Gerettete Kumpel

14. Oktober 2010 13:01; Akt: 14.10.2010 14:34 Print

Der Held unter den 33Der Held unter den 33

Als der Schacht einbrach und die chilenischen Bergleute Hunderte Meter tief unter 700 000 Tonnen Felsgestein festsassen, hatten sie eigentlich keine echte Chance auf Rettung. Doch zum Glück hatten sie Luis Urzua.

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Die Show ist vorbei: Als Allerletzter steigt Retter Manuel Gonzalez am frühen Morgen des 14. Oktober 2010 in die Rettungskapsel. Er verbeugt sich vor der Kamera und verabschiedet sich von über einer Milliarde Zuschauer, die das Drama verfolgt hatten. Die Bergungsaktion in der Gold- und Kupfermine San José hat damit ihr endgültiges Ende gefunden. Das Unternehmen dauerte insgesamt knapp 24 Stunden. Alle 33 verschütteten Bergleute sind erfolgreich geborgen worden. Die sechs Rettungshelfer, die sich zu den verschütteten Bergleuten in Chile begeben hatten, warten noch darauf, hinaufgeholt zu werden. Als letzter Bergarbeiter entstieg Schichtleiter Luis Alberto Urzua der schmalen Rettungskapsel. Urzua, Kumpel Nummer 33, sagte nach seiner Rettung: «Wir haben getan, worauf die gesamte Welt gewartet hat.» Der Vorletzte: Ariel Ticona war in unterirdischer Gefangenschaft Vater geworden. Seine Tochter erhielt den Namen Esperanza (Hoffnung). Pedro Cortez wird als 31. gerettet. Bald ist alles vorbei. Der 30. Kumpel: Raúl Bustos Ibáñez überlebte im Februar das Erdbeben in Chile. Der Wasserbauingenieur verlor aber seine Stelle in einer Werft und begann im Bergwerk San José zu arbeiten. Der Vorarbeiter war während den 69 Tagen zuständig für den Wasservorrat. Nummer 29: Juan Carlos Aguilar war der Aufseher einer der drei Schichten. Kumpel Nummer 28. Richard Villarroel Godoy, 27 Jahre. Der Mechaniker arbeitete seit zwei Jahren unter Tage. Der frühere Profi-Fussballer Franklin Lobos Ramírez ist der 27. gerettete Kumpel. Er fuhr täglich die Bergarbeiter im Bus zur Arbeit. Claudio Acuña ist Kumpel Nummer 26. Der Fussballfan will seine Freundin nach der glücklichen Rettung heiraten. Langes Bangen bei der Familie Avalos: Renán wurde als 25. gerettet. Sein Bruder Florencio wurde viele Stunden zuvor als erster geborgen. José Henríquez González ist Kumpel Nummer 24: Der 54-Jährige ist seit 33 Jahren verheiratet, arbeitet 33 Jahre in der Mine. Er formte eine Gebetsgruppe unter Tage und galt als geistlicher Führer während den über zwei Monaten in der Tiefe. Der 23. Kumpel: Carlos Bugueño Alfaro, 27 Jahre alt: War vor der Minenarbeit Wachmann. Nummer 22. heisst Samuel Ávalos. Der 43-Jährige war Strassenverkäufer und hoffte in der Mine auf ein besseres Schicksal. Kumpel Nummer 21: Yonni Barrios. Der «Krankenpfleger» unter Tage, genannt auch «Dr. House». An der Oberfläche wartet ein turbulentes Privatleben auf ihn: Seine Frau und seine Liebhaberin lernten sich während der Wochen des Bangens kennen. Empfangen wurde er von der Geliebten. «Danke für alles!» Pablo Rojas reisst die Arme in die Höhe, lässt sich feiern. Er entstieg als Neunzehnter der Kapsel. Ein Danke in den Himmel: Esteban Rojas geht als Minenarbeiter 18 in die Geschichte ein. Nach seiner Ankunft kniet er nieder und betet. Er ist zurück im Leben. Omar Reygadas, als Siebzehnter aus der Tiefe gerettet, wurde in Copiapó zum vierten Mal verschüttet. Sein Bruder war bei der Bergung von Reygadas mit der Kamera hautnah dabei. Minenarbeiter Nummer 16 hat es geschafft. Daniel Herrera fällt seiner weinenden Mutter in die Arme. Herrera war als Lastwagenfahrer eingesetzt, als die Mine einstürzte. Der bolivianische Präsident Evo Morales war auch zur Mine gekommen, um den einzigen Ausländer unter den Geretteten - den Bolivianer Carlos Mamani- zu treffen. Jose Ojeda, 2.v.l., Mario Gomez, Claudio Yanez, und Carlos Mamani, steigen aus dem Helikopter, der sie nach ihrer Rettung ins Spital von Copiapó brachte. Victor Segovia (mit rotem Helm), als Fünfzehnter aus der Mine gezogen, ist der Bohrexperte der Gruppe - und ein sensibler Mann. «Er schreibt sehr gerne und kann sich so am besten ausdrücken», sagte seine Ex-Frau den Medien. Als Nummer 14 ist