Streit im Stollen

18. Oktober 2010 13:30; Akt: 19.10.2010 07:53 Print

Der Pakt der KumpelDer Pakt der Kumpel

Kurz bevor die chilenischen Mineure geborgen wurden, trafen sie eine Abmachung: Keiner darf die Intimitäten eines anderen verbreiten. Doch einer muss sich nicht daran halten.

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Mit einem Feuerwerk feiern am 14. Oktober 2011 17 der geretteten chilenischen Kumpel den Jahrestag. Die Bergleute sind in ihrer Heimat immer noch sehr gefragt. «Ich will Gott dafür danken, dass er uns geschützt hat», die Zeremonie fand genau ein Jahr nach dem Unglück statt. Am 25. Oktober 2010 zeichnete Präsident Sebastián Piñera die Kumpel bei einer feierlichen Zeremonie im Präsidentenpalast La Moneda in der Hauptstadt Santiago mit dem Orden Bicentenario (200. Jahrestag der Unabhängigkeit) aus. Tausende Chilenen empfingen die inzwischen zu Stars gewordenen Bergarbeiter vor dem Präsidentenpalast. Die Bergleute nahmen ein Bad in der Menge und zeigten sich überwältigt von dem Empfang. Einige stiegen zum ersten Mal wieder in die Kapsel, die seit Tagen in Santiago ausgestellt wird. Ein Teil der Bergarbeiter tauschte danach den schwarzen Anzug mit Krawatte gegen Sportkleidung und trat in einem Freundschaftsspiel gegen eine Regierungsmannschaft an. Das Team «Camp Hoffnung», das aus den Bergleuten gebildet wurde, hängte das «Team Rettungseinsatz» zunächst klar ab. Der ehemalige Fussballprofi unter den Kumpeln, der 55-jährige Franklin Lobos, erzielte gleich zwei Treffer. Doch die Mannschaft aus Rettungskräften, Ministern und dem Präsidenten holte auf und siegte schliesslich mit 3:2 Toren. Der sonst «starke» Mario Sepulveda (links) klagte an einem Galadinner am 19. Oktober mit dem chilenischen Unternehmer Leonardo Farkas (Mitte), wie schwer ihm «dieses neue Leben» falle. «Wenn ich an die schönen Augenblicke zurückdenke, die wir in der Mine erlebt haben, und an die Menschen, die ich lieben lernte, würde ich lieber wieder dort unten sein.» Am 21. Oktober brach Victor Segovia sein Schweigen. «Immer wieder hat irgend einer geweint. Auch ich», gab er zu. In der Gruppe habe sich schnell eine Hierarchie gebildet. Schichtleiter Luiz Urzua habe allerdings die meiste Zeit geschwiegen. Die Chefrolle habe der 40-jährige Mario Sepulveda übernommen. Am 20. Oktober kommt es zu einer überraschenden Wende: Kumpel Juan Illanes erzählt dem chilenischen Abgeordneten Carlos Vilches, der einer parlamentarischen Kommission zur Ermittlung der Unglücksursache angehört, dass den 33 Männern trotz verdächtiger Geräusche am Tag des Einsturzes die Rückkehr ans Tageslicht verweigert worden war. Franklin Lobos sagte in seinem ersten Interview, er fühle sich nicht als Held, sondern eher als «Opfer von skrupellosen Minenbesitzern». Er habe manchmal gedacht, dass man ihn aus Kostengründen nicht aus der Mine retten würde. «Es wäre billiger gewesen, uns dort unten sterben zu lassen.» Am 18. Oktober 2010 erzählte Osman Araya den Medien von den ersten Tagen im Schacht: «Am Schlimmsten war die Langeweile. Es gab ja keinen Tagesablauf, nichts, was man hätte tun können.» Vier der Kumpel hätten am Anfang den Lebensmut verloren, sagte Araya. «Sie lagen einfach da; es war, als stünde der Tod direkt vor ihnen.» Die anderen hätten sie aufgemuntert. Namen nennt Araya nicht. Am 18. Oktober wurde bekannt, dass die Kumpel kurz vor ihrer Bergung eine Abmachung getroffen hatten: Keiner dürfe die Intimitäten eines anderen ausplaudern. Die eingeschlossenen Kumpel hatten beschlossen, der Presse niemals über die Erfahrungen der restlichen 32 Männern zu erzählen. Jeder darf nur über sich selbst und seine eigenen Erlebnisse berichten. Der 50-jährige Yonni Barrios erzählte nach seiner Entlassung aus dem Spital in Copiapó: «Es gab da unter Tage keine Anführer. Wir waren eine demokratische Gruppe. Immer wenn wir eine Entscheidung treffen mussten, haben wir abgestimmt.» Der Gedanke an seine Lebensgefährtin habe ihm Kraft gegeben, sagte Barrios. «Mehrere Male hatte ich alle Hoffnung verloren. Aber ein Mensch braucht immer einen Grund, um weiter zu kämpfen. Und sie war mein Grund.» Der 23-jährige Richard Villaroel erzählte am 17. Oktober in einem ersten Interview: «Wir schwanden dahin, wir waren so dünn. Unsere Körper frassen sich selbst auf.» Edison Peña und Carlos Mamani waren die Ersten, die bereits einen Tag nach der erfolgreichen Bergung ... ... von ihren Nachbarn mit Applaus begrüsst wurden. Peña sagte: «Ich dachte, ich würde niemals zurückkehren.» Die ersten drei der 33 geretteten Bergleute sind nach einem Krankenhausaufenthalt zu ihren Familien zurückgekehrt. Das Staatsfernsehen zeigte, wie die Männer die Klinik in Copiapó verliessen und in einen weissen Kleinbus stiegen. In den nächsten Tagen sollten noch weitere Kumpel nach Hause kommen. In Bademänteln des Spitals posierten die Männer am 14. Oktober für ein Gruppenfoto mit Präsident Sebastián Piñera. Über das Minenunglück und die dramatische Rettung erscheint im kommenden Jahr ein Buch. Ihre Bergung nach 69 Tagen bangen Wartens sei eine «erhebende und fesselnde» Geschichte im Gegensatz zu den Tragödien und der Not, die üblicherweise die Nachrichten dominierten, erklärte der Präsident des US-Senders Discovery. Geplant ist bereits eine Reality-Show über Bergbau. Discovery hat ein Special für Ende Oktober über die Ereignisse in Chile angekündigt. Dem Sender ABC brachte ein Special über die Rettung der Kumpel am Tag der Bergung so viele Zuschauer ein wie noch nie in den vergangenen zehn Monaten. Und als der erste gerettete Kumpel ans Tageslicht geholt wurde, sahen bei CNN, Fox News und MSNBC 10,6 Millionen Menschen zu. Das sind mehr als viermal so viele Zuschauer wie die Sender üblicherweise alle zusammen zu dieser Zeit erreichen. Der Journalist Jonathan Franklin wird zudem ein Buch über die Rettung der 33 Arbeiter und das vorangegangene menschliche Drama schreiben. «The 33» soll demnach Anfang 2011 in Grossbritannien erscheinen. Und auch die Bergarbeiter und ihre Angehörigen dürften finanziell von dem Hype um ihre Geschichte profitieren. Auch wenn Fernsehsender für Interviews nichts zahlen dürfen, fliesst in der Regel Geld in Form von Reisekosten oder der Verwertung von Familienbildern.

