Haiti – ein Jahr danach

12. Januar 2011 14:08; Akt: 12.01.2011 14:14 Print

Darlene kann wieder lächelnDarlene kann wieder lächeln

Die 17-jährige Darlene Etienne wurde 15 Tage nach dem Erdbeben lebend aus den Trümmern gerettet. Mittlerweile hat sie sich erholt – doch die Strapazen wirken nach.

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Das ist Darlene Etienne am 9. Januar 2011. Die heute 17-Jährige war 15 Tage nach dem Erdbeben aus den Trümmern gerettet worden. Am 27. Januar 2010 ging dieses Bild um die Welt: Darlene, kreideweiss, wird vom Rettungsteam versorgt. Das Mädchen hatte eine Beinverletzung erlitten und stand unter Schock. Ein Jahr nach der Tragödie wohnt sie mit der Grossmutter auf dem Land und geht wieder zur Schule. Körperlich hat sich Darlene vollkommen erholt. Doch vergessen kann sie die Tage unter Schutt und Asche nicht. In den Bildern von damals erkennt sie sich heute kaum. In den Tagen nach dem 12. Januar 2010 sorgte auch ein 27-jähriger Mann für ein wahres Wunder: Vier Wochen nach dem Erdbeben, am 8. Februar, wurde er aus den Trümmern eines eingestürzten Gebäudes in Port-au-Prince lebend geborgen. Ein Tag vor Darlene war Rico Dibrivell nach zwölf Tagen aus den Trümmern gerettet worden. Er war zwei Tage nach dem schweren Beben während eines Nachbebens verschüttet worden. Am 23. Januar war Wismond Exantus lebend aus den Trümmern geborgen worden. Ein französisches Rettungsteam befreite ihn aus seinem dunklen Gefängnis - nachdem die Suche nach Überlebenden offiziell eingestellt war. Am 21. Januar wurde ein Fünfjähriger unverletzt aus den Trümmern seines eingestürzten Hauses geborgen. Seine Verwandten wollten zunächst seine Leiche bergen, doch plötzlich hätten sie jemanden rufen gehört. In der Hauptstadt Port-au-Prince zogen Nachbarn am 20. Januar die elfjährige Mendji Bahina Sanon aus einem zerstörten Haus. «Es ist ein wahres Wunder, sie kommt Stück für Stück zurück ins Leben», sagte die behandelnde Ärztin. Die 69-jährige Anna Zizi wurde am 20. Januar in den Trümmern der einstigen Residenz des Erzbischofs gefunden. «Ich bin okay», sagte sie, als sie von mexikanischen Rettungskräften auf einer Trage weggebracht wurde. Auch Hotteline Lozama überlebte eine Woche unter den Trümmern ohne Essen und Trinken. Französische Helfer zogen die 25-Jährige aus den Ruinen eines Supermarktes. Pierre Louis Ronny wird am 19. Januar aus dem eingestürzten Gebäude der haitianischen Telekom-Firma Teleco gerettet. Plünderer hatten den Mann schreien gehört. Hunderte seiner Arbeitskollegen starben beim Einsturz. Am gleichen Tag haben israelische Rettungskräfte noch eine Überlebende geborgen. Die 23-jährige Studentin Maxine Fallon ist aus den Trümmern der Universität in Port-au-Prince gerettet worden. Maxi Phalone (rechts) umarmt einen Helfer, nachdem ihre Schwester nach sechs Tagen lebend aus den Trümmern ihres Hauses gerettet wurde. Der israelische Rettungsarzt Avi Berman hat am 18. Januar ein Baby aus einem eingestürzten Gebäude gerettet. Die Eltern des Kindes konnten nur noch tot geborgen werden. Fadel Almaghrabi (Mitte) wurde am 17. Januar im eingestürtzen Caribbean Market in Port-au-Prince lebend gefunden. Mitarbeiter des Internationalen Roten Kreuzes konnten gleichentags auch Jesula aus dem Trümmern der Universität in Petionville retten. Die 28-jährige Saint Helene Jean Luis wurde am 16. Januar aus den Trümmern der Universität Port-au-Prince lebend geborgen. Retter aus Spanien und Taiwan können am 17. Januar diesen Mann aus den Trümmern bergen. UNO-Mitarbeiter Jens Kristensen lag fünf Tage vergraben unter dem beschädigten UNO-Gebäude. Etwa 150 Mitarbeiter dürfte die Weltorganisation an einem Tag verloren haben - das ist mehr als je zuvor. Die Mitbesitzerin des Hotels Montana, Nadine Cardoso, wird am 17. Januar lebend geborgen. Der Lehrer der Schule St. Gerard, Jean Baptiste Patrick, kann am 16. Januar lebend aus den Trümmern der Schule gezogen werden. 300 Kinder wurden beim Einsturz getötet. Die 16 Monate alte Winnie Tilin wird am 15. Januar gerettet und in das Zelt der Kinderorganisation «Save the Children» gebracht. Mexikanische und israelische Retter können die 19-jährige Josyanne Petidelle am 15. Januar wiederbeleben. Ein Haitianer bringt den geretteten Samael Jachond in ein Feldspital, nachdem das Kind vier Tage lang unter den Ruinen seines Hauses gelegen hatte. Der zweijährige Redjeson Hausteen wurde unter Trümmern seines Elternhauses begraben. Zwei Tage wartete er zwischen Staub und Gestein auf Hilfe, bis ihn endlich spanische Rettungsleute bergen konnten. Die 65-jährige Sarla Chand wird nach 50 Stunden von spanischen und französischen Rettungshelfern aus den Trümmern des Hotels Montana geborgen.

