Bergünglück in Chile

27. September 2010 14:22; Akt: 27.09.2010 15:06 Print

«Überleben heisst Disziplin»«Überleben heisst Disziplin»

von Vivian Sequera, AP - Es gibt einen Wäschedienst, drei warme Mahlzeiten am Tag und zum Nachtisch Eiscreme. Der Alltag der 33 verschütteten Bergleute in Chile ist ein wenig komfortabler geworden.

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Am 16. Oktober 2010 veröffentlichte das chilenische Militär die letzten Fotos der Mineure vor deren Bergung. Kurz bevor sie am 13. Oktober mit einer Stahlkapsel an die Oberfläche gehievt wurden, untersuchten sie sechs Notfallretter, ... ... die Stunden zuvor zu ihnen heruntergelassen worden waren. Die Retter bereiteten die 33 Verschütteten auf die Fahrt in die Freiheit vor. Sie warteten mit den Männern auf die Kapsel und ... ... bestimmten die Reihenfolge, in welcher sie an die Oberfläche kommen sollten. 29. September 2010: Die 33 verschütteten Bergarbeiter schaufeln sich frei. Sie sollen bis zu 4000 Tonnen Geröll beiseite schaffen, ... ... das durch die Bohrung des Rettungsschachts hinabfällt. Dafür arbeiten sie in Schichten rund um die Uhr. Inzwischen haben Familienangehörige von 27 der insgesamt 33 Männer eine Schadenersatzklage in Höhe von einer Millionen Dollar pro Arbeiter eingereicht. Die Entschädigungsforderung solle die Arbeiter absichern, wenn sie nach der Rettung nicht mehr arbeiten könnten. Ob sie damit durchkommen, ist allerdings mehr als fraglich. Schock im Schutzraum: Am 22. September 2010 löste sich einer der Bohrköpfe, die seit Tagen fast rund um die Uhr für die Rettung der Kumpel eingesetzt werden, ... ... und krachte durch den Bohrschacht hinunter. Zum Glück wurde keiner dabei getroffen. Um den Bohrkopf zu suchen, wurde eine hochauflösende Spezialkamera in den Schacht hinuntergelassen. Dabei entstanden erstmals sensationelle neue Bilder der Kumpel. Eine erste Vorbohrung ist am 17. September 2010 bis in einen Werkstattraum in 630 Meter Tiefe vorgedrungen. Die Bergarbeiter, die seit 46 Tagen in dem Stollen verschüttet sind, haben zu der Werkstatt Zugang. Der Bohrdurchbruch, pünktlich zu den 200-Jahrfeiern der Unabhängigkeit, hat Chile in einen Freudentaumel versetzt. Gemeinsam mit ihren Landsleuten sangen die in einer kleinen Mine verschütteten Kumpel am Samstag die Nationalhymne. In einer gefühlsgeladenen Zeremonie hissten ihre Angehörigen neben der Mine eine chilenische Flagge ... ... mit den Unterschriften der Eingeschlossenen. «Dass sie zusammen eine Unabhängigkeitsfeier organisierten und die Fahne unterschrieben, ist ein Vorbild von Kraft und Standhaftigkeit», erklärte ein Psychologe den Medien. Den Erfolg schreibt er den «positiven Aktionen als Einzelne und als Gruppe» zu. Eine willkommene Abwechslung sollte am 7. September den Bergleute geboten werden: Ein Freundschaftsspiel zwischen der chilenischen Nationalmanschaft und der Auswahl aus der Ukraine wurde über eine Fiberglasleitung live in die Rettungskammer übertragen. Claudio Yanez, einer der 33 eingeschlossenen Bergleute, spricht am 5. September mit seiner Tochter und seiner Frau. Der eingeschlossene Mario Sepulveda (links) spricht mit einem Mineur über Tag. Ein neues rund dreiminütiges Video wurde am 1. September 2010 in Chile veröffentlicht. In dieser Aufnahme wirken die 33 Männer im Vergleich zu einem ersten Video gestärkt und gut gelaunt. Während die Männer vor fast einer Woche noch unrasiert, verschmutzt und mit blossen Oberkörpern in 700 Meter Tiefe in die Minikamera sahen, ... ... erscheinen sie nun rasiert, besser ernährt und tragen rote Hemden. In der Aufnahme ohne Ton winken sie in die Kamera. Sie lächeln und ... ... scheinen guter Dinge zu sein. Die Männer wurden vom Ärzteteam aufgefordert, täglich vier