Erdbeben in Haiti

14. Januar 2010 16:20; Akt: 14.01.2010 21:35 Print

Der schlimmste Tag für die UNODer schlimmste Tag für die UNO

von Peter Blunschi - Für die Vereinten Nationen ist das Erdbeben von Haiti ein traumatisches Ereignis: Etwa 150 UNO-Mitarbeiter werden vermisst. Die Weltorganisation dürfte mehr Menschen an einem Tag verloren haben als je zuvor.

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UNO-Blauhelmsoldaten bergen einen ihrer Kameraden. (Bild: MINUSTAH)

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Vor dem UNO-Hauptquartier in New York weht die blaue Flagge mit der weissen Weltkarte auf Halbmast. Im Generalsekretariat rang man am Mittwoch mit der Tatsache, dass das Erdbeben nicht nur verheerende menschliche und materielle Schäden verursacht, sondern auch die Organisation selbst schwer getroffen hat. «Es ist ein sehr schwieriger Zeitpunkt für uns alle», sagte Untergeneralsekretärin Susana Malcorra der «New York Times».

Das mausarme, stark von internationaler Hilfe abhängige Haiti ist ein Schwerpunktland der Vereinten Nationen. Die UNO-Mission zur Stabilisierung von Haiti (MINUSTAH) besteht neben rund 2000 zivilen Mitarbeitern aus etwa 9000 Blauhelm-Soldaten und Polizisten. Von ihnen kamen 16 ums Leben: Elf Brasilianer, drei Jordanier, ein Argentinier und ein Soldat aus dem Tschad. Sieben Brasilianer starben, als ein Gebäude über ihrem Checkpoint kollabierte.

Missionschef unter den Opfern?

«Es ist eindeutig einer der tragischsten Tage für die UNO-Friedenstruppen», sagte Alain Le Roy, der für die Friedensoperationen zuständige Untergeneralsekretär. Die Bilanz könnte am Ende sogar auf den verlustreichsten Tag seit Gründung der Vereinten Nationen im Jahr 1945 hinauslaufen. Denn rund 150 UNO-Mitarbeiter werden vermisst. Es wird angenommen, dass die meisten unter den Trümmern begraben liegen.

Vermisst werden auch der Chef der UNO-Mission, der Tunesier Hedi Annabi, sowie sein Stellvertreter Luiz Carlos da Costa. Zum Zeitpunkt des Erdbebens befanden sie sich an einem Treffen mit einer Polizeidelegation aus China im obersten Stock des Christopher Hotel in Port-au-Prince, dem MINUSTAH-Hauptquartier. Das in den 60er Jahren erbaute Gebäude ist laut Susana Malcorra verstärkt worden, dennoch fiel es in sich zusammen. Die bislang rund zehn Überlebenden hätten sich alle in den unteren Stockwerken befunden.

Zwischen Schock und Schuldgefühlen

Berichte, wonach Annabi ums Leben kam, konnten von der UNO am Mittwoch noch nicht bestätigt werden. Etwa 100 der vermissten Mitarbeiter werden in den Trümmern des Hauptquartiers vermutet, rund 40 in einer Anlage, in der sich Unterorganisationen wie das Entwicklungsprogramm und die Aids-Organisation einquartiert hatten. Zehn weitere Mitarbeiter haben sich in einer nahegelegenen Villa befunden.

Die überlebenden UNO-Leute in Haiti befinden sich laut Malcorra in einem Zustand zwischen Schock und Schuldgefühlen gegenüber den verschütteten Kollegen. Gleichzeitig aber müssen sie sich auch um die vom Erdbeben betroffenen Menschen auf Haiti kümmern. «Wir müssen die Prioritäten ausbalancieren zwischen dem Wunsch, unsere Leuten zu retten, und der Hilfe für die vielen Haitianer», sagte die Untergeneralsekretärin der «New York Times».

Ban und Clinton reisen nach Haiti

Die grössten Verluste erlitten die Vereinten Nationen in den letzten Jahren durch Terroranschläge. Beim Attentat auf das UNO-Hauptquartier in Bagdad 2003 starben 22 Menschen, darunter der Missionschef. Mehr als 40 Opfer forderten Bombenanschläge auf zwei Gebäude in Algier 2007. Der Blutzoll auf Haiti dürfte deutlich höher sein. Der Karibikstaat galt als begehrter Arbeitsort, nur einen kurzen Flug von New York entfernt.

UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon kündigte an, bald ins Erdbebengebiet reisen zu wollen, zusammen mit dem früheren US-Präsidenten Bill Clinton. Er ist seit 2009 der UNO-Sondergesandte für Haiti. Er brauche Clintons Hilfe dringend, erklärte der Generalsekretär: «Er hat als Gouverneur, als Präsident und auch während der Flutkatastrophe in New Orleans bewiesen, wie er mit seiner Reputation Hilfe organisieren kann.»