Verschüttete Kumpel

14. Oktober 2010 18:55; Akt: 15.10.2010 11:42 Print

Obenauf und doch ganz weit untenObenauf und doch ganz weit unten

von Runa Reinecke - Unter ständiger medialer Aufmerksamkeit wurden die verschütteten chilenischen Bergleute aus ihrem Gefängnis befreit. Doch die schwerste Etappe steht ihnen noch bevor.

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Die Show ist vorbei: Als Allerletzter steigt Retter Manuel Gonzalez am frühen Morgen des 14. Oktober 2010 in die Rettungskapsel. Er verbeugt sich vor der Kamera und verabschiedet sich von über einer Milliarde Zuschauer, die das Drama verfolgt hatten. Die Bergungsaktion in der Gold- und Kupfermine San José hat damit ihr endgültiges Ende gefunden. Das Unternehmen dauerte insgesamt knapp 24 Stunden. Alle 33 verschütteten Bergleute sind erfolgreich geborgen worden. Die sechs Rettungshelfer, die sich zu den verschütteten Bergleuten in Chile begeben hatten, warten noch darauf, hinaufgeholt zu werden. Als letzter Bergarbeiter entstieg Schichtleiter Luis Alberto Urzua der schmalen Rettungskapsel. Urzua, Kumpel Nummer 33, sagte nach seiner Rettung: «Wir haben getan, worauf die gesamte Welt gewartet hat.» Der Vorletzte: Ariel Ticona war in unterirdischer Gefangenschaft Vater geworden. Seine Tochter erhielt den Namen Esperanza (Hoffnung). Pedro Cortez wird als 31. gerettet. Bald ist alles vorbei. Der 30. Kumpel: Raúl Bustos Ibáñez überlebte im Februar das Erdbeben in Chile. Der Wasserbauingenieur verlor aber seine Stelle in einer Werft und begann im Bergwerk San José zu arbeiten. Der Vorarbeiter war während den 69 Tagen zuständig für den Wasservorrat. Nummer 29: Juan Carlos Aguilar war der Aufseher einer der drei Schichten. Kumpel Nummer 28. Richard Villarroel Godoy, 27 Jahre. Der Mechaniker arbeitete seit zwei Jahren unter Tage. Der frühere Profi-Fussballer Franklin Lobos Ramírez ist der 27. gerettete Kumpel. Er fuhr täglich die Bergarbeiter im Bus zur Arbeit. Claudio Acuña ist Kumpel Nummer 26. Der Fussballfan will seine Freundin nach der glücklichen Rettung heiraten. Langes Bangen bei der Familie Avalos: Renán wurde als 25. gerettet. Sein Bruder Florencio wurde viele Stunden zuvor als erster geborgen. José Henríquez González ist Kumpel Nummer 24: Der 54-Jährige ist seit 33 Jahren verheiratet, arbeitet 33 Jahre in der Mine. Er formte eine Gebetsgruppe unter Tage und galt als geistlicher Führer während den über zwei Monaten in der Tiefe. Der 23. Kumpel: Carlos Bugueño Alfaro, 27 Jahre alt: War vor der Minenarbeit Wachmann. Nummer 22. heisst Samuel Ávalos. Der 43-Jährige war Strassenverkäufer und hoffte in der Mine auf ein besseres Schicksal. Kumpel Nummer 21: Yonni Barrios. Der «Krankenpfleger» unter Tage, genannt auch «Dr. House». An der Oberfläche wartet ein turbulentes Privatleben auf ihn: Seine Frau und seine Liebhaberin lernten sich während der Wochen des Bangens kennen. Empfangen wurde er von der Geliebten. «Danke für alles!» Pablo Rojas reisst die Arme in die Höhe, lässt sich feiern. Er entstieg als Neunzehnter der Kapsel. Ein Danke in den Himmel: Esteban Rojas geht als Minenarbeiter 18 in die Geschichte ein. Nach seiner Ankunft kniet er nieder und betet. Er ist zurück im Leben. Omar Reygadas, als Siebzehnter aus der Tiefe gerettet, wurde in Copiapó zum vierten Mal verschüttet. Sein Bruder war bei der Bergung von Reygadas mit der Kamera hautnah dabei. Minenarbeiter Nummer 16 hat es geschafft. Daniel Herrera fällt seiner weinenden Mutter in die Arme. Herrera war als Lastwagenfahrer eingesetzt, als die Mine einstürzte. Der bolivianische Präsident Evo Morales war auch zur Mine gekommen, um den einzigen Ausländer unter den Geretteten - den Bolivianer Carlos Mamani- zu treffen. Jose Ojeda, 2.v.l., Mario Gomez, Claudio Yanez, und Carlos Mamani, steigen aus dem Helikopter, der sie nach ihrer Rettung ins Spital von Copiapó brachte. Victor Segovia (mit rotem Helm), als Fünfzehnter aus der Mine gezogen, ist der Bohrexperte der Gruppe - und ein sensibler Mann. «Er schreibt sehr gerne und kann sich so am besten ausdrücken», sagte seine Ex-Frau den Medien. Als Nummer 14 ist