Joggen mit Stirnlampe

22. Oktober 2010 14:09; Akt: 25.10.2010 15:52 Print

Exklusive Bilder: So wars wirklich in der GrubeExklusive Bilder: So wars wirklich in der Grube

Wie die Kumpel während ihrer Gefangenschaft unter der Erde um ihr Überleben gekämpft und den Alltag bestritten haben, dokumentieren diese neuen Fotos.

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Edison Peña beendete am 7. November 2010 erfolgreich den New York Marathon. Mit fünf Stunden, 40 Minuten und 51 Sekunden unterbot Peña sogar sein selbstgestecktes Ziel, die 42,2 Kilometer lange Strecke in etwa sechs Stunden zu laufen. Die Ziellinie überquerte der 34-Jährige in eine chilenische Flagge gehüllt. Peña hatte das Rennen kurzzeitig unterbrechen müssen, um seine geschwollenen Knie mit Eisbeuteln versorgen zu lassen. Noch vor drei Wochen war der Bergarbeiter in der Mine in der Atacama-Wüste verschüttet. Nach seiner Rettung erzählte er in einem Interview, welchen Frust er verspürte, eingeschlossen zu sein. Der Elektriker hatte sich in den Kopf gesetzt, «den Berg zu besiegen». So besessen war er, dass sich die Ärzte und Psychologen ernsthafte Sorgen um sein psychisches Wohlbefinden machten. Peña rannte zunächst mit einer Stirnlampe durch den Stollen. «Aber die ging manchmal aus und ich stand im Dunkeln. Das ist das Schlimmste für mich», erzählt er. Mit den Wochen nahm Peñas Obsession zu und er schleppte sogar schwere Karren mit sich durch die schwarzen Gänge. Seine Freundin und das Rettungsteam schickten ihn durch den Versorgungsschacht ein Paar Turnschuhe und einen Fotoapparat, ... ... damit Peña die beängstigende Schwärze dokumentieren konnte. Die anderen Männer machten sich immer wieder auf, die Mine zu erkunden und einen Ausgang zu suchen. «Es war aussichtslos. Irgendwann stand man wieder vor einer Wand aus Fels.» Edison Peña fotografierte sich mit einigen seiner Kollegen. Aber nicht mit allen. Einige, wie zum Beispiel der kamerageile Mario Sepúlveda, ärgerten ihn. Peña glaubte in seiner Verzweiflung, der Berg halte ihn gefangen. Er habe gehört, wie der knisternde Fels zu ihm sagte: «Du wirst sterben, du wirst langsam sterben, und du wirst nichts dagegen tun können.» Auch Kumpel Victor Segovia berichtet Einzelheiten des Martyriums unter Tage: «Immer wieder hat irgendeiner geweint. Auch ich.»

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Wohl kaum einer der 33 Bergleute, die am 13. Oktober aus dem 700 Meter tiefen Schacht geborgen wurden, hat bisher die Zufriedenheit gefunden. In Gesprächen mit Verwandten und Medien berichten sie über die schlaflosen Nächte, über die Albträume, immer noch im Schacht zu sein. Einer nach dem anderen erzählen sie von den gleichen Erfahrungen. Victor Segovia gab im Interview mit dem «Stern» zu, dass er ohne Antidepressiva die Tage nicht durchsteht.

Auch die anderen Verschütteten reden von der Angst, die sie hatten, nie mehr aus der Mine herauszukommen - und vor allem von der stockfinsteren Dunkelheit, die sie 69 Tage lang umschloss. Edison Peña erzählt dem britischen Journalisten Dan McDougall, welchen Frust er verspürte. Der Elektriker hatte sich in den Kopf gesetzt, «den Berg zu besiegen». So besessen war er, dass sich die Ärzte und Psychologen ernsthafte Sorgen um sein psychisches Wohlbefinden machten.

Peña hatte eine solche «Wut im Bauch, dass ich jeden Tag mehrere Kilometer joggen musste». Seine Freundin und das Rettungsteam schickten dem Kumpel ein Paar Turnschuhe. Mit den Wochen nahm diese Obsession zu und Peña schleppte sogar schwere Karren mit sich durch den Stollen. «Ich rannte mit einer batteriebetriebenen Stirnlampe. Aber die ging manchmal aus und ich stand im Dunkeln. Das ist das Schlimmste für mich.»

«Du wirst sterben»

McDougall und der Photograph Adam Patterson wollen dem gestörten Mineur helfen: Sie schicken ihm einen Fotoapparat, mit dem er die beängstigende Schwärze dokumentieren könne. Peña glaubte zu diesem Zeitpunkt, der Berg halte ihn gefangen. Er habe gehört, wie der knisternde Fels zu ihm sagte: «Du wirst sterben, du wirst langsam sterben, und du wirst nichts dagegen tun können.»

Die Geschichte von Edison Peña erreichte inzwischen die Organisatoren des New Yorker Marathons. Sie luden den 34-Jährigen ein am 7. November mitzumachen.

Früher oder später brechen alle zusammen

In ihren Interviews haben die meisten Kumpel von Konflikten gesprochen. In der Gruppe habe sich schnell eine Hierarchie gebildet. Wer die Chefrolle hätte einnehmen sollen, der Schichtleiter Luiz Urzua, habe allerdings die meiste Zeit geschwiegen. Prompt machte sich der 40-jährige Mario Sepulveda für die Organisation und Disziplin verantwortlich. «Wir alle waren froh, dass da überhaupt jemand die Initiative übernommen hat», erzählt Victor Segovia.

Sepúlvedas Autorität wird nach anfänglichen Schwierigkeiten nicht mehr in Frage gestellt. Mit autoritärer Stimme rationiert er täglich die halben Löffel Thunfisch und die knappe Portion Milch. Als er gerettet wird, steigt er euphorisch aus der Kapsel und stellt sich sofort nach der ärztlichen Untersuchung den Kameras.

Erst zwei Tage später, als die «Gruppe der Schwachen» schon aus dem Spital in Copiapó entlassen wurde, bricht «Super Mario» zusammen: Er schreit wie ein Besessener Ärzte und das Pflegepersonal an.

(kle)