Mit den Nerven am Ende

25. Oktober 2010 13:48; Akt: 25.10.2010 14:16 Print

Kumpel haben genug vom MedienrummelKumpel haben genug vom Medienrummel

Das grosse Medieninteresse an ihren Geschichten löst bei den geretteten Bergarbeitern in Chile grossen Unmut aus. Einige wünschen sich sogar zurück ins Innere der Mine.

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Mit einem Feuerwerk feiern am 14. Oktober 2011 17 der geretteten chilenischen Kumpel den Jahrestag. Die Bergleute sind in ihrer Heimat immer noch sehr gefragt. «Ich will Gott dafür danken, dass er uns geschützt hat», die Zeremonie fand genau ein Jahr nach dem Unglück statt. Am 25. Oktober 2010 zeichnete Präsident Sebastián Piñera die Kumpel bei einer feierlichen Zeremonie im Präsidentenpalast La Moneda in der Hauptstadt Santiago mit dem Orden Bicentenario (200. Jahrestag der Unabhängigkeit) aus. Tausende Chilenen empfingen die inzwischen zu Stars gewordenen Bergarbeiter vor dem Präsidentenpalast. Die Bergleute nahmen ein Bad in der Menge und zeigten sich überwältigt von dem Empfang. Einige stiegen zum ersten Mal wieder in die Kapsel, die seit Tagen in Santiago ausgestellt wird. Ein Teil der Bergarbeiter tauschte danach den schwarzen Anzug mit Krawatte gegen Sportkleidung und trat in einem Freundschaftsspiel gegen eine Regierungsmannschaft an. Das Team «Camp Hoffnung», das aus den Bergleuten gebildet wurde, hängte das «Team Rettungseinsatz» zunächst klar ab. Der ehemalige Fussballprofi unter den Kumpeln, der 55-jährige Franklin Lobos, erzielte gleich zwei Treffer. Doch die Mannschaft aus Rettungskräften, Ministern und dem Präsidenten holte auf und siegte schliesslich mit 3:2 Toren. Der sonst «starke» Mario Sepulveda (links) klagte an einem Galadinner am 19. Oktober mit dem chilenischen Unternehmer Leonardo Farkas (Mitte), wie schwer ihm «dieses neue Leben» falle. «Wenn ich an die schönen Augenblicke zurückdenke, die wir in der Mine erlebt haben, und an die Menschen, die ich lieben lernte, würde ich lieber wieder dort unten sein.» Am 21. Oktober brach Victor Segovia sein Schweigen. «Immer wieder hat irgend einer geweint. Auch ich», gab er zu. In der Gruppe habe sich schnell eine Hierarchie gebildet. Schichtleiter Luiz Urzua habe allerdings die meiste Zeit geschwiegen. Die Chefrolle habe der 40-jährige Mario Sepulveda übernommen. Am 20. Oktober kommt es zu einer überraschenden Wende: Kumpel Juan Illanes erzählt dem chilenischen Abgeordneten Carlos Vilches, der einer parlamentarischen Kommission zur Ermittlung der Unglücksursache angehört, dass den 33 Männern trotz verdächtiger Geräusche am Tag des Einsturzes die Rückkehr ans Tageslicht verweigert worden war. Franklin Lobos sagte in seinem ersten Interview, er fühle sich nicht als Held, sondern eher als «Opfer von skrupellosen Minenbesitzern». Er habe manchmal gedacht, dass man ihn aus Kostengründen nicht aus der Mine retten würde. «Es wäre billiger gewesen, uns dort unten sterben zu lassen.» Am 18. Oktober 2010 erzählte Osman Araya den Medien von den ersten Tagen im Schacht: «Am Schlimmsten war die Langeweile. Es gab ja keinen Tagesablauf, nichts, was man hätte tun können.» Vier der Kumpel hätten am Anfang den Lebensmut verloren, sagte Araya. «Sie lagen einfach da; es war, als stünde der Tod direkt vor ihnen.» Die anderen hätten sie aufgemuntert. Namen nennt Araya nicht. Am 18. Oktober wurde bekannt, dass die Kumpel kurz vor