Victor Zamora aus der Kapsel gestiegen. Er ist der inoffizielle Witzbold der Gruppe. An seine Frau schrieb er einmal, dass er glücklich sei in über 600 Metern Tiefe – so müsse er nicht jeden Tag duschen. Als dreizehnter Mann wurde Carlos Barrios ans Tageslicht geholt. Wie seine Kameraden wurde auch er beim Verlassen der Rettungskapsel mit Jubel, Applaus und «Chi, Chi, Chi - Le, Le, Le»-Rufen begrüsst. Edison Peña ist Kumpel Nummer Zwölf: Zuerst nimmt der 34-Jährige seine Frau in die Arme und bedankt sich bei den Rettern, dass sie ihn hier lebendig herausgeholt haben. Kumpel Nummer Elf ist draussen: Jorge Galleguillos wurde am 13. Oktober zum dritten Mal aus der Mine San Jose gerettet. Der grosse Moment für Alex Vega und seine Angehörigen ist da: Der zehnte Kumpel ist oben angekommen. Der älteste Kumpel ist gerettet: Mario Gomez, das «Sorgekind» des Rettungsteams ist um 12.59 Uhr an der Oberfläche angekommen. Noch während er abtransportiert wird, reckt Mario Gomez die Faust. Er hat es geschafft. 12:04 Uhr schafft es auch Kumpel Nummer acht an die Oberfläche: Claudio Yáñez Lagos sieht abgekämpft, aber glücklich aus. Daumen hoch: Er hat seiner Freundin versprochen sie zu heiraten, sobald er aus der Mine raus ist. Lange und innig umarmt er seine Tochter und seine Freundin (im Hintergrund). Er wollte ursprünglich noch diesen Monat mit dem Job in der Mine aufhören, der Unfall kam ihm dazwischen. José Ojeda kommt als siebter Kumpel an die Erdoberfläche. Trotz allem sieht der Gerettete im ersten Moment nicht glücklich aus. Er kämpft mit seinen Emotionen. Jubel bei der Familie von Osman Araya: Der 30-jährige Vater von vier Kindern ist frei. Kumpel Nummer Sechs ist wohlauf und überglücklich. Florencio Avalos bei seiner Ankunft im Spital von Copiapó. Auch Mario Sepúlveda ist dabei. Avalos und Sepúlveda, die ersten beiden geretten Kumpel, wurden mit dem Helikopter ins Spital geflogen. Dort sollen sie gründlich untersucht werden. Nach der fünften Bergung wird die Kapsel für Reparaturarbeiten herausgezogen. Auch die Sauerstoffflaschen im Inneren der Kapsel werden ausgewechselt. Das bange Warten geht weiter: Um 9.20 Uhr sind erst fünf von 33 Kumpels an der Oberfläche. Nummer fünf ist oben: Jimmy Sanchez. Der 19-Jährige war der jüngste Kumpel unter Tage. Die 69 Tage unter der Erde hat er offenbar gut weggesteckt: Er ist locker und unterhält sich belustigt mit den Helfern. Vater und Sohn wieder vereint: Jimmy Sanchez wird von Papa begrüsst. Nummer Vier ist oben: Carlos Mamani. Er ist überglücklich und bedankt sich bei allen Helfern. Der Bolivianer Carlos Mamani ist der einzige Ausländer in der Mine gewesen. Florencio Avalos wird nach der ersten Begrüssung in seinem Container medizinisch betreut. Auch Mario Sepulveda, der zweite gerettete Kumpel, wird untersucht. Um 07.09 Uhr wurde Juan Illanes an die Oberfläche geholt. Er scheint äusserlich bester Gesundheit. Dennoch wird er nach der ersten Begrüssung auf eine Trage geschnallt und von Sanitätern zur Erstuntersuchung gefahren. Mario Sepulveda ist der zweite gerettete Kumpel. Um 06.10 Uhr Schweizer Zeit wurde er an die Oberfläche gezogen. Überglücklich nimmt er unter dem Applaus der Umherstehenden seine Frau in den Arm. Dann verteilt er aus der Tiefe mitgebrachte Geschenke. Der 31-jährige Florencio Avalos erreichte mit Hilfe einer Rettungskapsel unter dem Jubel von zahlreichen Angehörigen die Erdoberfläche. Die rund vier Meter lange Kapsel mit einem Durchmesser von 53 Zentimeter brachte ihn kurz nach Mitternacht Ortszeit (05.12 Uhr Schweizer Zeit) an die Oberfläche. Avalos wirkte beim Aussteigen aus der Kapsel ruhig und bei guter Gesundheit. Als erstes umarmte er Familienangehörige, dann auch den chilenischen Präsidenten Sebastián Piñera, der am Rettungsschacht auf ihn gewartet hatte. Anschliessend begab er sich zur ärztlichen Kontrolle. Die Rettungsaktion war am Dienstag Ortszeit wegen zusätzlich notwendiger Installationen und Tests zunächst um zwei Stunden verschoben worden. Bei der ersten unbemannten Testfahrt wurde die Kapsel leicht beschädigt, so dass sich die Rettungsaktion weiter verzögerte.

