Beben in Haiti

31. Mai 2011 08:38; Akt: 31.05.2011 08:42 Print

Bericht zieht Zahl der Opfer in ZweifelBericht zieht Zahl der Opfer in Zweifel

von Trenton Daniel, ap - Ein US-Bericht schätzt, dass Haiti nach dem verheerenden Beben die Zahl der Todesopfer um das Vier- bis Siebenfache zu hoch veranschlagt hat. Wegen seiner Brisanz bleibt der Bericht noch unveröffentlicht.

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Gestern und heute: Haitis Präsidentenpalast im Januar 2010 und ein Jahr später (unten). Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti prägen Armut und Elend das Leben der Menschen in den zerstörten Gebieten in und um die Hauptstadt Port-au-Prince. Für viele der rund neun Millionen Einwohner Haitis ist die Lage noch immer dramatisch. In Port-au-Prince, wo noch immer 1,3 Millionen Obdachlose in provisorischen Camps leben, seien die Besitzverhältnisse völlig unklar. «Wir können keine neuen Häuser bauen, wenn nicht klar ist, wem das Land gehört», erklären die Helfer. Deshalb konzentrieren sich die meisten Schweizer Hilfswerke auf ländliche Regionen, wo die sozialen Strukturen überschaubarer sind. Ein Jahr nach dem Erdbeben vom 12. Januar 2010 gehe es darum, möglichst vielen Menschen in den betroffenen Gebieten die Rückkehr in eine gewisse Normalität und in ein würdevolles und sicheres Leben zu ermöglichen. Die Partner der Glückskette haben Wiederaufbauprojekte für Häuser, Landwirtschaft und Kleinstunternehmen gestartet. Neben der Armut breitet sich in vielen Teilen des Landes die Gewalt aus: Plünderungen und Strassenschlachten gefährden nicht zuletzt die Arbeit der Hilfsorganisationen. Die Hilfe sei schwierig und laufe sehr langsam, teilte die Glückskette ein Jahr nach der Katastrophe mit. Der Karibikstaat sei ein permanenter Notfall, behaupten Mitarbeiter diverser Hilfsorganisationen. Die Rahmenbedingungen seien äusserst schwierig und stellten die Organisationen vor neue Herausforderungen. «Was in andern Ländern geht, geht in Haiti nicht oder nur sehr langsam», lautet ein verbreitetes Urteil. Die Not- und Wiederaufbauhilfe brauche Zeit. Man rechne mit mindestens fünf Jahren. Derzeit findet der Wiederaufbau in den ländlichen Regionen des Erdbebengebietes westlich der Hauptstadt Port-au-Prince statt. Erst im Oktober, neun Monate nach dem Beben, habe Haitis Administration die neuen, erdbebensicheren Standards vorgelegt. Der Staat in Haiti ist faktisch inexistent. Für Bildung und medizinische Versorgung zuständig sind humanitäre Organisationen. Beim Wiederaufbau sind die Hilfswerke mit zahlreichen Problemen konfrontiert. Die Hilfe soll langfristig sein und mehrere Jahre dauern.

Haiti ein Jahr nach dem grossen Beben.

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Bei dem verheerenden Erdbeben in Haiti im vergangenen Jahr sind laut einem von der US-Regierung in Auftrag gegeben Bericht weitaus weniger Menschen ums Leben gekommen und obdachlos geworden als bislang angenommen. Die Zahl der Todesopfer liege schätzungsweise zwischen 46 000 und 85 000, heisst es in dem Report. Die haitianische Regierung hatte die Opferzahl mit 316 000 angegeben. Das Aussenministerium in Washington erklärte, wegen Unstimmigkeiten werde der Bericht vorerst aber nicht veröffentlicht.

Die Unterlagen, die in Kopie der Nachrichtenagentur AP zugingen, wurden von einer Consultingfirma für die US-Entwicklungshilfe-Behörde USAID erstellt. Öffentlich gemacht würden sie erst, wenn interne Widersprüche geklärt seien, erklärte eine Sprecherin des Aussenministeriums, Preeti Shah, am Montag. Ob sich die Ergebnisse durch die Überprüfung deutlich verändern könnten, sagte sie nicht.

Der Bericht beruht auf statistischen Stichproben aus einem von dem Erdbeben besonders schwer getroffenen Teil der Hauptstadt Port-au-Prince. Befragt wurden dafür im Januar Menschen in knapp 5200 Haushalten.

Halb so viel Schutt wie zunächst angenommen

Demnach wurden nach der Katastrophe schätzungsweise 895 000 Menschen in provisorischen Lagern untergebracht, von denen laut Bericht inzwischen nur noch etwa 375 000 in Zelten und dürftigen Hütten leben. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) hat dagegen erklärt, von ursprünglich 1,5 Millionen Obdachlosen müssten noch immer 680 000 in provisorischen Unterkünften in der Umgebung von Port-au-Prince hausen.

In dem US-Bericht heisst es ausserdem, durch das Erdbeben sei nicht einmal halb so viel Schutt entstanden wie zunächst angenommen. Das Ingenieurkorps der US-Streitkräfte hatte das Ausmass der Trümmer auf etwa 20 Millionen Kubikmeter geschätzt.

Büro von Exministerpräsident hält an eigenen Zahlen fest

Die dramatischen Opferzahlen und das Ausmass der Zerstörung hatten eine Milliardenunterstützung für Haiti zur Folge. Allein bei einer Geberkonferenz der Vereinten Nationen im März vergangenen Jahres wurden 5,5 Milliarden Dollar zugesagt. Allerdings waren zur von der haitianischen Regierung genannten Zahl der Todesopfer schon in den Tagen nach den Beben kritische Stimmen laut geworden.

Das Büro des damaligen haitianischen Präsidenten Jean-Max Bellerive, dem die AP einen Bericht des US-Reports zusandte, erklärte, man stehe weiter zu den im vergangenen Jahr veröffentlichten Zahlen. Eine Hochrechnung wie in den neuen Unterlagen sei «kaum schlüssig», sagte Bellerives Beraterin Alice Blanchet.