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Voodoo-Priester ist empört
22. Januar 2010 14:56; Akt: 22.01.2010 14:56 Print
«Die Toten werden wie Abfall behandelt»
Die Haitianer sind in erster Linie Christen, und doch praktiziert fast die gesamte Bevölkerung Voodoo, eine altertümliche afrikanische Religion. Darum ist es für Voodoo-Oberhaupt Max Beauvoir besonders ärgerlich, wie der Westen die Leichen der Erdbebenopfer behandelt.
«Präsident René Préval hat mich vor vier Tagen zu einer Sitzung mit dem Rest der Regierung gerufen», erzählt Max Beauvoir. Man habe über die internationale Hilfe gesprochen, die Verteilung der Hilfsgüter, das allgemeine Chaos. Nur das Thema der Beerdigung der Opfer wurde nicht angegangen – und gerade das liegt Beauvoir besonders am Herzen.
Voodoo-Oberhaupt Max Beauvoir
Der 74-Jährige ist das Oberhaupt des Voodoo-Glaubens auf Haiti. Und das bedeutet, dass er eine religiöse Respektsperson für die gesamte haitianische Bevölkerung ist – denn glaubt man den Reiseführern, sind «80 Prozent der Haitianer katholisch, 20 Prozent protestantisch und 100 Prozent praktizieren Voodoo.»
Beauvoir zeigt sich im Interview mit der spanischen Zeitung «El País» verärgert über die Art und Weise, wie die Toten in seinem Land behandelt werden. «Die Leichen werden wie Abfall behandelt, ohne die Würde und den Respekt, die sie verdient haben», sagt der Geistliche. «Ich weiss, dass die Situation komplex ist, und ich habe auch keine bessere Lösung», gibt er zu, «aber wenn wir uns dem Thema nur eine halbe Stunde gewidmet hätten, wäre sicher was herausgekommen.»
16 Leben für jeden
«Wir haben aber noch eine Chance, es besser zu machen», meint Beauvoir weiter, «es liegen noch viele Leichen da, die darauf warten, begraben zu werden.» Nach dem Voodoo-Glauben werden die Toten neun Tage lang aufgebahrt. «Es kommen alle zusammen, die den Toten kannten: Seine Verwandten, seine Freunde und seine Feinde. In dieser Zeit wohnen wir alle zusammen, wir teilen uns das Essen. Jeder sagt etwas über den Verstorbenen, egal, ob Gutes oder Böses.» Danach werde die Leiche begraben, die Seele gehe aber «ins Meer», erklärt der «Ati», so wird das Oberhaupt genannt.
Der Begräbnisprozess sei für Voodoo-Gläubige sehr wichtig, betont Beauvoir. Die Seele wohne ein Jahr und einen Tag oder sieben Jahre und einen Tag unter Wasser, um sich zu reinigen. «Es ist wichtig, dass der Westen weiss, dass wir an die Wiedergeburt glauben. Der Mensch lebt insgesamt achtmal als Mann und achtmal als Frau. Das ist so, weil es das Ziel des Lebens ist, zu lernen.» Nach diesem Ablauf wird «jeder Mensch, ohne Ausnahme, zu Gott gerufen und beginnt eine neue Existenz, in der er sich um das Wohl aller Lebewesen im Universum kümmert.»
Voodoo ist keine Hexerei
Beauvoir will klarstellen, dass der Voodoo-Glaube nichts mit dem Bild der Hexer zu tun hat, das weltweit verbreitet ist. Man steche weder mit Nadeln noch sonst welchen Werkzeugen auf Puppen ein. «Ich habe noch nie eine solche Puppe in Haiti gesehen. In jeder Gesellschaft gibt es gute und schlechte Menschen. Aber unser Glaube will keinen Schaden anrichten.» Voodoo habe eine religiöse und eine philosophische Komponente. «Wir haben ganz klar definierte Regeln, wie man sich verhalten muss. Voodoo gibt an, wie man zu essen, zu sitzen oder zu laufen hat». Das erlaube jedem Haitianer, einen Landsmann sofort zu erkennen.
Das schlechte Image vom Voodoo habe man dem Christentum und Ländern wie Frankreich, den USA oder Spanien zu verdanken. «Voodoo hat aus Haiti eine Nation gemacht. Unsere Unabhängigkeit wurde dank der Bwa-Kayiman-Zeremonie (Bois-Caïman) am 14. August 1791 erreicht. Haiti ist Voodoo», betont Beauvoir.
Auf die Frage, wieso Voodoo seinem Land nicht aus der Misere helfe, meint der Ati: «Die Spanier, Franzosen und Amerikaner haben uns nie vergeben, dass wir uns unabhängig machten. Sie tun alles, um uns das Leben zu erschweren. Aber das Schlimmste war, als die Christen an die Macht kamen, im Jahr 1816. Sie sind immer noch da, mit der Unterstützung der USA und Frankreichs.»
Seit 2003 ist Voodoo offiziell als Religion anerkannt. Der damalige Präsident Aristide gewährte Voodoo-Priestern damals das Recht, Ehen zu schliessen, Taufen durchzuführen und Begräbnisse zu leiten. Die jetzige Regierung unter Präsident Préval zeige nicht sehr viel Verständnis für die afrikanische Religion. «Ich bin dankbar, dass Präsident Préval mich zur Sitzung eingeladen hat, aber er bevorzugt die Kirche von Rom, die Europäer und die Westlichen, die ihren Religionen mehr Wert zumessen als der afrikanischen.»
(kle)




























