Cholera in Haiti

15. November 2010 14:11; Akt: 15.11.2010 14:32 Print

Der schleichende Tod in Cité SoleilDer schleichende Tod in Cité Soleil

von Jonathan Katz, AP - Die Cholera hat das von Erdbeben, Überschwemmungen und Hunger geprüfte Land fest im Griff. Die Seuche breitet sich rapide in den Slums von Port-au-Prince aus.

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18. November 2010: Die Situation in Port-au-Prince eskaliert: Demonstranten errichteten Barrikaden und setzten diese in Brand gesetzt. Fahrzeuge der Vereinten Nationen und von ausländischen Hilfsorganisationen wurden mit Steinen beworfen. Die Polizei schoss Tränengas in die Menge. Bei den Protesten riefen Demonstranten: «Wir sagen nein zur MINUSTAH und nein zur Cholera.» Einige trugen Plakate mit der Aufschrift «Die MINUSTAH und die Cholera sind Zwillinge» bei sich. 17. November 2010: Für viele Menschen kommt die ärtzliche Hilfe zu spät. Auf den Weg in den Spitälern, um sich behandeln zu lassen, sterben Viele auf der Strasse. Die Behörden haben verboten, die Toten an die Verwandten herauszugeben. Sie kommen in Massengräber. 16. November 2010: Die Krankheit breitet sich rasant aus. Ein erster Cholera-Fall wird im US-Bundesstaat Florida gemeldet. Einige Patienten kommen völlig dehydriert und von starken Krämpfen geschüttelt in den Spitälern. «Bis zu 15 Liter Flüssigkeit verlieren die Kranken am Tag», erzählt ein Arzt. 15. November 2010: Wegen des Cholera-Ausbruchs haben in Port-au-Prince mindestens 1000 Demonstranten vor einem Stützpunkt nepalesischer UNO-Blauhelmsoldaten demonstriert. Zwei Menschen kamen dabei ums Leben. Bisher sind fast 1100 Menschen in dem verwüsteten Haiti an Cholera gestorben. In der Bevölkerung herrscht Angst und Verwirrung über die Krankheit. Die meisten Betroffenen gibt es auf dem Land. Verwandte tragen sie nach Port-au-Prince ins Krankenhaus. Oft in Schubkarren werden die Patienten zum Krankenhaus gebracht, die blassen Lippen ausgedörrt und aufgesprungen. 13. November 2010: Auf dem Krankenhausgelände haben die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen und das Gesundheitsministerium zusätzliche Zelte aufstellen lassen. Die Kranken liegen in Reihen nebeneinander, Infusionsschläuche im Arm. Wer zu schwach ist, sich zu bewegen, bekommt ein Bett mit Loch in der Mitte und Eimer drunter. 11. November 2010: In der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince wächst die Angst, die grassierende Cholera-Epidemie könnte völlig ausser Kontrolle geraten. «Port-au-Prince ist ein einziger ausgedehnter Slum», sagte der stellvertretende Chef der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation (PAHO), Jon Andrus. Die Hygiene-Standards seien miserabel, die Versorgung mit sauberem Wasser mangelhaft. Der Hurrikan «Tomas» hatte am 6. November 2010 grosse Schäden auf der Insel angerichtet und viel Niederschlag gebracht. Den Behörden bereiten vor allem die prekäre Lage der rund 1,3 Millionen Menschen grosse Sorgen, die seit dem schweren Erdbeben in hunderten provisorischen Unterkünften und Zeltlagern leben. Verzweifelte Szenen werden auch aus anderen Städten im Norden des Karibikstaates gemeldet. Viele Menschen sterben auf dem Weg ins Spital, weil kein Taxi sie befördern will. Im Arbonite-Tal werden die meisten Cholera-Fälle registriert, dort steigt die Zahl der Erkrankten rapide an. Ist dies der Grund für die Cholera-Epidemie? Ein Tanklaster entlädt Exkremente von Nepals Friedenssoldaten. Die nepalesischen UNO-Soldaten gerieten unter Verdacht, weil der Cholera-Ausbruch am Fluss Artibonite in der Nähe ihres Lagers begann. Sie trafen im Oktober in Haiti ein. Kurz zuvor hatte es in Nepal eine Cholera-Epidemie gegeben. Eine Woche nach der Ankunft der UNO-Soldaten begann die Cholera-Epidemie in Haiti. 25. Oktober 2010: Kranke liegen in einem Gang des Spitals in St. Marc. 24. Oktober 2010: Zwei Männer tragen den Sarg von Frist Fleurant (10), der an Cholera gestorben ist in Rossignol. Eine Verwandte schiebt einen kaputten Wagen, auf dem der Sarg von Tikont Dolamard (36) auf den Friedhof von Dessalines gefahren wird. Tikont Dolamard wird in Dessalines beerdigt. Die UNO fürchtet sich vor allem vor einem Übergreifen der Epidemie auf die Zeltlager der Erdbebenopfer, wie hier in Port-au-Prince. Unter den Erkrankten hat es viele Kinder. Sie werden in den Spitälern behandelt. Die medizinische Versorgung ist aber bei Weitem nicht genügend. Die Leute warten, wie hier in Saint Marc, auf die Behandlung. Ein amerikanischer Arzt versucht zu helfen. Kleine Kinder mit den Krankheitssymptomen bekommen ein Serum. Das Leiden der Erkrankten ist gross. Oft helfen Verwandte bei der Pflege.