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Es war eine der letzten Gruppenversammlungen und eine der wichtigsten Entscheidungen: Die eingeschlossenen Kumpel beschlossen, der Presse niemals über die Erfahrungen der restlichen 32 Männern zu erzählen. Jeder dürfe nur über sich selbst und von seinen eigenen Erlebnisse berichten, so die Abmachung. Und der Pakt ging noch weiter: Die Kumpel wollten den Erlös ihres neu gewonnenen Ruhmes fair unter sich aufteilen. Alle Einnahmen aus Interviews, Fernsehauftritten, Filmen oder Büchern müssten gerecht verteilt werden. Dafür sollte eine Stiftung gegründet werden.

Zu diesem Zweck kam am 1. Oktober die Notarin von Copiapó, Carolina Morena, zum «Camp der Hoffnung». Heimlich und ohne die Medienschar aufzuwühlen, wurde sie vom Chefpsychologen Alberto Iturra in den Videokonferenzraum geführt. Unter ihren Augen unterschrieben die Kumpel die entsprechenden Papiere. Doch nachdem die Papiere unterzeichnet waren, stellte sich allerdings heraus, dass sie nicht rechtskräftig sind: Die Kumpel hätten persönlich unter ihrer Aufsicht das Dokument unterzeichnen müssen – die Videoübertragung reichte dazu nicht. Das soll bald nachgeholt werden.