Liter Wasser zu trinken. Am 29. August 2010 hatten die verschütteten Bergleute erstmals telefonischen Kontakt mit ihren Angehörigen aufnehmen können. Bislang konnten sich die Eingeschlossenen und ihre Angehörigen nur über einen Verbindungsschacht Briefe schicken. Die Bergungskräfte liessen jeden der 33 Arbeiter eine Minute lang mit einem Familienmitglied sprechen. Damit solle der Durchhaltewillen der Eingeschlossenen gestärkt werden. Die meisten dankten ihren Familien und den Einsatzkräften für die Unterstützung. Allerdings brachen viele in Tränen aus, als sie ihre Frauen und Kinder oder ihre Eltern grüssten. Die Angehörigen zeigten sich anschliessend ermutigt durch die «Kraft und Entschlossenheit» der Verschütteten. Zwei Tage zuvor, am 27. August, hatten Verwandte und Journalisten erstmals Bilder der Männer erhalten. Die Männer wirkten dabei hoffnungsvoll und aufgestellt. Zwar haben die Verschütteten erheblich an Gewicht verloren, doch wollen die Helfer sicherstellen, dass sie bis zur Bergung nicht stark zunehmen. Die Männer dürfen einen Leibesumfang von höchstens 90 Zentimetern haben, wenn sie es durch den Rettungsschacht schaffen wollen. Dieser Schacht wird einen Durchmesser von rund 66 Zentimetern haben, in etwa so viel wie ein Fahrradreifen. Das ergibt zwar einen Umfang von gut zwei Metern, doch gilt es auch noch den Rettungskorb zu bedenken, in dem die Männer einer nach dem anderen ans Tageslicht gehievt werden sollen. Seit dem 31. August sind die 33 Männer länger in der Tiefe eingeschlossen als jemals andere Bergleute vor ihnen. Nur wenige Rettungsaktionen dauerten länger als zwei Wochen. Das stellt auch die Helfer vor nie dagewesene Probleme: Wie hilft man den Eingeschlossenen und auch ihren bangenden Familien, die Zeit bis zur Rettung zu überstehen? Chile bat die NASA um wissenschaftlichen Rat, was die Lebensumstände generell und eine möglicherweise hilfreiche Technik angeht. Mit ihrer langen Erfahrung im Umgang mit Astronauten im All könne die NASA Hinweise geben, wie man Eingeschlossenen psychologische Unterstützung bietet. Ausserdem könnten sie helfen, einen Trainingsplan zu entwerfen, um Muskelschwund zu verhindern. Damit sie bis dahin gesund und fit bleiben, sind nach Angaben von Gesundheitsminister Jaime Mañalich Bewegung und andere Aktivitäten angesagt. Psychologischer Beistand ist besonders wichtig, vor allem angesichts der langen Wartezeit bis zur Rettung. Ein NASA-Experte empfahl, die Aussenkontakte zu intensivieren. Routine in den Tagesablauf zu bringen sei ebenso wichtig wie Ablenkung zu finden. Das Rettungsteam entwarf ein Unterhaltungsprogramm, zu dem auch Singen, Bewegungsspiele und Kartenspiele gehörten. «Wir wollen, dass sie Lieder aufnehmen, Videos drehen, sich Theaterstücke für die Familie ausdenken.» Bei hoher Luftfeuchtigkeit und über teilweise 35 Grad Raumtemperatur müsse man in erster Linie die Entwicklung von Krankheiten vorbeugen. Die Männer wurden vom Ärzteteam aufgefordert, täglich vier Liter Wasser zu trinken. Nur so können sie eine allfällige Dehydration vermeiden. Aus medizinischer Sicht ist es demnach vorrangig, die Kalorienaufnahme zu erhöhen und für einen regelmässigen Schlafrhythmus zu sorgen. Manche Fachleute rechnen mit 25 bis 30 Tagen, andere mit bis zu vier Monaten. Bei dieser Aussicht dürfte es schwerfallen, zuversichtlich zu bleiben. Wie lange genau, ist umstritten. Angehörige glauben, dass die Behörden mit Zeitangaben absichtlich grosszügig sind, damit niemand enttäuscht ist, wenn es Probleme gibt. Die Kumpel wüssten aber sehr wohl, dass sie noch warten müssten, sagte Lilianett Gomez, deren Vater Mario unter Tage ist. «Sie wissen, wie lange es dauert, bis sie gerettet werden. Als Bergleute kennen sie das Vorgehen sehr gut.»

