Ihre Story, Ihre Informationen, Ihr Hinweis?
feedback@20minuten.ch 
Fussball in Haiti
05. Februar 2010 06:36; Akt: 05.02.2010 07:03 Print
«Hier haben wir wenigstens Tore»
Das nationale Fussballstadion in Port-au-Prince, dessen Fassade teils eingestürzt ist, bleibt trotz allem ein Hoffnungsschimmer für viele Kinder, die das Erdbeben überlebt, aber fast alles verloren haben. Wie zum Beispiel für James. Er will Fussballer werden. Oder: Wie Kinderträume Katastrophen überleben.

Kinder spielen im Nationalstadion bei Port-au-Prince Fussball.
-
Haiti: Amerikaner wollten 33 Kinder entführen
-
UNICEF-Bericht: «Katastrophen treffen Kinder am schwersten»
-
Haiti: 200 000 Tote - Massenimpfung gestartet
-
Brandneu: Hören Sie den Haiti-Benefiz-Song!
-
Gerichtsentscheid: Keine Diktatoren-Gelder für die Haiti-Hilfe
- Dossiers
-
Erdbeben in Haiti
- Was meinen Sie?
-
Erdbeben in Haiti
-
Timeline Haiti
-
Die Wunder von Haiti
-
Die Waisenkinder von Haiti
-
Haitianer flüchten – egal wohin
-
Amputation als letzter Ausweg
-
Haiti - Sekunden nach dem Beben
-
Amateurvideo: Der Schock kurz nach dem Beben
-
Haiti: Kirche kurz nach Einsturz gefilmt
-
So sieht das zerstörte Haiti von oben aus
-
Bilder der Erdstösse in Haiti
«Wir spielen hier jeden Tag Fussball», sagt der sechsjährige James und kickt einen platten Ball auf die Torwand. «Wenn ich gross bin, will ich in der Nationalmannschaft spielen, am liebsten gegen Brasilien.»
Das zerstörte Stadion in Port-au-Prince von oben.(Bild: AFP)
Das Fussballtor in ein Zelt umfunktioniert.(Bild: Keystone/AP)
Zahl der Erdbeben-Toten steigt auf 212 000
Die Zahl der beim schweren Erdbeben in Haiti getöteten Menschen hat sich auf 212 000 erhöht. So viele Leichen seien in Port-au-Prince und ausserhalb inzwischen geborgen worden, sagte Regierungschef Jean-Max Bellerive am Donnerstag (Ortszeit) dem US-Sender CNN.
Immer noch würden unter Trümmern vereinzelte Tote entdeckt, sagte Bellerive. Erst am Mittwoch hatte der Regierungschef die offizielle Statistik auf mehr als 200 000 Tote korrigiert. Zuvor war von 170 000 Getöteten die Rede gewesen.
Mehr als 300 000 Menschen seien bei dem Beben am 12. Januar verletzt worden, sagte Bellerive dem Sender weiter. Die meisten hätten inzwischen medizinische Hilfe erhalten.
Angesichts der Tatsache, dass schon vor dem Erdbeben in Haiti zahlreiche Menschen obdachlos waren, sei nun davon auszugehen, dass etwa 2 Millionen Haitianer kein festes Dach über dem Kopf hätten. Das arme Land in der Karibik hat insgesamt etwa 9 Millionen Einwohner. (sda)
Der Kindertraum hat die Katastrophe überlebt - doch im Nationalstadion von Port-au-Prince ist nichts mehr wie vorher. Statt Fussballidole bevölkern mehr als 4000 Männer, Frauen und Kinder den Kunstrasen. Wie der kleine James haben sie ihr Zuhause beim verheerenden Erdbeben am 12. Januar verloren.
Auch die Fassade des Sylvio-Cator-Nationalstadions ist zum Teil eingestürzt. Der staubige Kunstrasen dient jetzt wie fast alle öffentlichen Flächen und Parks in der Hauptstadt als Unterkunft für Obdachlose. Aus Holzverschlägen und Planen ist eine notdürftige Zeltstadt entstanden. Am Spielfeldrand stinkt es nach Urin.
Willkommene Ablenkung
Doch James ist froh, dass die Regierung das Stadion als Notunterkunft geöffnet hat. Nach der Katastrophe sind Sport und Spiel eine willkommene Ablenkung.
Im Unterschied zur benachbarten Dominikanischen Republik, wo alle dem Nationalsport Baseball anhängen, ist Haiti ein Land des Fussballs. Europäische Turniere werden hier live am Fernseher verfolgt, in mancher europäischen Liga spielen haitianische Profis.
Selbst der kleinste Müllplatz diente vor dem Erdbeben als Fussballfeld. Junge und Ältere kickten leere Getränkedosen oder kleine Bälle in improvisierte Tore. Auch im Nationalstadion wird weiter auf die Torwände geschossen. Doch der offizielle Fussball legt eine Zwangspause ein.
«Unser Verband hat durch diese Katastrophe 30 Mitarbeiter verloren», sagt Fussballpräsident Yves-Jean Bart. «Unsere Spieler haben fast alles verloren.» Unter den Trümmern seines Hauptquartiers werden noch immer Verbandsmitarbeiter vermisst.
Spiele abgesagt
Liga-Chef Gary Nicholas spricht von einem «wahren Desaster». Alle Spiele seien bis auf Weiters abgesagt. «Unter den jetzigen Umständen können wir frühestens in sechs Monaten daran denken, unsere Aktivitäten wieder aufzunehmen.»
Glück im Unglück hatte die Nationalmannschaft: Die meisten Kadermitglieder spielen in europäischen oder US-Clubs und waren deshalb ausser Landes, als das Erdbeben Haiti zerstörte.
Im Nationalstadion hat Verbandsmitarbeiter Saint-Louis Rolny die Aufsicht übernommen. Viel kann er für die verzweifelten Menschen, die dort Obdach erhalten haben, allerdings nicht tun. «Wir haben keine Lebensmittel», sagt er. Doch wer Hilfslieferungen erhalten habe, der teile sie auch.
«Wenigstens haben wir Tore»
Auf dem Parkplatz, wo sich sonst die Fans drängen, waschen sich Frauen und Kinder mit schmutzigem Wasser. Irgendwann werde hier auch wieder Fussball gespielt, ist Rolny überzeugt. «Die Menschen werden damit nicht aufhören - auch wenn das jetzt nicht das Wichtigste ist», sagt er.
Selbst ihrer ärmlichen, improvisierten Unterkunft gewinnen manche noch Positives ab. Der 16-jährige Gerard Rene zum Beispiel will das Stadion keinesfalls gegen eine andere Notunterkunft tauschen, etwa den Park beim zerstörten Präsidentenpalast. «Dort gibt es nichts, hier haben wir wenigstens Tore.»
(sda)


























