Haiti nach dem Beben

17. Januar 2010 14:28; Akt: 17.01.2010 15:54 Print

«Im Leichensack waren nur die Beine drin»«Im Leichensack waren nur die Beine drin»

von Michelle Faul, AP - Sie warten vor eingestürzten Schulen und zertrümmerten Märkten, suchen nach Geschwistern, Kindern, Eltern. Sie stehen vor den Schuttbergen von Häusern, in denen sich während des Erdbebens ihre Liebsten aufgehalten haben dürften. Die Suche nach den Vermissten ist für die Überlebenden sehr schwierig.

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Ein dritter Schweizer Hilfsflug brachte am 25. Januar weitere 105 Tonnen Hilfsgüter in das Katastrophengebiet. 400 000 Menschen sollen wegen katastrophaler hygienischer Zustände aus den Zeltstädten in Port-au-Prince nach ausserhalb umgesiedelt werden, wie die haitianische Regierung am 21. Januar bekannt gab. In den Massengräbern werden jeden Tag tausende Leichen beigesetzt. Die US-Luftwaffe wirft Hilfsgüter über Haiti ab. Und so sieht ein Abwurf von unten aus. Ein Helikopter des Flugzeugträgers USS Carl Vinson bringt Hilfsgüter, die von Haitianern und Uno-Mitarbeitern in Empfang genommen werden. US-Helikopter nehmen beim Flughafen von Port-au-Prince Güter auf, um sie in der Stadt abzusetzen. Peruanische Uno-Blauhelmsoldaten sorgen für Ordnung bei einer Nahrungsmittelverteilung durch dominikanische Helfer. Haitianer kämpfen um Essenspakete während einer Verteilung durch die Uno. Ein Polizist stellt einen jungen Plünderer inmitten der Ruinen. Ein jordanischer Polizist der Uno bedroht Haitianer mit einem Tränengasgewehr. Die Haitianer betteln um Arbeit vor einem Haupteingang zum Flughafen von Port-au-Prince. US-Soldaten patroullieren durchs Zentrum von Port-au-Prince. US-Soldaten nach ihrer Landung am Flughafen von Port-au-Prince. Plünderer in einer Einkaufsstrasse der haitianischen Hauptstadt. Plünderung und Anarchie in Port-au-Prince. Mit dem Messer gehen die Menschen aufeinander los, um sich Essen und anderes zu ergattern. Wer nicht entkommen kann, wird von der Polizei festgenommen. Plünderungen in Port-au-Prince. Apokalyptische Zustände in der Hauptstadt von Haiti. Verzweiflung schlägt in Wut um. Auf dem Flughafen von Port-au-Prince geht nichts mehr. 200 Evakuierte werden mit der C-17 Globemaster nach Orlando in Florida geflogen. Ein haitianischer Polizist verhaftet einen mutmasslichen Plünderer in Port-au-Prince. Türkische Retter bei der Arbeit auf den Trümmern eines eingestürzten Supermarktes in Port-au-Prince. Zusammen mit amerikanischen Kollegen gelang es ihnen am 17. Januar drei Menschen nach fünf Tagen lebend zu bergen. Die Menschen rennen in Scharen zu einem US-Helikopter, der am 16. Janaur Wasser abwirft. Vor den Ausgabestellen für Nahrungsmittel und Trinkwasser bilden sich jeweils lange Schlangen. Sicherheitskräfte müssen haben alle Hände voll zu tun, um dort die Ordnung aufrechtzuerhalten. Ärzte aus aller Welt kümmern sich unter widrigsten Bedingungen um die Versorgung der Verletzten. Glücklich ist, wer in Port-au-Prince wenigstens ein (Zelt-)Dach über dem Kopf hat. Hunderttausende müssen seit Tagen unter freiem Himmel schlafen, wie diese Verletzen vor dem General Hospital in Port-au-Prince. Immer häufiger kommt es in der Hauptstadt Haitis zu Plünderungen, oft bandenmässig organisiert. Auch im Kampf um Nahrungsmittel kommt es vermehrt zu Gewaltausbrüchen. Wer Essen hat, lebt in Port-au-Prince gefährlich. Der erste Schweizer Hilfsflug (hier bei der Beladung auf dem Flughafen Zürich) ist am 16. Januar in Haiti gelandet. 