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Darlene Etienne empfängt die Medien mit einem breiten Lächeln. Schliesslich waren sie überraschend gekommen, um zu sehen, wie es der 17-Jährigen ein Jahr nach der Katastrophe geht. Darlene war am 27. Januar, 15 Tage nach dem Beben lebend aus den Trümmern gerettet worden. Ein französisches Rettungsteam grub sie frei aufgrund von Hinweisen der Anwohner, die ein leises Jammern gehört hatten.

Als man sie fand, war Darlenes Haut weiss vom Kalk der Wände. Sie sah aus wie ein Gespenst. Ihre Augen sassen tief in den Höhlen und blickten leer. Ein Retter erzählte später der Nachrichtenagentur AP, das Mädchen sei in letzter Minute geborgen worden. Sie hätte nicht viel länger unter den abgebröckelten Betonblöcken und den verbogenen Stahlstäben durchgehalten.

Um sie herum wurden tagelang Menschen gerettet, nur sie nicht

Heute wohnt Darlene bei der Grossmutter im ländlichen Artibonite Valley, drei Autostunden von der Hauptstadt Port-au-Prince entfernt. Darlene lächelt, die Spuren der Tragödie in ihren Augen immer noch sichtbar. Sie erinnert sich genau an den Tag, an dem sie gerettet wurde, sagt sie. Sie sei all die Tage unter den Trümmern bei Bewusstsein und hellwach gewesen – im Gegensatz zu anderen Überlebenden, die nach der Bergung berichten, wie sie die Tage in einer Art Halbschlaf verbrachten.

In den ersten Tagen habe sie laut geschrien, doch der Lärm der Bagger, die Sirenen und das Geschrei der Anwohner, die verzweifelt nach ihren Angehörigen riefen, überdeckten ihre Stimme. Sie verfolgte aufmerksam, wie die Maschinen Steinblöcke in ihrer Nähe entfernten. Jedes Mal meinte sie: «So, jetzt holen sie mich raus», doch dann war es jemand anders gewesen.

«Hier gibt es nichts mehr»

Darlene war neun Tage vor dem Beben von Zuhause ausgezogen, um bei ihrem Cousin und seiner Frau zu wohnen. Von dort war der Weg zur neuen Schule viel kürzer. Beim Erdbeben starb die Frau ihres Cousins, als eine Wand über sie stürzte. Keiner erwartete, Darlene lebend zu finden. Erst als ein Nachbar Steine aus dem Weg räumte, hörte er ihre leisen Hilferufe. Sie gab ihm die Telefonnummer ihrer Familie, die sofort einen Rettungstrupp alarmierte.

Ihre erfolgreiche Rettung wurde in den Medien wie ein Wunder gefeiert. Sie selber erkennt sich kaum auf den Bildern von damals. Eine Zukunft in Haiti sieht sie nicht. Ihre Mutter sucht nach einer Möglichkeit, Darlene ins Ausland zu schicken. «Hier gibt es nichts mehr», sagt sie

(kle)