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Lebendig begraben
14. Februar 2011 11:39; Akt: 14.02.2011 16:03 Print
Zwischen Kannibalismus und Eitelkeit
69 Tage lang hatten die 33 Bergarbeiter in Chile mit Angst zu kämpfen. Ein neues Buch erzählt nun von der psychologischen Herausforderung, die Männer bei Laune zu halten.
Sie gingen zusammen durch dick und dünn – 69 Tage lang. Als sie am 13. Oktober endlich gerettet wurden, nahm eine Milliarde Menschen auf der ganzen Welt an ihrem Schicksal teil. Jetzt, vier Monate nach ihrer Rettung, stellt sich heraus, dass die Medien nur einen – kleinen – Teil der Geschichte kannten. In seinem Buch «33 Männer, lebendig begraben» verrät Jonathan Franklin, Korrespondent der «New York Times», Einzelheiten aus einem Drama unter Tage: Streit, Eifersucht und einer absurden Eitelkeit.
«33 Männer, lebendig begraben»: Die Inside-Story über die chilenischen Bergarbeiter.
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Die Dunkelheit lässt nicht losChile sucht den Super-KumpelEin Blick in 700 Meter Tiefe - die letzten BilderDrama um verschüttete BergarbeiterKinderplausch am MineneingangDer Minenarbeiter, die Ehefrau und die GeliebteZahlen und Fakten zur BergungEine beängstigende FahrtDie Hoffnung lebt auf einem Fetzen PapierDer Letzte soll das Licht ausschalten
Infografik
Grubenunglück in Chile
Video
Erste Videomessage der Bergarbeiter in Chile
So werden die Männer aus der Mine gerettetEin 69 Tage langer Albtraum im ZeitrafferChile: Ein Blick in die Mine
Franklin hatte einen Riesenvorteil: Als einziger Medienschaffender hatte er sich einen Ausweis als «Mitglied des Rettungsteams» ausstellen lassen – und sich damit Zugang zur Sperrzone verschafft. Als «Insider» erfuhr er bald Details über jene 17 Tage, in denen die Männer in 700 Metern Tiefe allein auf sich gestellt waren – ohne Kommunikation zur Aussenwelt, ohne Wasser und Nahrung, ohne Hoffnung.
Der kleine Bohrer, der ihnen Hoffnung gab
Am Anfang hätten die Männer eine Mini-Demokratie aufgebaut, schreibt der Autor. Alle Aufgaben wurden gemeinsam diskutiert. Weil jeder Mann ein Spezialist in einem anderen Gebiet war, war die Arbeitsaufteilung einfach und für alle stets klar. Erst als die Nahrung knapp wurde und sie die Thunfischdosen und die Milch rationieren mussten, begann der eine oder andere mit dem Gedanken zu spielen, einen verstorbenen Kumpel zu essen, um am Leben zu bleiben. Andere hatten bereits begonnen, Abschiedsbriefe an ihre Angehörigen zu schreiben.
Nach über zwei Wochen kam die Hoffnung: Ein kleiner Bohrer, knapp so breit wie eine Hand, erreicht den Schacht, in dem die Männer im Dunkeln ausharren. Sie kleben Dutzende von Zetteln an die Spitze. Nur zwei davon erreichen die Oberfläche. Das reicht aber schon, um ihre Stimmung entscheidend aufzuhellen. Die Männer erhielten Wasser, drei tägliche Mahlzeiten, Nachrichten von der Verwandtschaft - und Frischluft.
Erst verzweifelt, dann wählerisch
Die Probleme begannen, nachdem der erste Durst gestillt war, stellt Autor Franklin fest. In der Unterwelt kommt es plötzlich zu merkwürdigen Verhaltensweisen. Einige Männer erhalten in den darauffolgenden Wochen kleine Mengen Marihuana in den Briefsendungen. Sie ziehen sich mit anderen zurück, um zu rauchen und den «Stress abzubauen». Bald kriegen das die anderen mit – und werden eifersüchtig. «Mich hat nie jemand gefragt, ob ich auch rauchen will, dabei hätte ich das auch so sehr gebraucht», soll sich Samuel Avalos später beklagt haben.
Täglich gibt es Streit. Als der Fernseher kommt, werden die Kumpel auch noch lethargisch: Statt ihren Aufgaben nachzugehen, sitzen sie nun stundenlang vor dem Gerät. Gleichzeitig genügt ihnen die Unterstützung, die sie von der Oberfläche erhalten, immer weniger. Sie drohen mit Streik, schicken Früchte zurück, weil die nicht schmecken, oder das Geschenk einer chilenischen Firma, weil ihre eingravierten Namen falsch geschrieben waren. Die Männer, die immer noch ums Überleben kämpfen, sind plötzlich wählerisch geworden.
Puppen für alle – oder für keinen
Ein besonders interessantes Kapitel im Buch schildert den Vorfall mit den Sexpuppen: Am 43. Tag des Eingeschlossenseins kommt es zum heftigen Streit zwischen den Rettungsleuten und den Kumpeln. Eine Firma hatte ihnen zehn aufblasbare Puppen zu Verfügung gestellt. Die Männer im Schacht freuen sich darüber, wollen die Puppen so schnell wie möglich erhalten - dazu eine hohe Anzahl Kondome.
Die Psychologen auf der Oberfläche sind sich unschlüssig. Nach langem Hin und Her entscheiden sie: Sie wollen 33 Puppen für 33 Bergleute. Sie wissen, wie das sonst ausgeht. «Sie werden um die Puppen streiten», befürchtet ein Psychologe des Teams, Dr. Jean Romagnoli. «Wer darf jetzt? Wo ist meine ‹Freundin›?», zitiert Autor Franklin den Seelsorger. Als Kompromiss sendeten die Betreuer Posters mit Pin-Ups und pornografisches Material.
Jonathan Franklin gibt auch einen kurzen Einblick in die Rettungsaktion. Laut dem New Yorker Journalist sei es während der Live-Übertragung zu zwei Pannen gekommen. Einmal sei ein Videokabel beschädigt worden, ein anderes Mal sei ein heftiger Streit zwischen einem Rettungsmitarbeiter und einem chilenischen Marine-Soldaten, die für die Bergung zuständig waren, ausgebrochen. Beide Male wurde die Sendung unterbrochen. Die Milliarde Zuschauer auf der ganzen Welt merkte nichts davon – ihnen wurden alte Aufnahmen gezeigt.
(kle)



























