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Verschüttete Kumpel
14. Oktober 2010 18:55; Akt: 15.10.2010 11:42 Print
Obenauf und doch ganz weit unten
von Runa Reinecke - Unter ständiger medialer Aufmerksamkeit wurden die verschütteten chilenischen Bergleute aus ihrem Gefängnis befreit. Doch die schwerste Etappe steht ihnen noch bevor.
Verschüttete Bergleute in Chile: Die Rettung verlief problemlos - jetzt gilt es, das Erlebte zu verarbeiten.
Endlich frei! Mehr als zwei Monate mussten 33 chilenische Bergleute in Dunkelheit, Enge, Schmutz und Hitze ausharren, bis sie gestern alle mit Hilfe einer Rettungskapsel aus der Versenkung ins Leben zurückgeholt wurden – brenzliger Showdown nach wochenlangem Bangen um die Verschütteten, deren einziger Zugang zur Welt nach draussen ein schmaler Versorgungsschacht war. Das Leben tief unten in der Erde schweisste sie zu einer illustren Gruppe zusammen. Trotzdem reagierte jeder in den ersten Sekunden nach seiner Befreiung anders: einer ging in sich, sank auf die Knie und betete, ein anderer schloss seine Liebsten in die Arme, ein weiterer fungierte als Stimmungskanone, mischte die Szene auf und gab bereitwillig ein TV-Interview.
Infografik Grubenunglück in Chile«Sie konnten ihre Ängste nicht wahrnehmen»
Jeder ein anderer Charakter – und doch müssen sie jetzt alle durch die letzte und zugleich schwerste Phase: die Verarbeitung dessen, was sie in der Grube erlebt haben. Denn an diesem Ort war wenig Platz, schon gar nicht für Bedrückendes: «Sie konnten die Ängste dort unten gar nicht wahrnehmen, da sie sehr auf den Tag der Befreiung fixiert waren», sagte der deutsche Trauma-Experte Georg Pieper im Interview mit der ARD. Pieper betreute bereits mehrere Katastrophen-Opfer, unter anderem sechs Bergleute, die 1988 während eines Grubenunglücks im nordrhein-westphälischen Borken verschüttet wurden. Doch genau diese Gefühle zuzulassen, wird für die Betroffenen eine enorme Herausforderung darstellen, wie der Experte weiss: «Sie haben dem Tod ins Auge geschaut, diese verdrängten Ängste werden jetzt herauskommen.» Es werde den Betroffenen Pieper zufolge schwerfallen, sich diesen Ängsten zu stellen, da sie «wie Helden verehrt» würden – und ein Held kennt bekanntlich keinen Schmerz, schon gar keinen, der auf der Seele brennt.
Aus der Erde in die mediale Herde
Der Tiefe entkommen, werden die «Helden» nun ins Rampenlicht gezerrt. Ein Faktor, der Pieper zufolge massgeblich von der Verarbeitung ablenkt. Dabei müsse den Betroffenen gerade jetzt Gelegenheit dazu gegeben werden, das Heldenmäntelchen auszuziehen und sich der eigenen Gefühlswelt unter psychologischer Anleitung zu stellen. Der Einschätzung des Experten nach werde sich herausstellen, dass «rund ein Drittel dieser Bergleute mit schweren Traumafolgestörungen zu rechnen habe.» Diese könnten praktisch angegangen werden, indem man die ehemals Verschütteten mit ihrem früheren Gefängnis konfrontierte: «Dazu gehört auch, dass man irgendwann wieder übt, in einen Berg einzufahren», führt Pieper aus.
«Anerkennung spielt eine wesentliche Rolle»
Für den Berner Traumaexperten Lorenz Richner ist die Wertschätzung, die den Bergleuten auch durch die Präsenz der obersten Staatsführung Chiles zuteil wurde, essentiell: «Das Anerkennen des heldenhaften Ausharrens der Kumpel, aber auch eine finanzielle Genugtuung spielen hier eine wesentliche Rolle». Wichtige Schritte bei der Betreuung nach Ausnahmesituationen seien dem Psychiater zufolge, die Opfer bei der Bewältigung und Aufarbeitung ihrer Erlebnisse zu unterstützen. Dazu gehöre die organisatorische, finanzielle und soziale Rückkehrhilfe in den Alltag. «Durch strukturierende Gesprächen lernen die Betroffenen, die Erlebnisse einzuordnen und zu begreifen, was überhaupt geschehen ist», meint Richner. Nach diesem Schema orientiert sich auch das Nationale Netzwerk Psychologische Nothilfe (NNPN) in der Schweiz. Bei Unfällen, Katastrophen oder Gewalteinwirkung sind die Fachpersonen im Auftrag des Bundes zur Stelle, um Betroffene, aber auch Helfer, die während eines schlimmen Ereignisses enormen Belastungen ausgesetzt sind, zu unterstützen.
Die befreiten Bergleute in Chile müssen jetzt lernen, mit dem «Leben da oben» klar zu kommen. Sind gewisse Voraussetzungen erfüllt, ist es sogar denkbar, dass die Kumpel irgendwann wieder an dem Ort arbeiten können, der für sie einst wochenlang zum Gefängnis wurde.




























