Minen-Blog

31. August 2010 19:49; Akt: 31.08.2010 20:15 Print

«Ich fühle mich so hilflos»«Ich fühle mich so hilflos»

Mario Sepulveda sitzt seit fünf Wochen in der chilenischen Mine fest. Was das für die Familie bedeutet und wie das Leben im Camp ist, darüber schreibt seine Tochter Scarlett in einem Blog.

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Carola Narvaez hält Tag um Tag Mahnwache für ihren Mann Raul Bustos. Erst im Februar dieses Jahres hatte die Familie das furchtbare Erdbeben im Süden Chiles überlebt. «Wir haben bereits einen Schicksalsschlag überlebt. Jetzt werden wir ein zweites Happy End erleben», schreibt sie ihrem Liebsten. Der 44-jährige Esteban Rojas Carrizo ist seit 25 Jahren mit seiner Yessica verheiratet – aber nur standesamtlich. In einem Brief machte er ihr nun einen Heiratsantrag: «Wenn ich nach oben komme, wenn Gott es erlaubt, gehen wir das Hochzeitskleid kaufen und heiraten kirchlich.» Der Zettelverkehr durch den schmalen Kanal ist rege. Auch Rojas' Bruder schickt Hoffnungsbotschaften in die Tiefe: «Wir warten auf euch und lieben euch.» «Hallo Papi, ich bins, Romina. Ich freue mich so, dass er dir gut geht. Es ist eine der grössten Freuden, die ich je hatte», schrieb die 20-jährige Romina Gomez ihrem Vater Mario. «Wir haben hier oben ein kleines Fest gemacht. Wir sind mit euch und warten auf eure Rückkehr. Wir lieben dich Papi, Romina», stand auf dem Zettel, der mit einer Versorgungssonde in die Tiefen des Berges geschickt wurde. Auch ihre Schwester Lilianett ... ... und die Enkelin des Verschütteten, Marion Gallardo, erzählen ein bisschen, was an der Oberfläche passiert. Sie machen ihnen Mut und bitten sie, ruhig zu bleiben. Mario Gomez' Ehefrau Liliana Ramirez war die Erste, die eine Nachricht aus dem Schutzraum erhielt: «Geliebte Lila, mir geht es gut.» «Er schreibt, dass er mich liebt. So etwas hat er mir noch nie gesagt, nicht einmal während unserer Verlobung war er so romantisch», erzählt sie unter Tränen. Kurz zuvor hatte eine andere Nachricht des 63-Jährigen für Fassungslosigkeit gesorgt: Mit rotem Stift hatte er auf einen Zettel geschrieben, dass er und seine Kumpel noch leben. Mario Gómez ist der älteste der 33 Bergleute, die seit drei Wochen in einem Bergwerk in Chile verschüttet sind – und die Symbolfigur für deren Überlebenswillen. Auf zahllosen T-Shirts findet sich mittlerweile die Überlebensnachricht. Die Psychologen warnten inzwischen vor einer Briefflut. «Den Kontakt zu den Verwandten sollte man schrittweise angehen, damit die Leute dort unten nicht in Stress geraten.» In einer ersten Phase würden nur kurze Botschaften zugelassen. Erst später dürften die Angehörigen längere Briefe schreiben. Danach werden Sprachnachrichten erlaubt und erst dann werden die Angehörigen mit ihren Liebsten direkte Funkverbindung haben dürfen.

Bildstrecke: Briefe aus der Tiefe.

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«Das ist das erste Mal, dass ich in einem Blog schreibe», ist der erste Satz, den das Mädchen in einem von der spanischen Tageszeitung «El Mundo» speziell für ihre Berichterstattung eingerichteten Blog schreibt. Täglich berichtet Scarlette Sepulveda aus Campamento Esperanza, dem «Zeltlager der Hoffnung», das sich um den Eingang der Mine San José, mitten in der Atacama-Wüste gebildet hat. Scarlettes Vater Mario Sepulveda ist einer der 33 Kumpels, die seit dem 5. August in 700 Metern Tiefe eingeschlossen sind.

Trotz der schwierigen Lage fühle sie sich positiv, erzählt Tochter Scarlette. «Jede Minute ist wie eine Ewigkeit und ich fühle mich so hilflos, wissend, dass mein Vater so nah von mir entfernt ist und ich nichts machen kann, um ihn da rauszuholen. Das löst einen starken Schmerz in mir aus, den ich keinem wünsche.»

Zeit vertreiben und … warten

«Ich schreibe meinem Vater täglich einen Brief», erzählt das Mädchen in ihrem Blog weiter. Doch ihre Botschaften werden nicht immer abgegeben. «Ich würde so gerne mit ihm reden», verrät sie, aber nur ihre Mutter konnte am vergangenen Sonntag für eine Minute am Telefon mit ihm sprechen. «Er hat nach meinem Bruder und nach seinem Vater, mein Grossvater Mario, gefragt. Für mehr reichte es nicht.»

Weil der Alltag auf Campamento Esperanza manchmal sehr langweilig sei, habe sie am Montag einen Spaziergang mit ihrer Cousine und einen Journalisten unternommen. Sie besuchten eine verlassene Mine und kamen rechtzeitig zur täglichen Sitzung für Angehörige zurück. Dann werden alle über die letzten Neuigkeiten informiert. «Jetzt gibt es nur eine Sitzung pro Tag», erzählt Scarlette.

«Jetzt hab ich Bauchweh»

«Ich bin sehr stolz auf meinem Vater. Er war der Erste, der im Video aus der Mine gesprochen hat. Er mag Videokameras, er filmt ständig alles um sich», schreibt die Tochter. Doch das Gerät sei nun bei Regierungsleuten und «sie wollen sie uns noch nicht zurück geben.» Ihr Vater habe schon nach seiner Kamera gefragt. Er wolle, dass sie ihm in die Mine geschickt wird, «damit er täglich aufnehmen kann, was passiert.»

Scarlette Sepulveda ärgert sich offen über die Journalisten, die wie die Angehörige im Camp wohnen. «Obwohl sie gute Arbeit leisten und berichten, was hier los ist, regen sie mich manchmal auf. Sie stellen oft zu persönliche Fragen. So, jetzt habe ich Bauchweh. Morgen geht’s weiter», beendet sie ihren ersten Beitrag abrupt.

(kle)