Ein Jahr danach

10. Oktober 2011 21:45; Akt: 11.10.2011 08:21 Print

«Ich versuche, die Gespenster loszuwerden»«Ich versuche, die Gespenster loszuwerden»

Vor einem Jahr wurden 33 chilenische Bergarbeiter nach 69 Tagen gerettet und aus einer Grube in 700 Metern in ein neues Leben geholt. Der erste Kumpel hat nun ein Versprechen gebrochen.

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Die Show ist vorbei: Als Allerletzter steigt Retter Manuel Gonzalez am frühen Morgen des 14. Oktober 2010 in die Rettungskapsel. Er verbeugt sich vor der Kamera und verabschiedet sich von über einer Milliarde Zuschauer, die das Drama verfolgt hatten. Die Bergungsaktion in der Gold- und Kupfermine San José hat damit ihr endgültiges Ende gefunden. Das Unternehmen dauerte insgesamt knapp 24 Stunden. Alle 33 verschütteten Bergleute sind erfolgreich geborgen worden. Die sechs Rettungshelfer, die sich zu den verschütteten Bergleuten in Chile begeben hatten, warten noch darauf, hinaufgeholt zu werden. Als letzter Bergarbeiter entstieg Schichtleiter Luis Alberto Urzua der schmalen Rettungskapsel. Urzua, Kumpel Nummer 33, sagte nach seiner Rettung: «Wir haben getan, worauf die gesamte Welt gewartet hat.» Der Vorletzte: Ariel Ticona war in unterirdischer Gefangenschaft Vater geworden. Seine Tochter erhielt den Namen Esperanza (Hoffnung). Pedro Cortez wird als 31. gerettet. Bald ist alles vorbei. Der 30. Kumpel: Raúl Bustos Ibáñez überlebte im Februar das Erdbeben in Chile. Der Wasserbauingenieur verlor aber seine Stelle in einer Werft und begann im Bergwerk San José zu arbeiten. Der Vorarbeiter war während den 69 Tagen zuständig für den Wasservorrat. Nummer 29: Juan Carlos Aguilar war der Aufseher einer der drei Schichten. Kumpel Nummer 28. Richard Villarroel Godoy, 27 Jahre. Der Mechaniker arbeitete seit zwei Jahren unter Tage. Der frühere Profi-Fussballer Franklin Lobos Ramírez ist der 27. gerettete Kumpel. Er fuhr täglich die Bergarbeiter im Bus zur Arbeit. Claudio Acuña ist Kumpel Nummer 26. Der Fussballfan will seine Freundin nach der glücklichen Rettung heiraten. Langes Bangen bei der Familie Avalos: Renán wurde als 25. gerettet. Sein Bruder Florencio wurde viele Stunden zuvor als erster geborgen. José Henríquez González ist Kumpel Nummer 24: Der 54-Jährige ist seit 33 Jahren verheiratet, arbeitet 33 Jahre in der Mine. Er formte eine Gebetsgruppe unter Tage und galt als geistlicher Führer während den über zwei Monaten in der Tiefe. Der 23. Kumpel: Carlos Bugueño Alfaro, 27 Jahre alt: War vor der Minenarbeit Wachmann. Nummer 22. heisst Samuel Ávalos. Der 43-Jährige war Strassenverkäufer und hoffte in der Mine auf ein besseres Schicksal. Kumpel Nummer 21: Yonni Barrios. Der «Krankenpfleger» unter Tage, genannt auch «Dr. House». An der Oberfläche wartet ein turbulentes Privatleben auf ihn: Seine Frau und seine Liebhaberin lernten sich während der Wochen des Bangens kennen. Empfangen wurde er von der Geliebten. «Danke für alles!» Pablo Rojas reisst die Arme in die Höhe, lässt sich feiern. Er entstieg als Neunzehnter der Kapsel. Ein Danke in den Himmel: Esteban Rojas geht als Minenarbeiter 18 in die Geschichte ein. Nach seiner Ankunft kniet er nieder und betet. Er ist zurück im Leben. Omar Reygadas, als Siebzehnter aus der Tiefe gerettet, wurde in Copiapó zum vierten Mal verschüttet. Sein Bruder war bei der Bergung von Reygadas mit der Kamera hautnah dabei. Minenarbeiter Nummer 16 hat es geschafft. Daniel Herrera fällt seiner weinenden Mutter in die Arme. Herrera war als Lastwagenfahrer eingesetzt, als die Mine einstürzte. Der bolivianische Präsident Evo Morales war auch zur Mine gekommen, um den einzigen Ausländer unter den Geretteten - den Bolivianer Carlos Mamani- zu treffen. Jose Ojeda, 2.v.l., Mario Gomez, Claudio Yanez, und Carlos Mamani, steigen aus dem Helikopter, der sie nach ihrer Rettung ins Spital von Copiapó brachte. Victor Segovia (mit rotem Helm), als Fünfzehnter aus der Mine gezogen, ist der Bohrexperte der Gruppe - und ein sensibler Mann. «Er schreibt sehr gerne und kann sich so am besten ausdrücken», sagte seine Ex-Frau den Medien. Als Nummer 