Ximena Reygadas, die Tochter von Kumpel Omar Reygada, bestätigte unterdessen das Abkommen der Bergleute. «Mein Vater sagte, wir könnten nicht ohne ihre Erlaubnis mit den Medien sprechen», sagte sie. «Er sagte, sie müssten entscheiden, was wir (Anm. der Redaktion: die Angehörigen) den Medien sagen dürfen.»

Chefpsychologe Iturra packt aus

Doch einer blieb aus diesem Pakt ausgeschlossen: Der Psychologe Alberto Iturra, der die Verschütteten von Anfang an betreute. Im Gespräch mit dem «Spiegel» erzählt er, dass die ersten Tage nach dem Unglück die schwierigsten gewesen seien: «Die Gruppe hatte sich aufgeteilt.» Weil fünf der Männer nicht beim Unternehmen San Esteban angestellt waren, sondern bei einer Fremdfirma, wollten sie sich zunächst nichts vom Schichtchef Luis Urzua sagen lassen.

Iturra gibt zu, dass es dabei zu Streit kam. Wie weit der ging, darüber schweigt er. Nicht einmal die Experten der NASA, die Ende August dazukamen, konnten Frieden in die zerstrittene Gemeinschaft bringen. Erst als der Eigentümer der anderen Firma seinen Männern einredete, auf Urzua zu hören, schlossen sich die fünf Rebellen der grossen Gruppe an.

Eine Zeit lang habe Ruhe geherrscht, doch als Fussballstar David Villa den 33 Kumpel zwei Trikots schenkte, entbrannte das Chaos erneut. Eines der Trikots hatte der Barça-Stürmer dem ehemaligen chilenischen Natispieler Franklin Lobos geschenkt. Um das zweite T-Shirt kämpften die 32 Fussballfans erbittert. Iturra habe das Problem nicht verstanden, schaffte es aber, den Streit auf die Zeit nach der Bergung zu vertagen.

Bis jetzt halten sich alle an das Abkommen

Inzwischen melden sich die ersten Kumpel zu Wort. Nachdem der 23-jährige Minenarbeiter Richard Villaroel der «Washington Post» ein Interview gegeben hatte, erzählt nun auch der 50-jährige Yonni Barrios nach seiner Entlassung aus dem Spital in Copiapó über seine 69 Tage im Schacht. «Es gab da unter Tage keine Anführer. Wir waren eine demokratische Gruppe. Immer wenn wir eine Entscheidung treffen mussten, haben wir abgestimmt.»

Die 32 mit ihm geretteten Männer seien «gute Kollegen» und hätten sich «gut organisiert», sagte Barrios – und widerspricht damit Iturras Version. Offenbar hält sich der Kumpel, der mit seinen Frauengeschichten für Aufsehen gesorgt hatte, an das Abkommen. «Die Einheit war der Schlüssel», sagt er.

Yonni Barrios dachte an seine Geliebte

Nach fast 70 Tagen in dem warm-feuchten Rettungsraum leidet der 50-Jährige nun unter gesundheitlichen Problemen. Aufgrund der Dunkelheit in dem Stollen habe er Sehstörungen, und auch eine Zahnbehandlung sei nötig, sagte er. Zudem hat Barrios nach den Wochen in dem unterirdischen Verliess auch mit seelischen Problemen zu kämpfen. Er werde sich von Psychologen behandeln lassen. Es sei «fürchterlich» in 700 Metern Tiefe gewesen und «sehr schwer», dort immer den Lebensmut zu behalten.

Der Gedanke an seine Lebensgefährtin habe ihm Kraft gegeben, sagte Barrios. «Mehrere Male hatte ich alle Hoffnung verloren. Aber ein Mensch braucht immer einen Grund, um weiter zu kämpfen. Und sie war mein Grund.»

Nie wieder in den Stollen

Trotz der traumatischen Erlebnisse in dem Stollen will Barrios nach eigenen Worten auf jeden Fall weiter als Bergmann arbeiten. «Ich werde mich etwas ausruhen und dann wieder nach unter Tage zurückkehren.»

Anders als manche seiner Leidensgenossen plant Barrios jedoch keine Reise, um auf andere Gedanken zu kommen: «Ich war in 700 Metern Tiefe unter der Erde und ich möchte nicht in 700 Metern Höhe über der Erde sein und auch nicht 700 Kilometer von meinem Land entfernt.»

(kle)