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Kontroverse in Chile
03. September 2010 07:10; Akt: 03.09.2010 12:50 Print
Nur Good News von oben
Den chilenischen Bergarbeitern scheint es viel besser zu gehen als noch vor zwei Wochen. Stimmt das tatsächlich, oder steckt eine Manipulationskampagne der Regierung dahinter?
Briefe aus der Tiefe.
Sie winken in die Kamera, sie lächeln und grüssen ihre Familien. Die jüngsten Bilder mit den 33 frisch rasierten und sauber gekleideten Verschütteten aus Chile gehen um die Welt und vermitteln den Eindruck, die Welt in der Atacama-Wüste sei plötzlich in Ordnung. Doch während sich die Rettungsteams in den Medien über die neuesten Erfolge in den schönsten Farben auslassen, ist eine riesige Kontroverse über die Kommunikation mit den Eingeschlossenen entbrannt.
Bildstrecken Ein Blick in 700 Meter Tiefe Infografik Grubenunglück in Chile Video
Chile: Warme Nahrung für die Bergleute
«Sie haben uns gesagt, wir sollten den Männern da unten keine Fragen stellen», sagt Carolina Lobos. Ihr Vater Franklin ist einer der seit dem 5. August verschütteten Bergarbeiter. Die 26-Jährige erzählte der britischen Zeitung «The Guardian», dass von der Regierung beauftragte Psychologen ihnen vorgeben, was sie ihren Angehörigen zu schreiben haben. «Wir sollen nur positive Ausdrücke verwenden», sagt sie, «und Dinge erzählen, die sie aufmuntern sollen.» Auch Scarlette Sepulveda, die in einem Blog über den Alltag in «Campamento Esperanza» berichtet, gab an, dass «nicht alle» Botschaften ihrem Vater Mario weitergeleitet würden.
Alle Inhalte werden kontrolliert
Tatsächlich ist es eine bewusste Strategie der chilenischen Regierung, den Männern die schlechten Nachrichten von oben zu ersparen. Die Psychologen helfen den Familien die Briefe zu gestalten. Schlechte Nachrichten werden nicht zugelassen; wenn Zeitungsartikel mitgeschickt werden, dann wird alles herausgeschnitten, was «aufwühlend oder verstörend» wirken könnte.
Die chilenischen Psychologen haben auch Einfluss auf das Bildmaterial, das unter die Erde geschickt wird. Die Filme, die die Männer über einen kleinen Projektor seit einigen Tagen sehen dürfen, werden sorgfältig ausgewählt.
Experten warnen
Für Nick Kanas ist das der falsche Ansatz. Als Experte im Bereich Psychologie im All hat er über zehn Jahre Erfahrung im Umgang mit Astronauten, die über längere Zeit im All isoliert sind. Kanas warnt die chilenischen Behörden davor, den Eingeschlossenen Informationen vorzuenthalten. «Ich würde nichts zensieren. Wenn man damit anfängt, sät man bald Misstrauen. Die Bergleute werden sich dann fragen: 'Was verbergen sie sonst noch vor mir?'», erklärt er.
Gefragt, was die Regierung zum 200. Jahrestag der Unabhängigkeit Chiles plane, sagte Pressesprecherin Ena Von Baer, dass am 18. September «alle» Chilenen um 12 Uhr die Nationalhymne singen werden. «Und wenn ich sage alle, dann meine ich jeden einzelnen Chilenen», betonte Von Baer. Die Minenarbeiter auch.
Der Präsident profitiert
Auch das sei «knifflig», meint All-Experte Kanas. «Es ist sicher gut, wenn man die Bergarbeiter einbezieht in das, was in der oberen Welt stattfindet. Aber man sollte aufpassen, «dass sie nicht das Gefühl bekommen, sie werden zum Vorteil anderer benutzt. Das würde alles kaputt machen.»
Zensur hin oder her, für Präsident Sebastián Piñera geht die Rechnung ohnehin auf. Der Politiker hat sich seit Beginn der Katastrophe mächtig ins Zeug gelegt – mit Erfolg: In einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage lag Piñera 10 Punkte über seinen bisherigen Werten. Nun weiss er 56 Prozent der Chilenen hinter sich.
(kle)



