ihrer Bergung eine Abmachung getroffen hatten: Keiner dürfe die Intimitäten eines anderen ausplaudern. Die eingeschlossenen Kumpel hatten beschlossen, der Presse niemals über die Erfahrungen der restlichen 32 Männern zu erzählen. Jeder darf nur über sich selbst und seine eigenen Erlebnisse berichten. Der 50-jährige Yonni Barrios erzählte nach seiner Entlassung aus dem Spital in Copiapó: «Es gab da unter Tage keine Anführer. Wir waren eine demokratische Gruppe. Immer wenn wir eine Entscheidung treffen mussten, haben wir abgestimmt.» Der Gedanke an seine Lebensgefährtin habe ihm Kraft gegeben, sagte Barrios. «Mehrere Male hatte ich alle Hoffnung verloren. Aber ein Mensch braucht immer einen Grund, um weiter zu kämpfen. Und sie war mein Grund.» Der 23-jährige Richard Villaroel erzählte am 17. Oktober in einem ersten Interview: «Wir schwanden dahin, wir waren so dünn. Unsere Körper frassen sich selbst auf.» Edison Peña und Carlos Mamani waren die Ersten, die bereits einen Tag nach der erfolgreichen Bergung ... ... von ihren Nachbarn mit Applaus begrüsst wurden. Peña sagte: «Ich dachte, ich würde niemals zurückkehren.» Die ersten drei der 33 geretteten Bergleute sind nach einem Krankenhausaufenthalt zu ihren Familien zurückgekehrt. Das Staatsfernsehen zeigte, wie die Männer die Klinik in Copiapó verliessen und in einen weissen Kleinbus stiegen. In den nächsten Tagen sollten noch weitere Kumpel nach Hause kommen. In Bademänteln des Spitals posierten die Männer am 14. Oktober für ein Gruppenfoto mit Präsident Sebastián Piñera. Über das Minenunglück und die dramatische Rettung erscheint im kommenden Jahr ein Buch. Ihre Bergung nach 69 Tagen bangen Wartens sei eine «erhebende und fesselnde» Geschichte im Gegensatz zu den Tragödien und der Not, die üblicherweise die Nachrichten dominierten, erklärte der Präsident des US-Senders Discovery. Geplant ist bereits eine Reality-Show über Bergbau. Discovery hat ein Special für Ende Oktober über die Ereignisse in Chile angekündigt. Dem Sender ABC brachte ein Special über die Rettung der Kumpel am Tag der Bergung so viele Zuschauer ein wie noch nie in den vergangenen zehn Monaten. Und als der erste gerettete Kumpel ans Tageslicht geholt wurde, sahen bei CNN, Fox News und MSNBC 10,6 Millionen Menschen zu. Das sind mehr als viermal so viele Zuschauer wie die Sender üblicherweise alle zusammen zu dieser Zeit erreichen. Der Journalist Jonathan Franklin wird zudem ein Buch über die Rettung der 33 Arbeiter und das vorangegangene menschliche Drama schreiben. «The 33» soll demnach Anfang 2011 in Grossbritannien erscheinen. Und auch die Bergarbeiter und ihre Angehörigen dürften finanziell von dem Hype um ihre Geschichte profitieren. Auch wenn Fernsehsender für Interviews nichts zahlen dürfen, fliesst in der Regel Geld in Form von Reisekosten oder der Verwertung von Familienbildern.

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Bei mehreren Kumpeln ist genau das aufgetreten, wovor Psychologen gewarnt hatten und das Rettungsteam vermeiden wollte: Das enorme öffentliche Interesse wird zur immensen Belastung. Die 33 Männer werden derzeit von der Presse dermassen belästigt, dass sie mit den Nerven völlig am Ende sind. Der Grundtenor: «Ich bin nichts weiter als ein Bergarbeiter», so zum Beispiel Mario Sepúlveda gegenüber einem chilenischen Fernsehsender. «Diese ganze Berühmtheitsgeschichte ist nichts für mich.»

