affäre um Hannibal Gaddafis Verhaftung in Genf hätten bringen wollen. Darüber habe Micheline Calmy-Rey die aussenpolitische Kommission bereits in vorangegangenen Sitzungen im August informiert.
Währendv sich der politische Prozess in Bern zunehmend vom eigentlichen Vorhaben - der baldigen Rückkehr der Geiseln - entfernt, sitzen die beiden Schweizer Geschäftsleute bis heute weiterhin in Tripolis fest. Sie sind Opfer der Retorsionsmassnahmen Libyens nach der vorübergehenden Verhaftung von Gaddafi-Sohn Hannibal und dessen Ehefrau Mitte Juli 2008 in Genf.
(kbr/dapd)


