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Die Kumpel schlafen auf Feldbetten, die in Einzelteilen ankamen und wieder zusammengebaut wurden. Auch das Telefon für die Gespräche mit den Angehörigen wurde zerlegt geliefert. Dank eines Glasfaserkabels können sie freitags und samstags auch Videoverbindungen mit den Familien über Tage aufnehmen.

Der Alltag der 33 verschütteten Bergleute in Chile ist ein wenig komfortabler geworden - zumindest so weit sich das dazu Notwendige durch schmale Bohrschächte Hunderte Meter in die Tiefe hinab befördern lässt.

13 Stunden Fernsehen am Tag

Die Männer haben sich auf eine lange Wartezeit eingerichtet und einen geregelten Tagesablauf strukturiert, der dem seelischen und körperlichen Wohlergehen ebenso wie dem Zusammenhalt dienten soll. Ziel sei, ihnen «keinerlei Alternative lassen als zu überleben», bis die Rettungsbohrungen zu ihnen vorgedrungen sind, erklärt der leitende Psychiater der Rettungstrupps, Alberto Iturra Benavides. Anfang November, so schätzt die Regierung, kann es soweit sein. «Überleben heisst Disziplin und das Festhalten an einer Routine», sagt Iturra.

In der Freizeit können die Eingeschlossenen Fernsehen schauen: 13 Stunden Programm täglich, meist Nachrichtensendungen, Actionfilme oder Komödien; was eben im Kabel so läuft und nach Urteil der Betreuer nicht zu deprimierend wirkt. Sie haben schon «Troja» gesehen, «Der seltsame Fall des Benjamin Button» mit Brad Pitt und «Die Maske» mit Jim Carrey. Aber keine bewegenden Dramen - «das wäre seelische Grausamkeit», meint Iturra.

Auch Musik-Player mit Kopfhörern oder Spielkonsolen gibt es nicht, weil sie die Männer voneinander isolieren könnten. «Wenn sie mit Kopfhörern Musik hören, und jemand ruft sie um Hilfe oder zur Warnung, kriegen sie nichts mit», erklärt Iturra. «Was sie brauchen, ist Gemeinschaft.»

«Da hast du keine Angst mehr»

Das Zusammensein war es auch, das die Männer am 5. August rettete. Als der Schacht über ihnen einbrach, hatten sie sich gerade zum Mittagessen im Schutzraum versammelt, einem etwa vier mal vier Meter grossen Raum mit verstärkter Decke, der auch als Pausenraum diente. Wenig früher oder später wären viele von wohl unter Tonnen Gestein zermalmt worden.

So fanden sie sich in einer etwa 360 Meter langen Höhle mit Verbindung zu einem weiteren Werkstattraum wieder. Mehrere Maschinen waren vorhanden, eine Chemietoilette und Brauchwasser und ein kleiner Notvorrat an Nahrung, der sie ohne Verbindung zur Aussenwelt am Leben hielt. «Sie waren 17 Tage lang im Dunkeln, sie konnten die ersten fünf Tage vor Staub kaum atmen», schildert Iturra. «Und dann sagten sie sich: 'Ich bin nicht gestorben.' Da hast du keine Angst mehr.»

Wäschedienst und warme Mahlzeiten

Am 22. August drang eine Bohrung zu den Verschütteten durch. Seither ist die Schar der Retter und Helfer auf über 300 Personen gewachsen. Neben den Bohrtrupps gehören Fernmeldetechniker dazu, Ärzte, Psychologen, Wäscher und Köche. Während sie schichtweise für die Eingeschlossenen sorgen, haben auch die sich harte Arbeit verordnet, wie Iturra berichtet.

In drei Gruppen zu je elf Mann arbeiten auch sie in drei Schichten und kommen mittags zum gemeinsamen Essen zusammen. Nach dem Frühstück - Kaffee oder Tee mit Milch und ein Schinken-Käse-Brot - geht es ans Werk: Es gilt, das aus der Rettungsbohrung rieselnde Geröll beiseite zu räumen, den Müll zu entsorgen, die Toilette zu leeren und sich um die «Palomas» (Brieftauben) genannten Behälter zu kümmern, in denen Nachschub herabgelassen wird. Schnell werden Lebensmittel, frische Kleidung, Medikamente, Briefe der Familie und anderes aus den Hülsen geholt und für den Rückweg nach oben beispielsweise Schmutzwäsche hineingestopft. Jede Tour nach unten dauert zwölf bis 15 Minuten, vier Minuten das auspacken und fünf Minuten das Hochziehen.

114 Kubikmeter Frischluft pro Stunde

Mindestens drei Mann sind ständig an dem Bohrloch mit den Palomas beschäftigt. Durch eine andere Bohrung laufen Kommunikationsstränge, Strom, Luft und Wasser. Mindestens 100 Liter Wasser täglich und rund 114 Kubikmeter Frischluft pro Stunde werden nach unten gepumpt. Das ermöglicht den Männern zu duschen und lindert etwas die Hitze unter Tage. So ist in tieferen Teilen der Höhle die Temperatur von 32 auf 28 Grad zurückgegangen. Gegen die Luftfeuchtigkeit von 90 Prozent lässt sich aber wenig ausrichten.

Immerhin bleiben bei den Temperaturen die gelieferten Mahlzeiten schön warm und müssen nur noch ausgepackt werden. Die Männer erhalten rund 2.200 Kalorien täglich und haben nach den Hungerrationen der ersten 17 Tage schon wieder etwas zugelegt, wie der Arzt José Diaz berichtet. Raucher bekommen nun auch Zigaretten, aber Alkohol bleibt ausgeschlossen.

Die Männer wissen, dass ihr Überleben letztlich von ihnen selbst abhängt. Deshalb gibt es neben den Gesprächen mit den betreuenden Psychologen und regelmässigen Gebetsstunden eine Art Gruppentherapie: Nach dem Motto «Karten auf den Tisch» kommen sie zusammen, um sich über Erfolge, Pläne und Meinungsverschiedenheiten auszusprechen.