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Haiti nach dem Beben
17. Januar 2010 14:28; Akt: 17.01.2010 15:54 Print
«Im Leichensack waren nur die Beine drin»
von Michelle Faul, AP - Sie warten vor eingestürzten Schulen und zertrümmerten Märkten, suchen nach Geschwistern, Kindern, Eltern. Sie stehen vor den Schuttbergen von Häusern, in denen sich während des Erdbebens ihre Liebsten aufgehalten haben dürften. Die Suche nach den Vermissten ist für die Überlebenden sehr schwierig.
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Die Waisenkinder von Haiti
Überall in den Ruinen von Port-au-Prince sind die Überlebenden auf der Suche nach Angehörigen, wollen wissen, ob sie mit dem Leben davon gekommen sind, verletzt sind - oder in Massengräbern begraben.
Die Stimmung schwankt zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Fünf Tage sind seit dem Erdbeben vergangen, das Chaos ist geblieben. Johanne Lerebours, eine 43-jährige Kindergartenlehrerin, steht vor den Trümmern eines Hotels, in dem ihr Bruder am Dienstagnachmittag war. Eine Frau ist gerade lebend geborgen worden, wenig später sieht sie, wie Bergungstrupps eine Leiche wegtragen, die sie in einen silbernen Sack gesteckt haben. «Ich hoffe, dass ich da nicht meinen Bruder finde. Ich weiss es nicht, aber ich muss es wissen», sagt Lerebours.
Sie konnte sich bisher nicht überwinden, in solche Leichensäcke zu schauen. Die Bergungsmannschaften bitten Umstehende darum, um Tote zu identifizieren. «Es ist klar, dass die Leichen aufgebläht sind. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass dieser Anblick die letzte Erinnerung an meinen Bruder sein könnte. Ich habe schliesslich in einen (Leichensack) hineingeschaut. Da waren nur die Beine von jemandem drin.»
Haitianer im Ausland nutzen bei der Suche von Verwandten das Internet - den Menschen vor Ort bleiben nur Ausrufer, die durch die Strassen gehen und die Namen Vermisster herausschreien und den Ort, wo Angehörige auf ihn oder sie warten. Die Kommunikations-Infrastruktur liegt wie vieles in Haiti in Trümmern, nur ein Mobiltelefonnetz funktioniert sporadisch. Die Telefonleitungen sind tot. Den Haitianern bleibt wieder einmal nur «Radio Jol», der «Buschfunk»: Informationen, die von Mund zu Mund weitergegeben werden.
Der Hunger nach Informationen ist vieltausendfach: Auf einer für die Suche nach Vermissten eingerichteten Webseite des Roten Kreuzes wurden innerhalb von 24 Stunden
«Jeder hat seine eigene Geschichte»
«Jeder, mit dem man spricht, hat seine eigene Geschichte», sagt Lerebours. «Die Frau, die für mich kocht, weiss nicht, ob ihre Mutter am Leben ist.» Auch über den Verbleib ihrer Schwester und deren vier Kinder wisse die Köchin nichts. Deren Haus im Vorort Nerette sei einfach verschwunden. «Das ist so ein Trümmerchaos, sie haben niemanden finden können, der berichten konnte, was passiert ist.»
Hin und wieder gibt es Nachrichten, die besser sind als die schlimmsten Befürchtungen, die die meisten hegen. So seien in einem Waisenhaus im Bezirk Nazon nicht alle Bewohner ungekommen. «Neun Menschen sind ums Leben gekommen, und wir haben 56 Überlebende», sagt der 38-jährige Nozile Claude. «Das Gerücht war, dass sie alle tot sind, weil das Waisenhaus komplett eingestürzt ist.»
Doch viele haben die Hoffnung aufgegeben, vermisste Angehörige lebend wiederzufinden. «Wir können vier Mitglieder unserer Familie nicht finden, ich habe keine Hoffnung mehr», sagt Benson Charles, ein 21-jähriger Student. «20 von uns sind aus dem Haus rausgekommen, nachdem es eingestürzt ist. Wir konnten nichts für die anderen tun.»


