14 ist Victor Zamora aus der Kapsel gestiegen. Er ist der inoffizielle Witzbold der Gruppe. An seine Frau schrieb er einmal, dass er glücklich sei in über 600 Metern Tiefe – so müsse er nicht jeden Tag duschen. Als dreizehnter Mann wurde Carlos Barrios ans Tageslicht geholt. Wie seine Kameraden wurde auch er beim Verlassen der Rettungskapsel mit Jubel, Applaus und «Chi, Chi, Chi - Le, Le, Le»-Rufen begrüsst. Edison Peña ist Kumpel Nummer Zwölf: Zuerst nimmt der 34-Jährige seine Frau in die Arme und bedankt sich bei den Rettern, dass sie ihn hier lebendig herausgeholt haben. Kumpel Nummer Elf ist draussen: Jorge Galleguillos wurde am 13. Oktober zum dritten Mal aus der Mine San Jose gerettet. Der grosse Moment für Alex Vega und seine Angehörigen ist da: Der zehnte Kumpel ist oben angekommen. Der älteste Kumpel ist gerettet: Mario Gomez, das «Sorgekind» des Rettungsteams ist um 12.59 Uhr an der Oberfläche angekommen. Noch während er abtransportiert wird, reckt Mario Gomez die Faust. Er hat es geschafft. 12:04 Uhr schafft es auch Kumpel Nummer acht an die Oberfläche: Claudio Yáñez Lagos sieht abgekämpft, aber glücklich aus. Daumen hoch: Er hat seiner Freundin versprochen sie zu heiraten, sobald er aus der Mine raus ist. Lange und innig umarmt er seine Tochter und seine Freundin (im Hintergrund). Er wollte ursprünglich noch diesen Monat mit dem Job in der Mine aufhören, der Unfall kam ihm dazwischen. José Ojeda kommt als siebter Kumpel an die Erdoberfläche. Trotz allem sieht der Gerettete im ersten Moment nicht glücklich aus. Er kämpft mit seinen Emotionen. Jubel bei der Familie von Osman Araya: Der 30-jährige Vater von vier Kindern ist frei. Kumpel Nummer Sechs ist wohlauf und überglücklich. Florencio Avalos bei seiner Ankunft im Spital von Copiapó. Auch Mario Sepúlveda ist dabei. Avalos und Sepúlveda, die ersten beiden geretten Kumpel, wurden mit dem Helikopter ins Spital geflogen. Dort sollen sie gründlich untersucht werden. Nach der fünften Bergung wird die Kapsel für Reparaturarbeiten herausgezogen. Auch die Sauerstoffflaschen im Inneren der Kapsel werden ausgewechselt. Das bange Warten geht weiter: Um 9.20 Uhr sind erst fünf von 33 Kumpels an der Oberfläche. Nummer fünf ist oben: Jimmy Sanchez. Der 19-Jährige war der jüngste Kumpel unter Tage. Die 69 Tage unter der Erde hat er offenbar gut weggesteckt: Er ist locker und unterhält sich belustigt mit den Helfern. Vater und Sohn wieder vereint: Jimmy Sanchez wird von Papa begrüsst. Nummer Vier ist oben: Carlos Mamani. Er ist überglücklich und bedankt sich bei allen Helfern. Der Bolivianer Carlos Mamani ist der einzige Ausländer in der Mine gewesen. Florencio Avalos wird nach der ersten Begrüssung in seinem Container medizinisch betreut. Auch Mario Sepulveda, der zweite gerettete Kumpel, wird untersucht. Um 07.09 Uhr wurde Juan Illanes an die Oberfläche geholt. Er scheint äusserlich bester Gesundheit. Dennoch wird er nach der ersten Begrüssung auf eine Trage geschnallt und von Sanitätern zur Erstuntersuchung gefahren. Mario Sepulveda ist der zweite gerettete Kumpel. Um 06.10 Uhr Schweizer Zeit wurde er an die Oberfläche gezogen. Überglücklich nimmt er unter dem Applaus der Umherstehenden seine Frau in den Arm. Dann verteilt er aus der Tiefe mitgebrachte Geschenke. Der 31-jährige Florencio Avalos erreichte mit Hilfe einer Rettungskapsel unter dem Jubel von zahlreichen Angehörigen die Erdoberfläche. Die rund vier Meter lange Kapsel mit einem Durchmesser von 53 Zentimeter brachte ihn kurz nach Mitternacht Ortszeit (05.12 Uhr Schweizer Zeit) an die Oberfläche. Avalos wirkte beim Aussteigen aus der Kapsel ruhig und bei guter Gesundheit. Als erstes umarmte er Familienangehörige, dann auch den chilenischen Präsidenten Sebastián Piñera, der am Rettungsschacht auf ihn gewartet hatte. Anschliessend begab er sich zur ärztlichen Kontrolle. Die Rettungsaktion war am Dienstag Ortszeit wegen zusätzlich notwendiger Installationen und Tests zunächst um zwei Stunden verschoben worden. Bei der ersten unbemannten Testfahrt wurde die Kapsel leicht beschädigt, so dass sich die Rettungsaktion weiter verzögerte.