Victor Zamora aus der Kapsel gestiegen. Er ist der inoffizielle Witzbold der Gruppe. An seine Frau schrieb er einmal, dass er glücklich sei in über 600 Metern Tiefe – so müsse er nicht jeden Tag duschen. Als dreizehnter Mann wurde Carlos Barrios ans Tageslicht geholt. Wie seine Kameraden wurde auch er beim Verlassen der Rettungskapsel mit Jubel, Applaus und «Chi, Chi, Chi - Le, Le, Le»-Rufen begrüsst. Edison Peña ist Kumpel Nummer Zwölf: Zuerst nimmt der 34-Jährige seine Frau in die Arme und bedankt sich bei den Rettern, dass sie ihn hier lebendig herausgeholt haben. Kumpel Nummer Elf ist draussen: Jorge Galleguillos wurde am 13. Oktober zum dritten Mal aus der Mine San Jose gerettet. Der grosse Moment für Alex Vega und seine Angehörigen ist da: Der zehnte Kumpel ist oben angekommen. Der älteste Kumpel ist gerettet: Mario Gomez, das «Sorgekind» des Rettungsteams ist um 12.59 Uhr an der Oberfläche angekommen. Noch während er abtransportiert wird, reckt Mario Gomez die Faust. Er hat es geschafft. 12:04 Uhr schafft es auch Kumpel Nummer acht an die Oberfläche: Claudio Yáñez Lagos sieht abgekämpft, aber glücklich aus. Daumen hoch: Er hat seiner Freundin versprochen sie zu heiraten, sobald er aus der Mine raus ist. Lange und innig umarmt er seine Tochter und seine Freundin (im Hintergrund). Er wollte ursprünglich noch diesen Monat mit dem Job in der Mine aufhören, der Unfall kam ihm dazwischen. José Ojeda kommt als siebter Kumpel an die Erdoberfläche. Trotz allem sieht der Gerettete im ersten Moment nicht glücklich aus. Er kämpft mit seinen Emotionen. Jubel bei der Familie von Osman Araya: Der 30-jährige Vater von vier Kindern ist frei. Kumpel Nummer Sechs ist wohlauf und überglücklich. Florencio Avalos bei seiner Ankunft im Spital von Copiapó. Auch Mario Sepúlveda ist dabei. Avalos und Sepúlveda, die ersten beiden geretten Kumpel, wurden mit dem Helikopter ins Spital geflogen. Dort sollen sie gründlich untersucht werden. Nach der fünften Bergung wird die Kapsel für Reparaturarbeiten herausgezogen. Auch die Sauerstoffflaschen im Inneren der Kapsel werden ausgewechselt. Das bange Warten geht weiter: Um 9.20 Uhr sind erst fünf von 33 Kumpels an der Oberfläche. Nummer fünf ist oben: Jimmy Sanchez. Der 19-Jährige war der jüngste Kumpel unter Tage. Die 69 Tage unter der Erde hat er offenbar gut weggesteckt: Er ist locker und unterhält sich belustigt mit den Helfern. Vater und Sohn wieder vereint: Jimmy Sanchez wird von Papa begrüsst. Nummer Vier ist oben: Carlos Mamani. Er ist überglücklich und bedankt sich bei allen Helfern. Der Bolivianer Carlos Mamani ist der einzige Ausländer in der Mine gewesen. Florencio Avalos wird nach der ersten Begrüssung in seinem Container medizinisch betreut. Auch Mario Sepulveda, der zweite gerettete Kumpel, wird untersucht. Um 07.09 Uhr wurde Juan Illanes an die Oberfläche geholt. Er scheint äusserlich bester Gesundheit. Dennoch wird er nach der ersten Begrüssung auf eine Trage geschnallt und von Sanitätern zur Erstuntersuchung gefahren. Mario Sepulveda ist der zweite gerettete Kumpel. Um 06.10 Uhr Schweizer Zeit wurde er an die Oberfläche gezogen. Überglücklich nimmt er unter dem Applaus der Umherstehenden seine Frau in den Arm. Dann verteilt er aus der Tiefe mitgebrachte Geschenke. Der 31-jährige Florencio Avalos erreichte mit Hilfe einer Rettungskapsel unter dem Jubel von zahlreichen Angehörigen die Erdoberfläche. Die rund vier Meter lange Kapsel mit einem Durchmesser von 53 Zentimeter brachte ihn kurz nach Mitternacht Ortszeit (05.12 Uhr Schweizer Zeit) an die Oberfläche. Avalos wirkte beim Aussteigen aus der Kapsel ruhig und bei guter Gesundheit. Als erstes umarmte er Familienangehörige, dann auch den chilenischen Präsidenten Sebastián Piñera, der am Rettungsschacht auf ihn gewartet hatte. Anschliessend begab er sich zur ärztlichen Kontrolle. Die Rettungsaktion war am Dienstag Ortszeit wegen zusätzlich notwendiger Installationen und Tests zunächst um zwei Stunden verschoben worden. Bei der ersten unbemannten Testfahrt wurde die Kapsel leicht beschädigt, so dass sich die Rettungsaktion weiter verzögerte.