Auch Mario Gómez, der älteste der Verschütteten, sehnt sich nach Ruhe. Er sei die «Belästigungen» durch die heimische und die ausländische Presse und offiziellen Auftritte bereits leid. Die meisten Kumpel sind von dem Medienwirbel überfordert – und manche sehnen sich sogar zurück in die Tiefe. «Manchmal denke ich, dass es mir im Inneren der Mine besser gehen würde», sagte vor wenigen Tagen der 56-jährige Omar Reygadas.

Die Männer hatten in den letzten 10 Tagen mit Dingen zu tun, die sie überhaupt nicht kennen: Sie müssen die Entschädigungen für Interviews und Fototermine sowie Gagen für TV-Auftritte und Werbespots verhandeln. Zudem müssen sie über diverse nationale und internationale Einladungen entscheiden: Mal ein Gala-Dinner hier, mal ein Familientreffen dort.

Verwandte spriessen aus dem Boden

Die Konsequenzen dieses Martyriums nach dem Martyrium sind bei einigen Bergmännern bereits sichtbar: Viele leiden an Depressionen, an Schlaflosigkeit und Panikattacken. Sie greifen zu Medikamenten oder zu Alkohol. Auch bei Mario Sepulveda, der unter Tage wegen seiner Videos und seines starken Charakters aufgefallen war, sind erste Anzeichen von Depression aufgetreten. «Wenn ich an die schönen Augenblicke zurückdenke, die wir (dort unten) erlebt haben, und an die Menschen, die ich lieben lernte, würde ich lieber wieder dort (in der Mine) sein», sagte er im Fernsehen.

Die grössten Feinde, die die Kumpel haben, sind allerdings ihre geldgierigen Verwandten. Wie durch ein Wunder tauchen nun Cousins dritten Grades und Grosstanten aus einem entfernten Stamm der Familie auf. Die «engen Angehörigen» drängen zudem die Männer ins Rampenlicht, doch viele Mineure sind Einzelgänger, die mit dem Rummel nicht fertigwerden. In vielen Familien, die oft von Armut geprägt sind, sind erste Konflikte entbrannt.

Darunter leidet vor allem der 50-jährige Yonni Barrios, der wegen seiner Affäre mit einer anderen Frau in die Medien geraten war: Nachdem er am Donnerstagabend für eine Gage von umgerechnet 10 000 Franken an einem Gala-Dinner mit dem chilenischen Unternehmer Leonardo Farkas teilnahm, zog er sich wieder zurück – ohne sich den Medien zu stellen, die ihn für ein Interview vor die Kameras zerren wollten. Enttäuscht über seine Verschlossenheit, meinte seine Frau etwas genervt: «Er hockt am liebsten neben dem Radio und hört Rancheras.» Leider habe sich das jetzt nicht geändert – und Yonni lasse so «alle Chancen auf Geld vorbeirauschen».

Sie müssen geschont werden

Die Männer müssten nun geschont werden, warnen die Psychologen inzwischen. Sie seien sehr «schwach» und müssten etwas kürzertreten, sich Zeit lassen und Ruhe bewahren. «Das Abendessen mit Farkas fand ich wunderschön, aber es hätte ebenso gut eine Woche später stattfinden können, wenn die Männer in einem besseren Zustand gewesen wären», sagte Alberto Iturra, der die 33 Bergleute während ihrer Gefangenschaft in der Mine betreut hatte, gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Die Geretteten sollten den vielen Angeboten und Ansprüchen nicht ausweichen, meint Iturra, aber sie «höflich und freundlich» zurückweisen, wenn ihnen etwas zu viel werde.

(kle)