Fussball in Haiti

05. Februar 2010 06:36; Akt: 05.02.2010 07:03 Print

«Hier haben wir wenigstens Tore»«Hier haben wir wenigstens Tore»

Das nationale Fussballstadion in Port-au-Prince, dessen Fassade teils eingestürzt ist, bleibt trotz allem ein Hoffnungsschimmer für viele Kinder, die das Erdbeben überlebt, aber fast alles verloren haben. Wie zum Beispiel für James. Er will Fussballer werden. Oder: Wie Kinderträume Katastrophen überleben.

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Kinder spielen im Nationalstadion bei Port-au-Prince Fussball.

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«Wir spielen hier jeden Tag Fussball», sagt der sechsjährige James und kickt einen platten Ball auf die Torwand. «Wenn ich gross bin, will ich in der Nationalmannschaft spielen, am liebsten gegen Brasilien.»

Der Kindertraum hat die Katastrophe überlebt - doch im Nationalstadion von Port-au-Prince ist nichts mehr wie vorher. Statt Fussballidole bevölkern mehr als 4000 Männer, Frauen und Kinder den Kunstrasen. Wie der kleine James haben sie ihr Zuhause beim verheerenden Erdbeben am 12. Januar verloren.

Auch die Fassade des Sylvio-Cator-Nationalstadions ist zum Teil eingestürzt. Der staubige Kunstrasen dient jetzt wie fast alle öffentlichen Flächen und Parks in der Hauptstadt als Unterkunft für Obdachlose. Aus Holzverschlägen und Planen ist eine notdürftige Zeltstadt entstanden. Am Spielfeldrand stinkt es nach Urin.

Willkommene Ablenkung

Doch James ist froh, dass die Regierung das Stadion als Notunterkunft geöffnet hat. Nach der Katastrophe sind Sport und Spiel eine willkommene Ablenkung.

Im Unterschied zur benachbarten Dominikanischen Republik, wo alle dem Nationalsport Baseball anhängen, ist Haiti ein Land des Fussballs. Europäische Turniere werden hier live am Fernseher verfolgt, in mancher europäischen Liga spielen haitianische Profis.

Selbst der kleinste Müllplatz diente vor dem Erdbeben als Fussballfeld. Junge und Ältere kickten leere Getränkedosen oder kleine Bälle in improvisierte Tore. Auch im Nationalstadion wird weiter auf die Torwände geschossen. Doch der offizielle Fussball legt eine Zwangspause ein.

«Unser Verband hat durch diese Katastrophe 30 Mitarbeiter verloren», sagt Fussballpräsident Yves-Jean Bart. «Unsere Spieler haben fast alles verloren.» Unter den Trümmern seines Hauptquartiers werden noch immer Verbandsmitarbeiter vermisst.

Spiele abgesagt

Liga-Chef Gary Nicholas spricht von einem «wahren Desaster». Alle Spiele seien bis auf Weiters abgesagt. «Unter den jetzigen Umständen können wir frühestens in sechs Monaten daran denken, unsere Aktivitäten wieder aufzunehmen.»

Glück im Unglück hatte die Nationalmannschaft: Die meisten Kadermitglieder spielen in europäischen oder US-Clubs und waren deshalb ausser Landes, als das Erdbeben Haiti zerstörte.

Im Nationalstadion hat Verbandsmitarbeiter Saint-Louis Rolny die Aufsicht übernommen. Viel kann er für die verzweifelten Menschen, die dort Obdach erhalten haben, allerdings nicht tun. «Wir haben keine Lebensmittel», sagt er. Doch wer Hilfslieferungen erhalten habe, der teile sie auch.

«Wenigstens haben wir Tore»

Auf dem Parkplatz, wo sich sonst die Fans drängen, waschen sich Frauen und Kinder mit schmutzigem Wasser. Irgendwann werde hier auch wieder Fussball gespielt, ist Rolny überzeugt. «Die Menschen werden damit nicht aufhören - auch wenn das jetzt nicht das Wichtigste ist», sagt er.

Selbst ihrer ärmlichen, improvisierten Unterkunft gewinnen manche noch Positives ab. Der 16-jährige Gerard Rene zum Beispiel will das Stadion keinesfalls gegen eine andere Notunterkunft tauschen, etwa den Park beim zerstörten Präsidentenpalast. «Dort gibt es nichts, hier haben wir wenigstens Tore.»

(sda)