Verschüttete Bergleute in Chile: Die Rettung verlief problemlos - jetzt gilt es, das Erlebte zu verarbeiten.

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Endlich frei! Mehr als zwei Monate mussten 33 chilenische Bergleute in Dunkelheit, Enge, Schmutz und Hitze ausharren, bis sie gestern alle mit Hilfe einer Rettungskapsel aus der Versenkung ins Leben zurückgeholt wurden – brenzliger Showdown nach wochenlangem Bangen um die Verschütteten, deren einziger Zugang zur Welt nach draussen ein schmaler Versorgungsschacht war. Das Leben tief unten in der Erde schweisste sie zu einer illustren Gruppe zusammen. Trotzdem reagierte jeder in den ersten Sekunden nach seiner Befreiung anders: einer ging in sich, sank auf die Knie und betete, ein anderer schloss seine Liebsten in die Arme, ein weiterer fungierte als Stimmungskanone, mischte die Szene auf und gab bereitwillig ein TV-Interview.

«Sie konnten ihre Ängste nicht wahrnehmen»

Jeder ein anderer Charakter – und doch müssen sie jetzt alle durch die letzte und zugleich schwerste Phase: die Verarbeitung dessen, was sie in der Grube erlebt haben. Denn an diesem Ort war wenig Platz, schon gar nicht für Bedrückendes: «Sie konnten die Ängste dort unten gar nicht wahrnehmen, da sie sehr auf den Tag der Befreiung fixiert waren», sagte der deutsche Trauma-Experte Georg Pieper im Interview mit der ARD. Pieper betreute bereits mehrere Katastrophen-Opfer, unter anderem sechs Bergleute, die 1988 während eines Grubenunglücks im nordrhein-westphälischen Borken verschüttet wurden. Doch genau diese Gefühle zuzulassen, wird für die Betroffenen eine enorme Herausforderung darstellen, wie der Experte weiss: «Sie haben dem Tod ins Auge geschaut, diese verdrängten Ängste werden jetzt herauskommen.» Es werde den Betroffenen Pieper zufolge schwerfallen, sich diesen Ängsten zu stellen, da sie «wie Helden verehrt» würden – und ein Held kennt bekanntlich keinen Schmerz, schon gar keinen, der auf der Seele brennt.

Aus der Erde in die mediale Herde

Der Tiefe entkommen, werden die «Helden» nun ins Rampenlicht gezerrt. Ein Faktor, der Pieper zufolge massgeblich von der Verarbeitung ablenkt. Dabei müsse den Betroffenen gerade jetzt Gelegenheit dazu gegeben werden, das Heldenmäntelchen auszuziehen und sich der eigenen Gefühlswelt unter psychologischer Anleitung zu stellen. Der Einschätzung des Experten nach werde sich herausstellen, dass «rund ein Drittel dieser Bergleute mit schweren Traumafolgestörungen zu rechnen habe.» Diese könnten praktisch angegangen werden, indem man die ehemals Verschütteten mit ihrem früheren Gefängnis konfrontierte: «Dazu gehört auch, dass man irgendwann wieder übt, in einen Berg einzufahren», führt Pieper aus.

«Anerkennung spielt eine wesentliche Rolle»

Für den Berner Traumaexperten Lorenz Richner ist die Wertschätzung, die den Bergleuten auch durch die Präsenz der obersten Staatsführung Chiles zuteil wurde, essentiell: «Das Anerkennen des heldenhaften Ausharrens der Kumpel, aber auch eine finanzielle Genugtuung spielen hier eine wesentliche Rolle». Wichtige Schritte bei der Betreuung nach Ausnahmesituationen seien dem Psychiater zufolge, die Opfer bei der Bewältigung und Aufarbeitung ihrer Erlebnisse zu unterstützen. Dazu gehöre die organisatorische, finanzielle und soziale Rückkehrhilfe in den Alltag. «Durch strukturierende Gesprächen lernen die Betroffenen, die Erlebnisse einzuordnen und zu begreifen, was überhaupt geschehen ist», meint Richner. Nach diesem Schema orientiert sich auch das Nationale Netzwerk Psychologische Nothilfe (NNPN) in der Schweiz. Bei Unfällen, Katastrophen oder Gewalteinwirkung sind die Fachpersonen im Auftrag des Bundes zur Stelle, um Betroffene, aber auch Helfer, die während eines schlimmen Ereignisses enormen Belastungen ausgesetzt sind, zu unterstützen.

Die befreiten Bergleute in Chile müssen jetzt lernen, mit dem «Leben da oben» klar zu kommen. Sind gewisse Voraussetzungen erfüllt, ist es sogar denkbar, dass die Kumpel irgendwann wieder an dem Ort arbeiten können, der für sie einst wochenlang zum Gefängnis wurde.