Kontroverse in Chile

03. September 2010 07:10; Akt: 03.09.2010 12:50 Print

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Den chilenischen Bergarbeitern scheint es viel besser zu gehen als noch vor zwei Wochen. Stimmt das tatsächlich, oder steckt eine Manipulationskampagne der Regierung dahinter?

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Carola Narvaez hält Tag um Tag Mahnwache für ihren Mann Raul Bustos. Erst im Februar dieses Jahres hatte die Familie das furchtbare Erdbeben im Süden Chiles überlebt. «Wir haben bereits einen Schicksalsschlag überlebt. Jetzt werden wir ein zweites Happy End erleben», schreibt sie ihrem Liebsten. Der 44-jährige Esteban Rojas Carrizo ist seit 25 Jahren mit seiner Yessica verheiratet – aber nur standesamtlich. In einem Brief machte er ihr nun einen Heiratsantrag: «Wenn ich nach oben komme, wenn Gott es erlaubt, gehen wir das Hochzeitskleid kaufen und heiraten kirchlich.» Der Zettelverkehr durch den schmalen Kanal ist rege. Auch Rojas' Bruder schickt Hoffnungsbotschaften in die Tiefe: «Wir warten auf euch und lieben euch.» «Hallo Papi, ich bins, Romina. Ich freue mich so, dass er dir gut geht. Es ist eine der grössten Freuden, die ich je hatte», schrieb die 20-jährige Romina Gomez ihrem Vater Mario. «Wir haben hier oben ein kleines Fest gemacht. Wir sind mit euch und warten auf eure Rückkehr. Wir lieben dich Papi, Romina», stand auf dem Zettel, der mit einer Versorgungssonde in die Tiefen des Berges geschickt wurde. Auch ihre Schwester Lilianett ... ... und die Enkelin des Verschütteten, Marion Gallardo, erzählen ein bisschen, was an der Oberfläche passiert. Sie machen ihnen Mut und bitten sie, ruhig zu bleiben. Mario Gomez' Ehefrau Liliana Ramirez war die Erste, die eine Nachricht aus dem Schutzraum erhielt: «Geliebte Lila, mir geht es gut.» «Er schreibt, dass er mich liebt. So etwas hat er mir noch nie gesagt, nicht einmal während unserer Verlobung war er so romantisch», erzählt sie unter Tränen. Kurz zuvor hatte eine andere Nachricht des 63-Jährigen für Fassungslosigkeit gesorgt: Mit rotem Stift hatte er auf einen Zettel geschrieben, dass er und seine Kumpel noch leben. Mario Gómez ist der älteste der 33 Bergleute, die seit drei Wochen in einem Bergwerk in Chile verschüttet sind – und die Symbolfigur für deren Überlebenswillen. Auf zahllosen T-Shirts findet sich mittlerweile die Überlebensnachricht. Die Psychologen warnten inzwischen vor einer Briefflut. «Den Kontakt zu den Verwandten sollte man schrittweise angehen, damit die Leute dort unten nicht in Stress geraten.» In einer ersten Phase würden nur kurze Botschaften zugelassen. Erst später dürften die Angehörigen längere Briefe schreiben. Danach werden Sprachnachrichten erlaubt und erst dann werden die Angehörigen mit ihren Liebsten direkte Funkverbindung haben dürfen.

Briefe aus der Tiefe.

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Sie winken in die Kamera, sie lächeln und grüssen ihre Familien. Die jüngsten Bilder mit den 33 frisch rasierten und sauber gekleideten Verschütteten aus Chile gehen um die Welt und vermitteln den Eindruck, die Welt in der Atacama-Wüste sei plötzlich in Ordnung. Doch während sich die Rettungsteams in den Medien über die neuesten Erfolge in den schönsten Farben auslassen, ist eine riesige Kontroverse über die Kommunikation mit den Eingeschlossenen entbrannt.

«Sie haben uns gesagt, wir sollten den Männern da unten keine Fragen stellen», sagt Carolina Lobos. Ihr Vater Franklin ist einer der seit dem 5. August verschütteten Bergarbeiter. Die 26-Jährige erzählte der britischen Zeitung «The Guardian», dass von der Regierung beauftragte Psychologen ihnen vorgeben, was sie ihren Angehörigen zu schreiben haben. «Wir sollen nur positive Ausdrücke verwenden», sagt sie, «und Dinge erzählen, die sie aufmuntern sollen.» Auch Scarlette Sepulveda, die in einem Blog über den Alltag in «Campamento Esperanza» berichtet, gab an, dass «nicht alle» Botschaften ihrem Vater Mario weitergeleitet würden.

Alle Inhalte werden kontrolliert

Tatsächlich ist es eine bewusste Strategie der chilenischen Regierung, den Männern die schlechten Nachrichten von oben zu ersparen. Die Psychologen helfen den Familien die Briefe zu gestalten. Schlechte Nachrichten werden nicht zugelassen; wenn Zeitungsartikel mitgeschickt werden, dann wird alles herausgeschnitten, was «aufwühlend oder verstörend» wirken könnte.

Die chilenischen Psychologen haben auch Einfluss auf das Bildmaterial, das unter die Erde geschickt wird. Die Filme, die die Männer über einen kleinen Projektor seit einigen Tagen sehen dürfen, werden sorgfältig ausgewählt.

Experten warnen

Für Nick Kanas ist das der falsche Ansatz. Als Experte im Bereich Psychologie im All hat er über zehn Jahre Erfahrung im Umgang mit Astronauten, die über längere Zeit im All isoliert sind. Kanas warnt die chilenischen Behörden davor, den Eingeschlossenen Informationen vorzuenthalten. «Ich würde nichts zensieren. Wenn man damit anfängt, sät man bald Misstrauen. Die Bergleute werden sich dann fragen: 'Was verbergen sie sonst noch vor mir?'», erklärt er.

Gefragt, was die Regierung zum 200. Jahrestag der Unabhängigkeit Chiles plane, sagte Pressesprecherin Ena Von Baer, dass am 18. September «alle» Chilenen um 12 Uhr die Nationalhymne singen werden. «Und wenn ich sage alle, dann meine ich jeden einzelnen Chilenen», betonte Von Baer. Die Minenarbeiter auch.

Der Präsident profitiert

Auch das sei «knifflig», meint All-Experte Kanas. «Es ist sicher gut, wenn man die Bergarbeiter einbezieht in das, was in der oberen Welt stattfindet. Aber man sollte aufpassen, «dass sie nicht das Gefühl bekommen, sie werden zum Vorteil anderer benutzt. Das würde alles kaputt machen.»

Zensur hin oder her, für Präsident Sebastián Piñera geht die Rechnung ohnehin auf. Der Politiker hat sich seit Beginn der Katastrophe mächtig ins Zeug gelegt – mit Erfolg: In einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage lag Piñera 10 Punkte über seinen bisherigen Werten. Nun weiss er 56 Prozent der Chilenen hinter sich.

(kle)