30 Tonnen Hilfsgüter an Bord sollen Menschen helfen. Auf dem Flugzeugträger USS Carl Vinson werden Helikopter mit Hilfsgütern beladen. Ein verletzter Amerikaner wird auf die Carl Vinson zur Pflege gebracht. Die Plätze in Haiti sind auch drei Tage nach der Katastrophe mit Leichen übersät. Ganze Strassenzüge liegen in Schutt. Mit blossen Händen wird in den Trümmern nach Überlebenden gesucht. Überall zerstörte Gebäude. Menschen flüchten aus der zerstörten Stadt. Trinkwasser ist zum raren Gut geworden. Leichen, so weit das Auge reicht. Menschen suchen nach ihren vermissten Verwandten und Bekannten. Der Präsidentenpalast ist nur noch eine Ruine. Luftaufnahmen von Port-au-Prince zeigen das unglaubliche Ausmass der Zerstörung. Auch die Kathedrale wurde weitgehend zerstört. Kein Stein blieb auf dem anderen. US-Soldaten entladen Flugzeuge mit Hilfsgütern in Port-au-Prince. Leichen liegen überall herum. Leute schlafen auf offener Strasse. Helfer bergen einen Toten. Leichen werden an die Strassenränder gelegt. Häuser sind einfach umgekippt. Google Earth zeigt Satellitenbilder vor und nach dem Erdbeben. Die Zerstörung ist unfassbar. Wie viele Menschen unter den Trümmern begraben wurden, war am 13. Januar noch nicht klar. Der haitianische Ministerpräsident Jean-Max Bellerive befürchtete, es könnten über 100 000 sein. Überlebende irrten durch die Strassen. Hilfe war am ersten Tag nur sehr spärlich vorhanden. Hilfesuchende beim Gebäude von Medecins Sans Frontières. Der haitianische Musiker Wyclef Jean trifft am Mittwoch in Port-au-Prince ein. Er hatte zur Hilfe aufgerufen. Ein verletztes Kind wird medizinisch betreut. Fieberhafte Suche nach Verschütteten. Verängstigte Menschen sammeln sich in den Strassen von Port-au-Prince. Ein Verletzter wartet auf medizinische Hilfe. Schockierte Bewohner von Port-au-Prince inmitten der Trümmer. Viele Kinder wurden verletzt. Der Präsidentenpalast in Port-au-Prince ist eingestürzt. So sah der Palast vor dem Erdbeben aus. Ein Mann, der in den Trümmern der Universität von Port-au-Prince eingeklemmt ist, ruft nach Hilfe. Ein Haus in Thomassin, 19 Kilometer ausserhalb der Hauptstadt, ist in sich zusammengebrochen. Menschen versuchen Erbebenopfer zu bergen. Eine Grafik des Geologischen Instituts der USA zeigt die Verteilung der Erdbebenstärken (rot = starke Schäden zu erwarten; danach abnehmend über gelb = leichte zu erwartende Schäden bis türkis, keine Schäden zu erwarten). Notdürftige Versorgung der Verletzten in Port-au-Prince. Hier im Hotel Villa Créole. Die Zerstörung ist bei vielen Häusern total. Die Leute flüchten auf die Strassen. Ein verletzter Junge wird verarztet. Die Menschen wurden vom Erdbeben völlig überrascht. Diese Frau konnte aus den Trümmern gerettet werden. Eine verletzte Frau wird von Helfern weggebracht. Der Schaden an den Gebäuden ist enorm, hier das Hotel Créole. Amerikanische Rettungskräfte machen sich zum Abflug bereit. Feuerausbruch nach dem Erdbeben. Ganze Strassenzüge in Port-au-Prince sind verwüstet. Wie viele Todesopfer das Erdbeben gefordert hat, war Stunden später noch unklar. Ein völlig zerstörtes Haus in Port-au-Prince.