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Am Donnerstag wird es ein Jahr her sein, seit die 33 chilenischen Bergarbeiter aus einer Goldmine in Copiapó gerettet wurden und ihr «zweites Leben», wie sie es oft beschreiben, geschenkt bekommen haben. In den 69 Tagen, in denen sie 700 Meter unter Tage verbrachten, hatten die Männer gehofft, gestritten und gewartet – nicht nur auf Rettung, wie einer der Mineure, Samuel Avalos, jetzt der Nachrichtenagentur AP verrät.

Die Männer hatten nach ihrer Bergung einen Pakt geschlossen, wonach sie keinem erzählen durften, was in den ersten 17 Tagen nach dem Unglück, bevor die Hilfe aus der Oberfläche sie erreichte, im Schacht passiere. Doch Avalos hat sich in einem Interview nicht daran gehalten. «Da unten war es wie eine Roulette», sagt er, «es ging darum, wer als erster umkam.» Die Kumpel sollen oft untereinander die Frage behandelt haben, wer zuerst sterben würde. Denn, das Essen war knapp und die Hemmungen klein: Der erste Tote würde nämlich gegessen werden.

Spielfilm gibt Antworten

«Die Situation war für die Alten und die Schlanken komplizierter als bei den anderen», erinnert sich Avalos weiter. Obwohl das Thema Kannibalismus unter Tage immer wieder in den Medien diskutiert wurde, hatten die Kumpel bisher dementiert, je darüber gesprochen zu haben. Omar Reygadas hat sich gleichzeitig zu Avalos in einer anderen TV-Sendung zu der Frage geäussert, ob die Kumpel ernsthaft kannibalische Absichten hatten: «Wir lachten immer über Claudio Yañez, weil er der schlankste von uns allen war. Das wäre gewesen, als hätten wir vorgehabt, einen Velorahmen zu essen - so dünn war er», witzelte er.

Die zwei Interviews begleiteten am Sonntag die Erstausstrahlung eines TV-Spielfilms, der die dramatischen ersten 17 Tage der Gefangenschaft zeigen soll, bevor es überhaupt klar war, dass die Bergarbeiter über einen Rettungsschacht an die Oberfläche geholt werden konnten. «Los 33 de Atacama» («Die 33 aus Atacama») zeigt, wie sich die Kumpel das wenige Essen und das knappe dreckige Wasser teilten. Der Film zeigt auch den Augenblick, in dem die erste Sonde an die Oberfläche kommt und die Rettungsleute die Nachricht entdecken, dass es den Arbeitern in der Grube gut gehe.

Nur Nichtstun ist gefährlich

Doch nicht alle Kumpel sind ein Jahr nach dem Unglück bereit, vor den Medien aufzutreten. Der Bolivianer Carlos Mamani, der einzige Ausländer in der Gruppe, hat auch heute noch Mühe, an die Öffentlichkeit zu treten. Der 25-Jährige wohnt mit seiner Familie in einer kleinen Wohnung in Copiapó. Er hat weder Arbeit noch Geld. Er warte darauf, dass «die Gespenster aus meinem Kopf verschwinden», erzählt er einem Journalist der «Süddeutschen Zeitung

Auch Kollege Reygadas hat seit der Bergung die Mine nicht mehr betreten. Er nimmt im Gegensatz zu Mamani die Sache etwas lockerer: Er sei gerade in Kanada gewesen, sagt er, und habe dort über «das Wunder von Copiapo» erzählt. Er schaue zu, dass er beschäftigt bleibe. Wenn es nicht Interviews sind, dann kümmert er sich um seinen Obstgarten. Nur wer nichts täte, sei in Gefahr, meint er: «Der bleibt hängen.»

(kle)