Das Drama von Copiapó in Bildern.

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Mit all seiner Geistesgegenwart, Erfahrung und Führungskraft half der 54-jährige Schichtleiter seinen Leuten, ruhig und überlegt zu bleiben und 17 endlose Tage zu überstehen, bis die Retter zu ihnen vorstiessen. Kein Wunder, dass er nach über zwei Monaten Gefangenschaft dann auch erst ausfuhr, als alle Männer in Sicherheit waren – wie ein Kapitän, der sein Schiff als letzter verlässt.

Urzua hatte mit seinem Charakter auch das Rettungsteam beeindruckt. «Der Typ muss etwas Spezielles haben», sagte Alberto Iturra, Leiter des Psychologenteams, der später regelmässig mit Urzua sprach. «Es ist nicht einfach, eine Gruppe von 33 Männern in einer verzweifelten Lage und mit nur zwei Esslöffeln Thunfisch am Tag über 17 Tage ruhig zu halten.»

«Das darf nie wieder passieren»

Um 21.46 Uhr (Ortszeit) am Mittwoch verabschiedete sich der «Jefe» mit Handschlag und Umarmung von den zur Hilfe gekommenen Rettern, kletterte in die enge Rettungskapsel und wurde durch den schmalen Schacht hochgezogen. Elf Minuten später erreichte er unter Jubel, Beifall und Freudengesang die Oberfläche. «Wir haben getan, worauf die ganze Welt gewartet hat», sagte er zu Staatspräsident Sebastián Piñera. «Die 70 Tage, die wir so hart gekämpft haben, waren nicht vergebens.»

Der Präsident begrüsste den Vorarbeiter quasi von Chef zu Chef. «Sie sind erlöst, kommen zuletzt heraus wie ein guter Capitán», sagte Piñera. Er wisse gar nicht, wie alle Chilenen mit dem Verschütteten gelitten, gehofft und sich gefreut hätten. «Sie sind nicht mehr dieselben, und dieses Land ist danach nicht mehr dasselbe», sagte der Präsident. «Sie waren ein Vorbild.»

Urzua liess sich aber nicht die Gelegenheit nehmen, um über die schlechten Arbeitsbedingungen der Mineure zu warnen: «Das darf nie wieder passieren», sagte er, bevor er zu seiner Frau und seiner Tochter ging und sie umarmte. Seite an Seite stimmte er dann mit Piñera die Nationalhymne an.

«Wir hatten nur wenig zu essen»

Robinson Marquez hat früher einmal zusammen mit Urzua im Bergwerk Punta del Cobre in der Nähe gearbeitet. «Er beschützt seine Leute und hat sie offensichtlich gern», sagte er über seinen alten Kollegen. Niemals wäre er gegangen, so lange sie nicht alle in Sicherheit waren.

Als sich nach dem Felssturz der Staub gelegt hatte und die Männer erkennen konnten, dass tonnenweise Gestein den Ausweg blockierte, war Urzua schon klar, dass eine Rettung länger dauern würde. «Manche dachten, das werden zwei Tage. Aber als ich das sah, wusste ich es besser», sagte er. Unter seiner Führung streckten die Männer mit eiserner Disziplin eine für 48 Stunden gedachte Notration über zweieinhalb Wochen. Bis der Bohrer von oben durchkam, nahmen sie nur winzige Schlucke Milch und alle zwei Tage ein Häppchen Thunfisch zu sich, statt alles gleich zu verspeisen.

«Wir hatten nur wenig zu essen», sagte der Vorarbeiter. «Gott sei Dank konnten wir widerstehen.» Sparsam gingen sie auch mit ihren Helmlampen um, ihrer einzigen Lichtquelle abgesehen von ein paar Grubenfahrzeugen. Sie liessen einen Bulldozer an, um an ein Wasservorkommen heranzukommen, benutzten die Fahrzeuge sonst aber kaum, um die verfügbare Atemluft nicht zu verschmutzen.

«Alle wollten nur den Bohrkopf umarmen»

Als endlich eine kleine Bohrung ihren Schutzraum erreichte, waren die Männer nach Urzuas Schilderung so begeistert, dass «jeder den Bohrkopf umarmen wollte». Wie sie die Lebensmittel rationiert und wie sie sich überhaupt in dieser Krise verhalten hätten, sei vorbildlich für alle gewesen, sagte Bergbauminister Laurence Golborne damals nach einem ersten Telefonat mit den Eingeschlossenen. Er lobte ihre Stärke, ihren Durchhaltewillen und ihre gute Organisation. Urzua sprach nach dem Einsturz als Erster mit Piñera und bat nachdrücklich, ihn und seine Leute nicht im Stich zu lassen. «Lassen Sie uns nicht allein!», beschwor er den Präsidenten.

Sein früherer Arbeitskollege beschrieb Urzua als «einen ruhigen Menschen, einen Profi», eine geborene Führungspersönlichkeit. «Das ist seine Art», sagte Marquez. «Das ist seine Begabung.»

(kle/AP)