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Überall in den Ruinen von Port-au-Prince sind die Überlebenden auf der Suche nach Angehörigen, wollen wissen, ob sie mit dem Leben davon gekommen sind, verletzt sind - oder in Massengräbern begraben.

Die Stimmung schwankt zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Fünf Tage sind seit dem Erdbeben vergangen, das Chaos ist geblieben. Johanne Lerebours, eine 43-jährige Kindergartenlehrerin, steht vor den Trümmern eines Hotels, in dem ihr Bruder am Dienstagnachmittag war. Eine Frau ist gerade lebend geborgen worden, wenig später sieht sie, wie Bergungstrupps eine Leiche wegtragen, die sie in einen silbernen Sack gesteckt haben. «Ich hoffe, dass ich da nicht meinen Bruder finde. Ich weiss es nicht, aber ich muss es wissen», sagt Lerebours.

Sie konnte sich bisher nicht überwinden, in solche Leichensäcke zu schauen. Die Bergungsmannschaften bitten Umstehende darum, um Tote zu identifizieren. «Es ist klar, dass die Leichen aufgebläht sind. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass dieser Anblick die letzte Erinnerung an meinen Bruder sein könnte. Ich habe schliesslich in einen (Leichensack) hineingeschaut. Da waren nur die Beine von jemandem drin.»

Haitianer im Ausland nutzen bei der Suche von Verwandten das Internet - den Menschen vor Ort bleiben nur Ausrufer, die durch die Strassen gehen und die Namen Vermisster herausschreien und den Ort, wo Angehörige auf ihn oder sie warten. Die Kommunikations-Infrastruktur liegt wie vieles in Haiti in Trümmern, nur ein Mobiltelefonnetz funktioniert sporadisch. Die Telefonleitungen sind tot. Den Haitianern bleibt wieder einmal nur «Radio Jol», der «Buschfunk»: Informationen, die von Mund zu Mund weitergegeben werden.

Der Hunger nach Informationen ist vieltausendfach: Auf einer für die Suche nach Vermissten eingerichteten Webseite des Roten Kreuzes wurden innerhalb von 24 Stunden 18 000 Namen eingetragen.


«Jeder hat seine eigene Geschichte»

«Jeder, mit dem man spricht, hat seine eigene Geschichte», sagt Lerebours. «Die Frau, die für mich kocht, weiss nicht, ob ihre Mutter am Leben ist.» Auch über den Verbleib ihrer Schwester und deren vier Kinder wisse die Köchin nichts. Deren Haus im Vorort Nerette sei einfach verschwunden. «Das ist so ein Trümmerchaos, sie haben niemanden finden können, der berichten konnte, was passiert ist.»

Hin und wieder gibt es Nachrichten, die besser sind als die schlimmsten Befürchtungen, die die meisten hegen. So seien in einem Waisenhaus im Bezirk Nazon nicht alle Bewohner ungekommen. «Neun Menschen sind ums Leben gekommen, und wir haben 56 Überlebende», sagt der 38-jährige Nozile Claude. «Das Gerücht war, dass sie alle tot sind, weil das Waisenhaus komplett eingestürzt ist.»

Doch viele haben die Hoffnung aufgegeben, vermisste Angehörige lebend wiederzufinden. «Wir können vier Mitglieder unserer Familie nicht finden, ich habe keine Hoffnung mehr», sagt Benson Charles, ein 21-jähriger Student. «20 von uns sind aus dem Haus rausgekommen, nachdem es eingestürzt ist. Wir konnten nichts für die anderen tun.»