Vor der Bergung

12. Oktober 2010 17:59; Akt: 12.10.2010 18:13 Print

Zickenkrieg bei den AngehörigenZickenkrieg bei den Angehörigen

von Vivian Sequera, AP - Nur noch wenige Stunden trennen die 33 verschütteten Bergleute in Chile von ihrer Befreiung. Dennoch herrscht im «Campamento Esperanza», dem Zeltlager der Hoffnung, wenig Vorfreude bei den Angehörigen.

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Carola Narvaez hält Tag um Tag Mahnwache für ihren Mann Raul Bustos. Erst im Februar dieses Jahres hatte die Familie das furchtbare Erdbeben im Süden Chiles überlebt. «Wir haben bereits einen Schicksalsschlag überlebt. Jetzt werden wir ein zweites Happy End erleben», schreibt sie ihrem Liebsten. Der 44-jährige Esteban Rojas Carrizo ist seit 25 Jahren mit seiner Yessica verheiratet – aber nur standesamtlich. In einem Brief machte er ihr nun einen Heiratsantrag: «Wenn ich nach oben komme, wenn Gott es erlaubt, gehen wir das Hochzeitskleid kaufen und heiraten kirchlich.» Der Zettelverkehr durch den schmalen Kanal ist rege. Auch Rojas' Bruder schickt Hoffnungsbotschaften in die Tiefe: «Wir warten auf euch und lieben euch.» «Hallo Papi, ich bins, Romina. Ich freue mich so, dass er dir gut geht. Es ist eine der grössten Freuden, die ich je hatte», schrieb die 20-jährige Romina Gomez ihrem Vater Mario. «Wir haben hier oben ein kleines Fest gemacht. Wir sind mit euch und warten auf eure Rückkehr. Wir lieben dich Papi, Romina», stand auf dem Zettel, der mit einer Versorgungssonde in die Tiefen des Berges geschickt wurde. Auch ihre Schwester Lilianett ... ... und die Enkelin des Verschütteten, Marion Gallardo, erzählen ein bisschen, was an der Oberfläche passiert. Sie machen ihnen Mut und bitten sie, ruhig zu bleiben. Mario Gomez' Ehefrau Liliana Ramirez war die Erste, die eine Nachricht aus dem Schutzraum erhielt: «Geliebte Lila, mir geht es gut.» «Er schreibt, dass er mich liebt. So etwas hat er mir noch nie gesagt, nicht einmal während unserer Verlobung war er so romantisch», erzählt sie unter Tränen. Kurz zuvor hatte eine andere Nachricht des 63-Jährigen für Fassungslosigkeit gesorgt: Mit rotem Stift hatte er auf einen Zettel geschrieben, dass er und seine Kumpel noch leben. Mario Gómez ist der älteste der 33 Bergleute, die seit drei Wochen in einem Bergwerk in Chile verschüttet sind – und die Symbolfigur für deren Überlebenswillen. Auf zahllosen T-Shirts findet sich mittlerweile die Überlebensnachricht. Die Psychologen warnten inzwischen vor einer Briefflut. «Den Kontakt zu den Verwandten sollte man schrittweise angehen, damit die Leute dort unten nicht in Stress geraten.» In einer ersten Phase würden nur kurze Botschaften zugelassen. Erst später dürften die Angehörigen längere Briefe schreiben. Danach werden Sprachnachrichten erlaubt und erst dann werden die Angehörigen mit ihren Liebsten direkte Funkverbindung haben dürfen.

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Die Nerven liegen blank, Erschöpfung hat sich nach über zwei Monaten des gemeinsamen Bangens und Zitterns breitgemacht. Intrigen, Neid und Rivalitäten prägen die Beziehungen der Familien, wo anfangs das gemeinsame Schicksal der Bergleute zusammenschweisste.

«Die Anspannung hier oben ist stärker als unten», sagt Veronica Ticona, die Schwester des unter Tage gefangenen 29-jährigen Ariel Ticona. «Die dort unten sind ruhig.» Nach 68 Tagen des Wartens, ständig unter der Beobachtung eines Pressekorps, das mittlerweile Bataillonsstärke hat, ist von der ursprünglichen Kameradschaft nicht mehr viel übrig. Einige Beziehungen sind mittlerweile ebenso feindselig wie die das Bergwerk umgebende Atacama-Wüste.

