Chilenische Mine

30. September 2010 12:06; Akt: 30.09.2010 13:55 Print

Bergarbeiter fordern 27 MillionenBergarbeiter fordern 27 Millionen

Familienangehörige von 27 der insgesamt 33 verschütteten Bergleute wollen Schadensersatz in Höhe von einer Million Dollar pro Arbeiter einklagen. Ein Erfolg scheint mehr als fraglich.

Bildstrecke im Grossformat »
Am 16. Oktober 2010 veröffentlichte das chilenische Militär die letzten Fotos der Mineure vor deren Bergung. Kurz bevor sie am 13. Oktober mit einer Stahlkapsel an die Oberfläche gehievt wurden, untersuchten sie sechs Notfallretter, ... ... die Stunden zuvor zu ihnen heruntergelassen worden waren. Die Retter bereiteten die 33 Verschütteten auf die Fahrt in die Freiheit vor. Sie warteten mit den Männern auf die Kapsel und ... ... bestimmten die Reihenfolge, in welcher sie an die Oberfläche kommen sollten. 29. September 2010: Die 33 verschütteten Bergarbeiter schaufeln sich frei. Sie sollen bis zu 4000 Tonnen Geröll beiseite schaffen, ... ... das durch die Bohrung des Rettungsschachts hinabfällt. Dafür arbeiten sie in Schichten rund um die Uhr. Inzwischen haben Familienangehörige von 27 der insgesamt 33 Männer eine Schadenersatzklage in Höhe von einer Millionen Dollar pro Arbeiter eingereicht. Die Entschädigungsforderung solle die Arbeiter absichern, wenn sie nach der Rettung nicht mehr arbeiten könnten. Ob sie damit durchkommen, ist allerdings mehr als fraglich. Schock im Schutzraum: Am 22. September 2010 löste sich einer der Bohrköpfe, die seit Tagen fast rund um die Uhr für die Rettung der Kumpel eingesetzt werden, ... ... und krachte durch den Bohrschacht hinunter. Zum Glück wurde keiner dabei getroffen. Um den Bohrkopf zu suchen, wurde eine hochauflösende Spezialkamera in den Schacht hinuntergelassen. Dabei entstanden erstmals sensationelle neue Bilder der Kumpel. Eine erste Vorbohrung ist am 17. September 2010 bis in einen Werkstattraum in 630 Meter Tiefe vorgedrungen. Die Bergarbeiter, die seit 46 Tagen in dem Stollen verschüttet sind, haben zu der Werkstatt Zugang. Der Bohrdurchbruch, pünktlich zu den 200-Jahrfeiern der Unabhängigkeit, hat Chile in einen Freudentaumel versetzt. Gemeinsam mit ihren Landsleuten sangen die in einer kleinen Mine verschütteten Kumpel am Samstag die Nationalhymne. In einer gefühlsgeladenen Zeremonie hissten ihre Angehörigen neben der Mine eine chilenische Flagge ... ... mit den Unterschriften der Eingeschlossenen. «Dass sie zusammen eine Unabhängigkeitsfeier organisierten und die Fahne unterschrieben, ist ein Vorbild von Kraft und Standhaftigkeit», erklärte ein Psychologe den Medien. Den Erfolg schreibt er den «positiven Aktionen als Einzelne und als Gruppe» zu. Eine willkommene Abwechslung sollte am 7. September den Bergleute geboten werden: Ein Freundschaftsspiel zwischen der chilenischen Nationalmanschaft und der Auswahl aus der Ukraine wurde über eine Fiberglasleitung live in die Rettungskammer übertragen. Claudio Yanez, einer der 33 eingeschlossenen Bergleute, spricht am 5. September mit seiner Tochter und seiner Frau. Der eingeschlossene Mario Sepulveda (links) spricht mit einem Mineur über Tag. Ein neues rund dreiminütiges Video wurde am 1. September 2010 in Chile veröffentlicht. In dieser Aufnahme wirken die 33 Männer im Vergleich zu einem ersten Video gestärkt und gut gelaunt. Während die Männer vor fast einer Woche noch unrasiert, verschmutzt und mit blossen Oberkörpern in 700 Meter Tiefe in die Minikamera sahen, ... ... erscheinen sie nun rasiert, besser ernährt und tragen rote Hemden. In der Aufnahme ohne Ton winken sie in die Kamera. Sie lächeln und ... ... scheinen guter Dinge zu sein. Die Männer wurden vom Ärzteteam aufgefordert, täglich vier Liter Wasser zu trinken. Am 29. August 2010 hatten die verschütteten Bergleute erstmals telefonischen Kontakt mit ihren Angehörigen aufnehmen können. Bislang konnten sich die Eingeschlossenen und ihre Angehörigen nur über einen Verbindungsschacht Briefe schicken. Die Bergungskräfte liessen jeden der 33 Arbeiter eine Minute lang mit einem Familienmitglied sprechen. Damit solle der Durchhaltewillen der Eingeschlossenen gestärkt werden. Die meisten dankten ihren Familien und den Einsatzkräften für die Unterstützung. Allerdings brachen viele in Tränen aus, als sie ihre Frauen und Kinder oder ihre Eltern grüssten. Die Angehörigen zeigten sich anschliessend ermutigt durch die «Kraft und Entschlossenheit» der Verschütteten. Zwei Tage zuvor, am 27. August, hatten Verwandte und Journalisten erstmals Bilder der Männer erhalten. Die Männer wirkten dabei hoffnungsvoll und aufgestellt. Zwar haben die Verschütteten erheblich an Gewicht verloren, doch wollen die Helfer sicherstellen, dass sie bis zur Bergung nicht stark zunehmen. Die Männer dürfen einen Leibesumfang von höchstens 90 Zentimetern haben, wenn sie es durch den Rettungsschacht schaffen wollen. Dieser Schacht wird einen Durchmesser von rund 66 Zentimetern haben, in etwa so viel wie ein Fahrradreifen. Das ergibt zwar einen Umfang von gut zwei Metern, doch gilt es auch noch den Rettungskorb zu bedenken, in dem die Männer einer nach dem anderen ans Tageslicht gehievt werden sollen. Seit dem 31. August sind die 33 Männer länger in der Tiefe eingeschlossen als jemals andere Bergleute vor ihnen. Nur wenige Rettungsaktionen dauerten länger als zwei Wochen. Das stellt auch die Helfer vor nie dagewesene Probleme: Wie hilft man den Eingeschlossenen und auch ihren bangenden Familien, die Zeit bis zur Rettung zu überstehen? Chile bat die NASA um wissenschaftlichen Rat, was die Lebensumstände generell und eine möglicherweise hilfreiche Technik angeht. Mit ihrer langen Erfahrung im Umgang mit Astronauten im All könne die NASA Hinweise geben, wie man Eingeschlossenen psychologische Unterstützung bietet. Ausserdem könnten sie helfen, einen Trainingsplan zu entwerfen, um Muskelschwund zu verhindern. Damit sie bis dahin gesund und fit bleiben, sind nach Angaben von Gesundheitsminister Jaime Mañalich Bewegung und andere Aktivitäten angesagt. Psychologischer Beistand ist besonders wichtig, vor allem angesichts der langen Wartezeit bis zur Rettung. Ein NASA-Experte empfahl, die Aussenkontakte zu intensivieren. Routine in den Tagesablauf zu bringen sei ebenso wichtig wie Ablenkung zu finden. Das Rettungsteam entwarf ein Unterhaltungsprogramm, zu dem auch Singen, Bewegungsspiele und Kartenspiele gehörten. «Wir wollen, dass sie Lieder aufnehmen, Videos drehen, sich Theaterstücke für die Familie ausdenken.» Bei hoher Luftfeuchtigkeit und über teilweise 35 Grad Raumtemperatur müsse man in erster Linie die Entwicklung von Krankheiten vorbeugen. Die Männer wurden vom Ärzteteam aufgefordert, täglich vier Liter Wasser zu trinken. Nur so können sie eine allfällige Dehydration vermeiden. Aus medizinischer Sicht ist es demnach vorrangig, die Kalorienaufnahme zu erhöhen und für einen regelmässigen Schlafrhythmus zu sorgen. Manche Fachleute rechnen mit 25 bis 30 Tagen, andere mit bis zu vier Monaten. Bei dieser Aussicht dürfte es schwerfallen, zuversichtlich zu bleiben. Wie lange genau, ist umstritten. Angehörige glauben, dass die Behörden mit Zeitangaben absichtlich grosszügig sind, damit niemand enttäuscht ist, wenn es Probleme gibt. Die Kumpel wüssten aber sehr wohl, dass sie noch warten müssten, sagte Lilianett Gomez, deren Vater Mario unter Tage ist. «Sie wissen, wie lange es dauert, bis sie gerettet werden. Als Bergleute kennen sie das Vorgehen sehr gut.»