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In einer hölzernen Schubkarre wird die bewusstlose Frau zum Krankenhaus gebracht, die blassen Lippen ausgedörrt und aufgesprungen. Sie ist 22 und war vor zwei Tagen noch gesund und munter. Der krankenhausgrün gestrichene Korridor zur Klinik ist voll mit Opfern der Choleraepidemie, die die Hauptstadt Port-au-Prince erreicht hat.

Gut drei Wochen, nachdem erstmals in Haiti ein Ausbruch der Krankheit bestätigt wurde, sind ihr nach Stand vom Sonntag schon mindestens 917 Menschen zum Opfer gefallen; mindestens 14 600 mussten in Krankenhäuser eingeliefert werden. Fachleute schätzen die tatsächliche Zahl der Toten und Kranken noch höher ein. Die meisten Betroffenen gibt es auf dem Land. Doch nach dem Betrieb in dem Krankenhaus zu schliessen, breitet sich die Seuche im dichtbesiedelten Elendsviertel Cité Soleil und vielleicht in der gesamten, 2,5 Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt Port-au-Prince rapide aus.

Bleiche zur Desinfektion

Ein Vater trägt seine kleine Tochter auf den Armen, ganz schlapp ist das Mädchen, eingehüllt in eine gelbe Decke. Die zweijährige Clercilia Regis hat seit drei Tagen Durchfall. Seit die Angst vor der Krankheit umgeht, hielten sich ihre besorgten Eltern an den Rat des Pastors und gaben zur Desinfektion etwas Bleichmittel und Limettensaft ins Wasser. Clercilia wurde trotzdem krank. Erst schien es ihr gar nicht so schlecht zu gehen, erzählt ihr Vater Jedson Regis. Aber dann: «Gestern Abend gegen sieben wurde es richtig schlimm.» Die Kleine schied Flüssigkeit aus, dass den Eltern angst und bange wurde. Doch im Dunkeln, in der unsicheren Gegend, konnten sie nichts unternehmen.

Als es hell wurde, trug Regis seine Tochter zum Hospital Saint Catherine Laboure. Unterwegs kam er an den Kanälen vorbei, die der Seuche eine ideale Brutstätte bieten: grünlichbraune Brühe voller Plastikmüll und menschlichen Exkrementen. Auf dem Krankenhausgelände haben die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen und das Gesundheitsministerium Zelte aufstellen lassen. Die Kranken liegen in Reihen nebeneinander, Infusionsschläuche im Arm. Wer zu schwach ist, sich zu bewegen, bekommt ein Bett mit Loch in der Mitte und Eimer drunter. Die Frau im Schubkarren muss dort hin, wo die allerschwersten Fälle behandelt werden.

Ursprung der Seuche unklar

Symptome der Cholera sind schwerer Durchfall, Erbrechen und Fieber. Der Flüssigkeitsverlust kann zum Tod führen. Keiner weiss, wie die Krankheit nach Haiti kam. Nach dem verheerenden Erdbeben vom 12. Januar war mit dem Ausbruch von Seuchen gerechnet worden, doch diese kam aus heiterem Himmel. Noch nie zuvor hatte es in Haiti einen bestätigten Fall von Cholera gegeben.

Bislang geht niemand der Sache nach. Es besteht der Verdacht, dass der Erreger von UN-Friedenssoldaten aus Nepal eingeschleppt wurde. Doch das ist ein politisch heikles Thema, und Gesundheitsorganisationen, die Nachforschungen anstellen könnten, haben mit der Eindämmung der Krankheit zu tun.

Nach offiziellen Angaben von voriger Woche gab es in Port-au-Prince einen Toten und 175 Erkrankte, doch diese Zahlen waren schon vor ihrer Veröffentlichung überholt. Überall aus der Hauptstadt werden Infektionen gemeldet, aus Notunterkünften, Slums und Wohnvierteln. «Wenn hygienische Zustände herrschten, könnten wir vielleicht sagen, wir hätten die Lage im Griff», sagt die Ärztin Juliet Olivier vom Team der Ärzte ohne Grenzen im Krankenhaus. «Die Krankheit ist leicht zu behandeln, aber die Patienten brauchen lange, bis sie zum Arzt kommen.»

Kein sauberes Wasser, keine Latrinen

Draussen herrscht reger Betrieb. Marktfrauen verkaufen kleine Mahlzeiten, und auch die Jungs mit den Plastiksäcken mit Wasser, das sauber ist oder auch nicht, machen ein gutes Geschäft. Clercilia Regis und ihre Familie nahmen Leitungswasser, als sie sich das von der Kirche gegen ein paar Cent ausgegebene Wasser nicht leisten konnten. Latrinen gibt es in ihrer Strasse kaum. Die Eimer mit Fäkalien, auch mit den Ausscheidungen des kranken Kleinkinds, werden in einem leerstehenden Haus ausgekippt.

Am Nachmittag kommt Regis wieder aus dem Krankenhaus, seine Tochter in den Armen. Clercilias steifer Körper steckt in einem Plastiksack. Den Totenschein hält der Vater in der Hand. «Es war doch Nacht, ich konnte sie erst morgens herbringen», sagt er. Er hat kein Geld für eine Beerdigung und keine rechte Vorstellung, was er mit dem Leichnam seiner Tochter tun soll. Regis rückt die Last in seinen Armen zurecht und trägt seine Tochter nach Hause, eingehüllt in ihre gelbe Decke.