Alles kann zum Auslöser für Streit und Missgunst werden: Wer darf an den Videokonferenzen mit den Bergleuten am Wochenende teilnehmen? Wer bekommt Briefe? Wer redet wie viel mit den Medien und wie viel aus dem Privatleben der Bergleute darf ausgeplaudert werden? Einige der Angehörigen beschweren sich auch über entfernte Verwandte, die sich nun ins Licht der internationalen Medien drängeln und über die eingeschlossenen Bergmänner reden, die sie kaum kennen.

Streit darüber, wer zur nahen Verwandtschaft gehört

Auch die materiellen Interessen schüren Zwietracht. Nicht nur die Frage, wer wie viel Geld von den Medien erhält, spielt eine Rolle. Auch die Verteilung von Spenden ist umstritten, wenn etwa die sonst selten gesehenen Verwandten auftauchen und einen Teil der gespendeten Dessous, Weinflaschen, elektronischen Spielzeuge oder Halloween-Kostüme für Kinder abhaben wollen. So entbrannte auch Streit darüber, ab wann man zur engen Verwandtschaft gehört.

Alberto Iturra, der Psychologe, der die eingeschlossenen Bergleute betreut, hat deshalb entschieden, dass sich die Geretteten nur mit bis zu drei Menschen ihrer Wahl treffen dürfen. Den Angehörigen hat er geraten, vor dem für Dienstagnacht erwarteten Beginn der Rettungsaktion nach Hause zu gehen und sich auszuruhen.

Die Tests mit der «Phoenix 1» genannten Rettungskapsel liefen am Montag glatt. Das leere Gefährt wurde bis auf eine Tiefe von 610 Metern in den Schacht hinabgelassen und problemlos wieder an die Oberfläche geholt. Damit kam sie bis auf rund zehn Meter an die Stelle heran, an der die Kumpel einsteigen sollen. «Wir haben sie nicht bis (ganz) unten heruntergelassen, weil wir das Risiko, dass jemand hineinspringt, nicht eingehen wollten» sagte Bergbauminister Laurence Golborne. Bereits am Dienstagabend könne mit der Rettungsaktion begonnen werden, hiess es aus Regierungskreisen.

Zuerst werden die Stärksten die Reise nach oben antreten

Die Behörden haben schon eine geheime Liste mit der Reihenfolge angefertigt, in der die Kumpel an die Oberfläche geholt werden sollen. Zuerst die vier psychisch und physisch Stärksten, sagte Gesundheitsminister Jaime Manalich. Sie könnten eventuell auftretende Komplikationen am leichtesten verkraften und ihren Kameraden beschreiben, was sie erwartet. Danach die zehn Schwächsten. Einer der Bergleute ist Diabetiker, einer leidet unter Bluthochdruck, andere durch die drückende Schwüle im Stollen unter Atemwegs- und Hauterkrankungen. Als Letzter werde wohl Luiz Urzua das Gefängnis in der Tiefe verlassen, berichteten Angehörige der Bergleute. Er war zum Zeitpunkt des Unglücks Schichtleiter.

Allerdings kann sich die Reihenfolge noch ändern. Massgeblich wird die Einschätzung der Sanitäter und Experten sein, die zuerst in den Schacht hinabgelassen werden, um dort die Leute zu untersuchen und die Reise nach oben zu überwachen. Etwa 20 Minuten dauert es, bis die Kapsel den Weg an die Oberfläche zurückgelegt hat. Doch wird aufgrund der aufwendigen Ein- und Ausstiegsprozedur und der Abfahrt des leeren Korbs pro Stunde nur ein Kumpel gerettet werden können.

Die Plattform, wo sie rauskommen, soll mit Planen vor den Augen der Medien abgeschirmt werden. Mit Krankenwagen sollen sie zur Erstversorgung gebracht werden, und danach zum ersten Wiedersehen mit den von ihnen bestimmten Verwandten. Per Hubschrauber geht es danach ab ins Krankenhaus der Stadt Copiapó, wo sie zwei Tage zur Beobachtung bleiben sollen. Für den Fall, dass die Hubschrauber wegen des üblichen Nebels die Geretteten nicht ausfliegen können, stehen Krankenwagen bereit. Statt zehn Minuten würde die Reise nach Copiapó dann aber rund eine Stunde dauern.