  • Artikel per Mail weiterempfehlen
Zum Thema
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Die Forderung von insgesamt 27 Millionen Dollar werde sich gegen die Eigentümer der Mine sowie gegen den chilenischen Staat richten, sagte die Bürgermeisterin der Stadt Caldera, Brunilda González, am Mittwoch. Sie hatte die Angehörigen zu dem Schritt ermutigt.

Die Entschädigungsforderung solle die Arbeiter und deren Familien absichern, wenn sie nach der Rettung nicht mehr in der aus Sicherheitsgründen geschlossenen Mine San José in der Atacama-Wüste arbeiten könnten und deshalb arbeitslos würden, sagte die Bürgermeisterin. Allerdings gilt es als unwahrscheinlich, dass ein Gericht in Chile Schadenersatz in dieser Höhe zusprechen werde.

Bewilligung erhalten - trotz Sicherheitsmängel

Die staatliche Aufsicht über die Bergbauindustrie ist in dem liberalen Musterland Chile nur schwach entwickelt. So war die Mine San José schon 2007 wegen mehrerer Arbeitsunfälle und genereller Sicherheitsmängel geschlossen worden.

Ein Jahr später hatte die Aufsichtsbehörde Sernageomin den Betrieb jedoch wieder zugelassen. Dabei habe man sich auf den «guten Willen» der Eigentümer verlassen, räumte der frühere Vizedirektor der Behörde, Exequiel Yanes, ein.

Die 33 Bergleute sind seit dem 5. August in 700 Meter Tiefe verschüttet, werden über enge Röhren mit dem Nötigsten versorgt und sollen möglichst ab Mitte Oktober durch einen Rettungsschacht an die Oberfläche gezogen werden.

(sda)